Das Märchen von der Gewaltspirale in Leipzig

Seit dem Angriff von Faschisten in Connewitz am 11. Januar 2016 wird von mehreren Seiten eine vermeintliche “Gewaltspirale” prophezeit. Dabei stellt sich die Frage, wo ihr angeblicher “Anfang” liegen und was die nächste “Stufe” oder der erwartete Höhepunkt sein soll.

Glaubt man dem Historiker Sascha Lange, so war der 11. Januar “von seinen Ausmaßen her […] der verheerendste Nazi-Überfall in Leipzig seit dem 9. November 1938”. Auch wenn Lange langsam zurückrudert, waren seine Aussagen eine Relativierung der NS-Zeit und des faschistischen Terrors der letzten Jahrzehnte in Leipzig.

“Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Toten zu beklagen sind”, sagt derweil LKA-Chef Jörg Michaelis und wartet auf Tote, als ob es sie noch nicht gegeben hätte. In Leipzig gab seit 1990 mindestens acht Todesopfer rechter Gewalt, hinzu kommen zwei Verdachtsfälle. In ganz Sachsen sind mindestens 20 Todesopfer rechter Gewalt zu zählen.

In Leipzig wurde zuletzt im Jahr 2010 Kamal K. ermordet. Einer der Täter ist Daniel Kappe, Sohn eines Leipziger Polizisten mit rechten Einstellungen. Beschlagnahmt wurde beim Polizistensohn Kappe nichts, und vor Gericht zeichneten sich die PolizeizeugInnen eher durch Wissenslücken und Desinteresse über rechte Hintergründe aus als durch Ermittlungsarbeit. Allerspätestens seit 2010 ist der “braune Schatten” über Leipzigs Polizeidirektion keine Überraschung mehr.

Für den sächsischen Verfassungsschutz zeichnet sich der Beginn der “linksextremen Gewalt” in Leipzig mit einem Aufruf aus dem Jahr 2014 und einer Reihe von Angriffen auf Faschisten ab. Das Bild ist klar: Die Linken haben angefangen und bekommen jetzt von Faschisten und Staat die Quittung.

Dass diese Behörde gefühlt keine Unterstützung von KameradInnen auslässt und ihr Chef zu Unterstützern des Rechtsterrorismus in diesem Land gehört, sei nur noch am Rande erwähnt.

In Ermangelung von Fakten innerhalb der vielen Beiträge der letzten Tage folgt eine unvollständige Auswahl rechten Terrors in Leipzig und der damit zusammenhängenden Repression. Gerade der Vergleich des 11. Januar 2016 mit den Neunziger Jahren sollte so besser beurteilt werden können.

Die folgende Aufzählung entstammt der Broschüre “Leipzig ganz rechts – eine Dokumentation rechtsextremer Aktivitäten in Leipzig 1989-1995”.

29. Januar 1990. Nach der Montagsdemo marschieren ca. 200 Faschos durch die Leipziger Innenstadt, zelebrieren Sprechchöre wie “Rotfront verrecke”, “Modrow, Gysi an die Wand – Deutschland einig Vaterland”, “Sieg Heil” und “Ausländer raus”. Sie verprügeln Jugendliche, die ihrem Feindbild entsprechen, und attackieren Fotografen. Die Polizei greift nicht ein.

5. Februar 1990. Nach der Montagsdemo ziehen 250 Faschos durch die Innenstadt in Richtung Milch-Mokka-Eisbar und skandieren “Ausländer raus”. Später werden die Scheiben des Hotels “Stadt Leipzig” eingeschlagen. Die Polizei verhaftet drei Faschos, unter anderem den westdeutschen FAP-Funktionär Siegfried Borchardt.

Ende Februar/Anfang März 1990. Rechtsradikale überfallen mehrmals mit Steinen und Brandflaschen ein besetztes Haus in der Kreuzstraße 28 im Stadtbezirk Reudnitz. Wohnungen und Aufenthaltsorte vermeintlicher “Linker” werden zu beliebten Angriffsobjekten, meist nach der Disco unter Alkohol, aber auch straff durchorganisiert in der Gruppe.

14. März 1990. Wenige Tage vor der ersten “freien” Wahl in der DDR spricht Helmut Kohl vor Hunderttausenden auf dem Karl­-Marx-Platz, dem selbsternannten “Platz vor der Oper”. Einige GegendemonstrantInnen stehen am Mendebrunnen. Unter den Augen der BürgerInnen marschieren etwa 40 Faschos im Block auf und eröffnen eine Hetzjagd auf die GegendemonstrantInnen, Linke und AusländerInnen, die sich in die Uni-Mensa flüchten müssen.

Faschos und BürgerInnen versuchen Hand in Hand, in die Mensa einzudringen, und werfen die Scheiben mit Betonmüllbehältern und anderen Gegenständen ein. In der Mensa gibt es acht Verletzte, darunter eine schwangere Schwerverletzte. Die BiederbürgerInnen der Kohl-Kundgebung schauen unter Beifall zu und stacheln so die vermummten Nazi-Kids noch an, die am Mensa-Eingang mit Jugendlichen kämpfen, die ihr Eindringen in die Mensa verhindern.

7. Juli 1990. In der Connewitzer Stockartstraße werden gegen 0:45 Uhr die besetzten Häuser der dortigen Connewitzer Alternative, die durch Instandbesetzung den Abriss Altconnewitz’ verhinderte, angegriffen. Mehrere Scheiben werden eingeschlagen und drei Brandsätze geworfen, die aber keinen weiteren Schaden anrichten. Die Connewitzer Alternative hat bis dato sechs Anzeigen wegen solcherart Anschläge gestellt, denen von Seiten der Polizei aber nicht nachgegangen wird. In diesen Wochen werden immer öfter als Punks, Alternative oder linke StudentInnen auf offener Straße aus Autos heraus angepöbelt oder zusammengeschlagen.

4. August 1990. Die BesucherInnen eines The-Cure-Konzerts auf der Festwiese am Zentralstadion werden unter den Augen der Polizei von etwa 100 Faschos angegriffen. Diese werden jedoch von einer Handvoll Jugendlicher kurz vor dem Eingang gestoppt und zum Rückzug gezwungen. Die Faschos sind extra aus diesem Anlass aus mehreren Städten, u.a. Chemnitz, Zwickau und Halle, angereist und verzichten auf das Neonazi-Outfit.

Im Laufe des Abends kommt es immer wieder zu Übergriffen auf KonzertbesucherInnen und in der Nähe des Hauptbahnhofes wird eine Straßenbahn von ca. 100 im Spalier stehenden Faschos angegriffen. Es werden mehrere AusländerInnen zusammengeschlagen.

In der “Wiedervereinigungsnacht” vom 2. zum 3. 0ktober 1990 sammeln sich wie üblich einige Dutzend Faschos auf dem Bahnhof. Aber auch aus den umliegenden Städten ist Verstärkung angereist. So z.B. eine starke Abordnung des “Gau Franken” der GdNF, die in mehreren PKWs mit wehender Reichskriegsfahne in Leipzig einrollt.

Kurz vor Mitternacht ziehen ca. 100-150 Nazis bewaffnet durch die Innenstadt, stören auf dem Marktplatz ein Konzert der Band Renft und bedrohen die ZuschauerInnen. AusländerInnen werden bedrängt und schließlich wird regelrecht Jagd auf sie gemacht. Der rechte Mob zieht weiter hinauf zur Moritzbastei und liefert sich dort mit der Polizei eine Straßenschlacht.

Wenig später wird die Kinder- und Jugendvilla in der Karl-Tauchnitz-­Straße, nur wenige hundert Meter entfernt, angegriffen. Während einige Faschos mit ihren PKWs die Straße absperren, stürmen etwa 100 andere aus dem nahe gelegenen Park heraus und werfen fast alle Fensterscheiben des Hauses ein.

Die diesmal hinzukommende Polizei nimmt in diesem Zusammenhang 45 Personen fest, verlässt jedoch sogleich wieder den Ort des Geschehens, obwohl sich noch etwa 60 der Angreifer im angrenzenden Clara-Zetkin-Park aufhalten. Trotz der an der Villa verhafteten Faschos teilt die Staatsanwaltschaft Wochen später den MitarbeiterInnen der Villa mit, dass die Täter nicht ermittelt werden konnten.

27. 0ktober 1990. Nach dem Fußballspiel des VfB gegen Frankfurt ziehen wieder hunderte Jugendliche mit rechten Parolen durch die Leipziger City. Die Polizei greift nicht ein. Abends sammeln sich Faschos an der Disco Delicata in Connewitz, von der sie dann unter “Sieg Heil!”-Rufen Richtung Stockartstraße losmarschieren.

Zuvor werden an der naTo noch Fensterscheiben zerstört und an der Tankstelle Süd PassantInnen mit Steinen angegriffen. Die BewohnerInnen der Stockartstraße in Connewitz, denen der Überfall gilt, können noch rechtzeitig gewarnt werden und verbarrikadieren ihre Häuser, denn mittlerweile wissen sie, dass bei solchen Überfällen mit dem Schlimmsten zu rechnen ist und die Polizei sowieso immer zu spät kommt.

In der angrenzenden Biedermannstraße steht jedoch dieses Mal sogar ein vollbesetzter Polizei-Mannschafts­-LKW. Kurz vor dem Überfall der Faschos fährt dieser aber weg. So können die 150 mit Knüppeln und Leuchtspurgeschossen bewaffneten Faschos und rechten Hools ungehindert von zwei Seiten die Häuser der Stöckartstraße mit Brandsätzen, Steinen und Leuchtspurgeschossen angreifen. Alle Fenster der Erdgeschosszone werden mit Baseballschlägern zertrümmert und es wird versucht, in die Häuser einzudringen.

Vereinzelt werfen Bewohner und BesucherInnen aus den Häusern Gegenstände auf die Straße zurück, um das weitere brutale Vordringen der Faschos zu stoppen. Nach einer Weile ziehen sich die Angreifer dann auf die anliegende Bornaische Straße zurück, um sich mit der nun eintreffenden Polizei noch eine kurze Straßenschlacht zu liefern. Dabei werden zwei Faschos angeschossen, als sie auf eine Streifenwagenbesatzung mit Eisenstangen losgehen.

Lächerliche drei Personen nimmt die Polizei schließlich fest. Und das Leben in der Stadt geht weiter, als wäre nichts passiert.

31. Oktober 1990. Am Rande der Dreharbeiten des in der Nazizeit spielenden Films “Shining Through” sammeln sich rechte Jugendliche am mit Hakenkreuzfahnen ausstaffierten Hauptbahnhof. Die Dreharbeiten bringen viel Geld ein und kein Verantwortlicher macht sich Gedanken, was die Szenerie bei den neonazistisch eingestellten Jugendlichen der Stadt auslöst. Diese baden sich im nationalsozialistischen Outfit des Bahnhofs und fühlen sich als Hausherren.

Ein älterer russischer Leipzig-Besucher bekommt eine Herzattacke, als er sich dem Treiben auf dem Bahnhof ausgesetzt sieht. Von Linken und AusländerInnen muss der Bahnhof in diesen Tagen gemieden werden, da die Polizei dem rechten Treiben keinen Einhalt gebietet.

23. Februar 1991. Mittags warten Leipziger Hools und Faschos am Hauptbahnhof auf Magdeburger Fußballfans. Diese kommen aber nicht, weil das Spiel kurzfristig abgesagt wurde. Gegen 14 Uhr überfallen dann achtzig Faschos trotz anwesender Polizei (200 Beamte waren im Einsatz) das Friedenscamp vor dem Gewandhaus. Anschließend randalieren sie noch in der Innenstadt und zerstören Schaufensterscheiben. Sie liefern sich Knüppelschlachten mit der Polizei, die jedoch erst viel später 17 rechte Jugendliche festnimmt. Die Faschos haben inzwischen gelernt, dass es mitunter günstig ist, sich bei Überfallen zu vermummen.

20. Juni 1991. Etwa 50-100 mit Knüppeln bewaffnete Faschos und rechte Hools sammeln sich am Nachmittag in der Innenstadt und machen Jagd auf Hütchenspieler und andere AusländerInnen. Dabei kommt es zu regelrechten Hetzjagden.

Die Polizei ist zu einem Einsatz nicht in der Lage, weil sie zur gleichen Zeit einen “illegalen Automarkt in der Lindenthaler Staße aushebt”. Am Nachmittag des nächsten Tages sammeln sich wieder etwa 40 Faschos und ziehen durch die Innenstadt und zum Hauptbahnhof, wo sie PassantInnen zusammenschlagen und mit Leuchtspurmunition schießen.

Die Aktivitäten der seit dem Vormittag mit 150 Beamtinnen in der Stadt präsenten Polizei beschränken sich auf die Verfolgung eines Audi 80, aus dem am Vortag Schlagwerkzeuge ausgeteilt worden waren. Der Beifahrer des Wagens wird von einem Zivilpolizisten erschossen, nachdem das Auto gestoppt worden ist. Später werden Schlagwerkzeuge, darunter Kanteisen und Wechselkennzeichen, in dem Fahrzeug gefunden. Die 40 Prügelfaschos aus der Innenstadt können ungestört wieder abziehen.

23. Juni 1991. Gegen 18 Uhr sammeln sich auf dem Sachsenplatz nach einem Fußballspiel etwa 70 Faschos und rechte Hools, beschimpfen und bedrohen PassantInnen, allen voran der “Reudnitzer Rechte” Kevin Dehn. Ihr Auftreten ist an diesem Tag derart aggressiv, dass es auch die Polizei schafft, vor Ort zu erscheinen.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt sich eine Straßenschlacht mit der Polizei, bei der einige Beamte Stühle auf die rechten Hooligans werfen. Obwohl hinter den Hetzjagden durch die City ganz klar rassistische Motive stecken, schreibt die Leipziger Presse ständig von Hooligans und Randalierern. Der rechtsradikale Hintergrund wird bei der Berichterstattung völlig ausgeklammert.

31. August 1991. Die Fascho-Band “Störkraft” spielt im Grünauer Jugendklub “Arena”. Im Anschluss an das Konzert versuchen etwa 70 Faschos, mit Steinen, Knüppeln und Brandflaschen das AsylbewerberInnenheim in der Liliensteinstraße in Leipzig-Grünau zu stürmen. Beteiligt sind Faschos aus Dresden, Hamburg, Halle, Hannover und Leipzig, unter ihnen auch Mitglieder der FAP.

Jugendliche aus der Umgebung reden in einem Fernsehinterview von einem erneuten Angriff, der diesmal besser geplant werden soll. In der selben Nacht wird ein besetztes Haus in Leipzig-Connewitz mit einem Brandsatz angegriffen. Die BewohnerInnen verhindern, dass nennenswerter Schaden entsteht.

Angespornt von den Ereignissen im sächsischen Hoyerswerda, provozieren vor dem 3. Oktober 1991 tagelang rechte Jugendliche vor dem Flüchtlingsheim in der Grünauer Liliensteinstraße. Am ersten Jahrestag der “Wiedervereinigung” demonstrieren 400 LeipzigerInnen gegen die Welle von rechten Überfällen auf Flüchtlinge und AusländerInnenwohnheime. Die DemonstrantInnen wollen an diesem Abend das Flüchtlingsheim in der Liliensteinstraße vor Angriffen schützen.

Während die Demonstration, begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot, vor dem Grünauer Flüchtlingsheim zu Ende geht, parken gegen 17:15 Uhr 50 Faschos ihre Autos am Connewitzer Kreuz, ziehen von hier in die nahegelegene Auerbachstraße und werfen etwa zehn Brandsätze in die Kneipe “KO Backwahn”. Die Büroräume brennen völlig aus, das Backwahn macht für immer dicht.

Ein Übergreifen des Feuers auf die in der zweiten Etage befindlichen Wohnräume kann verhindert werden. Die FaschistInnen nahmen an, einen vernichtenden Schlag gegen die linken Autonomen in Connewitz geführt zu haben, hatten aber lediglich eine eher unpolitische Alternativ-Kneipe abgebrannt. Die BetreiberInnen des “KO Backwahn” hatten angenommen, durch ihr “Unpolitisch-sein” aus dem Fadenkreuz der FaschistInnen zu kommen. Nun hatte sie die Wirklichkeit eingeholt.

Die Polizei beschränkt sich an diesem Abend darauf, ein Dutzend linker Jugendlicher festzunehmen, die das Flüchtlingsheim in Grünau schützen wollten. Wenig später versuchen ca. 15 Faschos, unter ihnen Sven Drescher, in das Grünauer Komm-Haus einzudringen, werden aber von mehreren Leuten daran gehindert. So reagierten sich die Faschos an den Scheiben einer benachbarten Kaufhalle ab.

9. Oktober 1991. In den frühen Morgenstunden wird das besetzte Haus in der Connewitzer Leopoldstraße 13 von ca. 30 vermummten Faschos in Kampfanzügen überfallen, die mit einem Autokonvoi von ca. zehn Fahrzeugen in den Stadtteil eindringen. Drei der BewohnerInnen werden krankenhausreif geschlagen, einem werden mehrfache Armbrüche zugefügt. Die Faschos versuchen auch, das Haus in Brand zu stecken, was ihnen aber nur zum Teil gelingt. Im Anschluss wird ein junger Mann auf der Straße zusammengeschlagen. Die Faschos fügen ihm mehrere Schädelbrüche zu, schwerstverletzt wird er auf die Intensivstation eingeliefert.

Die vermeintliche Hochburg der “Linken”, der StudentInnenclub Moritzbastei in der Leipziger Innenstadt, wird immer öfter zum Ziel der Faschos. Am 1. November 1991 wird abends vor der mb ein Ausländer von Faschos zusammengeschlagen. Am nächsten Abend sind die selben Faschos an der mb und suchen nach Opfern.

Hinzukommende Jugendliche, die gegen den rechten Terror angehen, verfolgen die Faschos durch die Stadt bis zum “Club 21”. Kevin Dehn (“Reudnitzer Rechte”) bleibt die Tür verschlossen und seine “Kameraden” überlassen ihm seinem Schicksal. Zwei Tage später wird gegen 20:10 Uhr am Hauptbahnhof ein Mensch aus Afrika von einem Fascho niedergestochen und schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert.

14. Februar 1992. “Nur so zum Spaß” überfallen 16 Faschoskins die Gaststätte Pappelteich in der Bornaischen Straße in Connewitz. Sie schlagen auf Gäste ein, zerschlagen Gläser, und nachdem sie Schnaps gestohlen haben, verschwinden sie wieder.

18. März 1992. Etwa 20 Faschos, unter ihnen Pierre Richter und “Bube”, halten sich am Abend im Biergarten in der Hainstraße auf und machen Jagd auf vorbeikommende Linke und AusländerInnen.

Gestärkt durch einen Nazi-Aufmarsch am 21. März, ziehen am 29. März 1992 gegen vier Uhr etwa 30 Faschos zu einem von StudentInnen bewohntes Haus in der Sternwartenstraße. Die AngreiferInnen setzen das Treppenhaus und die Durchfahrt in Brand. Außerdem beschädigen sie mehrere PKWs, die vor dem Haus geparkt hatten. Durch den Lärm geweckt, versuchen die BewohnerInnen aus dem Gebäude zu flüchten. Das Treppenhaus brennt allerdings schon stark, sodass die Leute, noch in Schlafanzügen, bei Minusgraden auf das vereiste Dach flüchten müssen.

Die Feuerwehr kommt erst nach einer Stunde. Die angreifenden Faschos, die hier den Tod mehrerer Menschen eingeplant hatten, waren Riccardo Sturm (er soll die Aktion geleitet haben), Ronny Goldberg, Rene Lehr, Mike Ziemann, Heiko Kühnert, Andre Böhme, Kevin Dehn, Pierre Richter, David Friedrich, Christian Gutekunst, Thomas Hellwig, Andy Kobus, Dennis Kölle, Ronny Löscher, Dietmar Osterhaus und Thomas Schlegel.

5. April 1992. Annähernd dieselben Leute sind in eine Schlägerei in der Villa verwickelt.

10. April 1992. In der Innenstadt wird ein 22-jähriger Radfahrer von Faschos, die ihn mit einem Opel Kadett jagen, mit einer Baseballkeule schwer verletzt. Einen Tag später machen wieder Faschos mit Autos Jagd auf vermeintliche Linke. Aus einem Trabant heraus, unter “Sieg Heil”-Rufen, wird ein 20-jähriger zusammengeschlagen. Er muss mit Schädelbasisbruch sowie zertrümmertem Kiefer und Nasenbein ins Krankenhaus.

In der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1992 versuchen die selben Faschos, die Wochen zuvor das Haus in der Sternwartenstraße und die Villa überfallen hatten, die besetzten Häuser in Connewitz anzugreifen. Der Versuch der etwa 30 Faschos, die mit Kleinbussen und PKWs am Connewitzer Kreuz vorgefahren waren und unter “Heil Hitler”-Rufen los ziehen, scheitert jedoch, weil sie sowohl in der Stockartstraße als auch in der Bornaischen Straße auf sofortigen entschlossenen Widerstand stoßen. Als die Polizei eintrifft, kann sie nur noch die angerichteten Sachschäden der Faschos an Schaufenstern und geparkten PKWs feststellen.

16. Juli 1992. Gegen 1:15 Uhr dringen drei Maskierte gewaltsam in eine von VietnamesInnen bewohnte Wohnung ein, zerschießen mit einer Schrotflinte im Schlafzimmer das Oberlicht und schlagen mit Gewehrkolben und Baseballschlägern auf einen 21-jährigen Vietnamesen ein. Zwei der Angreifer stehen im Hausflur Wache.

2. August 1992. Fünfzig Faschos überfallen gegen 4:20 Uhr nach einem Discobesuch das Flüchtlingslager Holzhausen. Sie verwüsten es systematisch und schlagen drei Rumänen, die sich ihnen entgegenstellen, zusammen. Einem von ihnen zertrümmern sie mit einem Baseballschläger die Kniescheibe, ein vieljähriges Mädchen wird von einem Stein am Kopf verletzt.

26. August 1992. Das Flüchtlingsheim in Markkleeberg wird in den frühen Morgenstunden von Faschos angegriffen. Sie fahren mit PKWs vor und bewerfen das Gelände mit Brandsätzen. Dieses Szenario wiederholt sich in den folgenden Nächten, ohne dass die Polizei einschreitet.

28. August 1992. Zum Fußballspiel des VfB gegen Rostock in Leipzig sprechen Leipziger Faschos die Rostocker an, ob sie mit ihnen ein Flüchtlingsheim überfallen würden. Gegen 23:30 Uhr wird eine wartende Menge Rostocker Fascho-Hools von Antifas aufgelöst.

Eine Stunde später versuchen etwa 100 Faschos das Flüchtlingsheim in Grünau zu stürmen. 360 Polizisten stoppen sie ca. 300 Meter vor dem Heim. Gegen 1:30 Uhr wird dann von 30 Faschos das Flüchtlingszeltlager in Holzhausen niedergebrannt und eine russische Handgranate gezündet.

Über die Herkunft der Handgranate gibt es verschiedene Spekulationen. Fakt ist, dass es ein konspiratives Treffen mehrerer Leipziger Fascho-Gruppen gegeben hat, bei dem eine Kiste Handgranaten verteilt wurde. Die Flüchtlinge können noch entkommen und werden von AnwohnerInnen versteckt. Ausgangspunkt des Überfalls ist, wie so oft, die Disco “Schauspielhaus”. Beteiligt waren u.a. Andre Böhme, Kevin Dehn, Pierre Richter, Heiko Kühnert, David Friedrich, Thomas Schlegel, Christian Gutekunst, Andy Kobus, Ronny Löscher, Thomas Hellwig, Dietmar Osterhaus und Dennis Kölle. Die Polizei stellt einige der Angreifer, zwei fliehen mit einem gestohlenen Opel Kadett und landen wenig später an einem Baum.

Danach trifft sich ein Fascho-Konvoi mit mindestens acht PKWs an der Tankstelle Marschnerstraße und füllt mehrere 1,5-Liter­-Plastikflaschen mit Benzin. Der Konvoi sammelt sich auf der Jahnallee am Ring und startet Richtung Connewitz. Dort wartete man bereits in den Straßen auf den befürchteten Angriff, sodass der Fascho-Konvoi unverrichteter Dinge weiterfahren muss. Gegen zwei Uhr werfen Faschos Brandsätze auf das Markkleeberger Flüchtlingsheim.

Um drei Uhr werden dann von Rostocker Fascho-Hools sechs Brandflaschen von der Bundesstraße 2 auf das Dach des Conne Island geworfen. Das Feuer wird rechtzeitig gelöscht. Die Füchtlinge aus dem Lager in Holzhausen werden nach dem Überfall in ein altes Kulturhaus in Lindenthal bei Wahren gebracht.

Dort sammeln sich bereits am nächsten Tag wieder Faschos und werfen Steine gegen das Gebäude. Erst als das Auto eines Flüchtlings in Flammen aufgeht, vertreibt die Polizei die Faschos. Zwei Tage später werden die Flüchtlinge auch von hier weggebracht.

1. September 1992. Ca. 500 Menschen demonstrieren in der Leipziger Innenstadt gegen die Überfalle. Hier läuft die Polizei mit 500 Einsatzkräften auf, um auf “linke Chaoten” aufzupassen.

Am Abend des 18. September 1992, einem Freitag, ziehen ca. 35 Faschos mit Reichskriegsflagge durch die Innenstadt. Unter ihnen ist Dirk Zimmermann in Uniform. Sie versuchen die Moritzbastei anzugreifen. Schon am Nachmittag gegen 15 Uhr wurde in der Straßenbahnlinie 15 ein rumänischer Mann von drei “Jugendlichen” zusammengeschlagen. Er musste mit schweren inneren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Am folgenden Montag versuchen Faschos in die Wohnung eines Pakistanis einzudringen. Der Versuch, die Wohnungstür einzuschlagen, misslingt, dafür werfen sie die Scheiben mit Flaschen ein. Der rassistische rechte Terror gegen Flüchtlinge lässt sich nicht mehr verschweigen.

Ausländerbeauftragte und VertreterInnen von ausländischen StudentInnen sprechen die Problematik am 29. September 1992 im Plenarsaal des Neuen Rathauses an. Leipziger Pfarrer verurteilen in Gottesdiensten die Verharmlosung der Verbrechen an AusländerInnen. Wie schon am Montag, als 400 Personen auf einem Schweigemarsch auf die Ereignisse in Deutschland hingewiesen hatten, ziehen am darauffolgenden Samstag 300 Menschen auf einer antifaschistischen Demonstration durch die Stadt.

Vor dem Kaufhaus “Horten” wird der Zug von rechten Skinheads mit Steinen und Leuchtspurmunition beschossen. Bei deren Verfolgung wird eine Straßenbahn beschädigt, was danach in den Medien als linke Gewalt hochgespielt wird.

Noch am selben Abend fliegen wieder zwei Brandsätze in ein von VietnamesInnen bewohntes Wohnheim in der Joseph-Zettler-Straße in Leipzig-Möckern. Hier ist keine Polizei-Hundertschaft zur Stelle, wie am Nachmittag für die “linken Chaoten”.

22. Januar 1994. In Threna bei Naunhof soll ein Faschokonzert stattfinden. Auftreten sollen die Bands “Oithanasie” aus Gera sowie “Toitonen” und “Oistar Proper” aus Leipzig. In einer Pressemitteilung machen unabhängige AntifaschistInnen darauf aufmerksam. Daraufhin kündigt der Wirt den Faschos den Saal. Das Konzert wird abgesagt. Außerdem wird an diesem Tag in Halle eine Faschokundgebung der Hamburger “Nationalen Liste” verboten.

Im Vorfeld kündigt daraufhin das sächsische Innenministerium an, dass die Polizei sich taktisch so vorbereite, dass eine Ausweichkundgebung in Leipzig von vornherein unterbunden werde. Dennoch treffen an diesem Tag mehrere Dutzend auswärtige Faschos in der Leipziger City ein. Etwa 50 versammeln sich im “Bierdorf” in der Hainstraße. Gegen 18:30 Uhr verlassen sie die Kneipe, ziehen durch die Innenstadt und schlagen mehrere Menschen zusammen.

Etwa 25 ziehen in den “Löwenpub” an der Berliner Straße in der Nähe des Hauptbahnhofs. Die von höchster Ebene vorbereitete Polizei ist mit “allen verfügbaren Einheiten” (Zitat Morgenpost) vor Ort, fühlt sich dennoch zahlenmäßig unterlegen und beschränkt sich auf Ausweiskontrollen.

Am Abend treffen sich dann ca. 20 Faschos im Stötteritzer Schreberheim. Dies sollte der Ausweichtreffpunkt für das ausgefallene Konzert sein. Auch in der Kneipe in Threna treffen sich etwa 25 Faschos. In derselben Nacht kommt es zu einem brutalen Faschoskin-Überfall in der Straßenbahn Linie 11. Gegen drei Uhr sitzen vier Jugendliche allein im Triebwagen und fahren Richtung Innenstadt. Ein vollbesetztes Auto fährt langsam neben der Bahn durch die Karl-Liebknecht-Straße. An der Haltestelle Hohe Straße stürmen vier Faschos den Triebwagen und schlagen mit Schlagringen auf die drei Jungen ein, einer wird mit Messerstichen verletzt.

Ein 16-jähriges Mädchen flüchtet ins Freie zur Fahrerkabine und ruft um Hilfe. Doch der Fahrer ignoriert die Geschehnisse. Als die Skins fertig und wieder raus sind, klingelt der Fahrer ab und fährt weiter. Zu keinem Zeitpunkt meldet er den Vorfall über den Notruffunk der LVB-Zentrale oder der Polizei. Die verletzten Jungen fahren vom Augustusplatz mit einem Taxi zurück, um ihre Freundin zu suchen. Diese hatte sich hinter einer Litfaßsäule vor den Angreifern zu verstecken versucht, wurde jedoch von den Faschos entdeckt und mit einem Pflasterstein schwer verletzt. Ihre Freunde finden sie bewußtlos und blutübertrömt, alle vorderen Zähne fehlen. Mit schwerer Gehirnerschütterung, Kieferbruch und einer Platzwunde quer durchs Gesicht muss sie ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Polizei ermittelt, will aber keinen Zusammenhang zu anderen Skin-Überfällen an diesem Wochenende sehen.

In diesem Zusamnhang ist wichtig zu wissen, dass Faschos in Autos zu dieser Zeit, aus Threna kommend, Jagd auf Punks machten, die sie bis nach Connewitz verfolgten. Augenzeugen zufolge war an diesen Überfällen auch der Probstheidaer Fascho Danny Joschko beteiligt.

17. Februar 1994. Es gibt es einigen Wirbel in der lokalen Presse, als durch einen Artikel im Wiener Kurier vom Vortag bekannt wird, dass der Österreichische Neonazi Hans-Jörg Schimanek in Leipzig untergetaucht ist. Schimanek wurde vor etwa einem Jahr in Österreich mit der Auflage, sich nicht politisch zu betätigen, aus der U-Haft entlassen. Er leitet in Leipzig nun eine Abbruchfirma, die eng mit der “Baubetreuung Mitteldeutschland GmbH” verbunden ist.

Die Staatsanwaltschaft Wien stieß auf Schimanek im Zusammenhang mit der Ermittlung zur Briefbombenaffäre in Österreich. Bei einem der Hauptverdächtigen, dem Ing. Peter Binder, wurde unter dem Namen “Jörg” eine Telefonnummer im Notizbuch gefunden. Unter dieser Nummer meldet sich die “BBM” in Leipzig.

Geschäftsführer der BBM ist Reinhard Rade, der am 7. August 1992 in Leipzig die Firma mit 50.000 Mark protokollierte. Der ehemalige Vorsitzende der “Jungen Nationaldemokraten”, Frank Kolender, arbeitet ebenfalls in der Firma. Rade und Schimanek kennen sich seit etwa 15 Jahren, auf jeden Fall aber auch durch gemeinsame Söldnerdienste in Surinam, Französisch-Guyana (1990) und in Kroatien (1992).

Am 4. März 1994 beginnt eine Gerichtsverhandlung gegen Grünauer Faschos. Dazu werden verschiedene Anklagepunkte verhandelt, vor allem Angriffe auf Flüchtlingsheime und AusländerInnen im Sommer 1992. Alle Angeklagten erhalten Bewährungsstrafen.

26. April 1994. Etwa 15-20 Hool-bzw. Faschotypen überfallen eine Party vor dem Neuen Rathaus zum Erhalt des Techno-Clubs “Distillery”. Sie stürmen aus einer Seitenstraße auf die ca. 200 BesucherInnen zu, schießen mit Leuchtspurmunition, werfen Steine und ziehen sich wieder zurück.

Während ein Großteil der BesucherInnen sich zuerst in Sicherheit zu bringen versucht, gelingt es einigen, die Faschos durch die Innenstadt zu verfolgen. Auf dem Rückzug der AngreiferInnen wird noch mindestens ein Jugendlicher schwer verletzt, als sechs Faschos auf ihn eintreten. Er erleidet ein Schädelhirntrauma sowie einen Unterkieferbruch und muss wochenlang im Krankenhaus liegen. Beim Angriff auf die Party wurden folgende Personen erkannt: Florian Fizzia, Tom Meckert, Ronny Löschner, Kai Voigt und Andre Schwanzer.

Die Broschüre “Leipzig – Es geht nicht nur um den 1. Mai” berichtet über weitere Überfälle von Neonazis:

Himmelfahrtstag 1996. Ca. 30 Neonazis überfallen eine Gruppe von linksorientierten Mädchen. Eine 15-jährige wird nach Schlägen mit Flaschen und Stuhlbeinen am Kopf verletzt. Sie muss mit einem Schädelhirntrauma und Platzwunden ins Krankenhaus.

11. Juni 1996. In Stötteritz wird eine Schule mit Hakenkreuzen beschmiert. Zwei Asylbewerber werden von Neonazis aus einer fahrenden Straßenbahn der Linie 11 geworfen. Davor wurden sie zusammengeschlagen. Beide Opfer müssen schwer verletzt ins Krankenhaus.

01. September 1996. In Eutritzsch wird ein von StudentInnen bewohntes Haus überfallen. Die Täter fallen mit Baseballschlägern über die Bewohner und deren Mobiliar her.

26. Mai 1997. An diesem Tag sind im Vereinssaal des Kirschberghauses 100 Neonazis anwesend. Ein Passant wird zusammen mit seinen Begleiter überfallen und mit Flaschen, Kanthölzern, Eisenstangen und Baseballschlägern bearbeitet. Anschließend will man sie mit dem Kremser überfahren. Sie müssen drei Tage ins Krankenhaus.

12. Juni 1997. Ca. 30 Neonazis überfallen ein alternatives Wohnprojekt in der Auerbachstraße.

09. März 1998. Nach einer Veranstaltung im Werk II überfallen 10 Neonazis einen Menschen aus Afrika und versuchen das Kulturzentrum mittels alter Plakate zu entzünden.

Es folgt ein Sprung in die letzten zehn Jahre mit Fußballbezug. Hier sei erwähnt, dass sich neben dem Angriff auf den “Roten Stern Leipzig” in Brandis noch zahlreiche weitere Angriffe auf den “Roten Stern” aufzählen ließen.

8. Dezember 2007. Rund 50 vermummte Personen stürmen gegen 22:30 Uhr eine Weihnachtsfeier im FC-Sachsen-Leipzig-Vereinsheim “Sachsenstube”, auf der sich Anhänger der Fangruppierung “Diablos” mit Familienmitgliedern und Freunden befinden. Die anwesenden Personen werden u.a. mit Baseballschlägern, Schlagringen, Leuchtraketen, Teleskopschlagstöcken und einer Gaspistole angegriffen, es gibt mehrere Verletzte. Das Inventar wird stark beschädigt und der Tresen angezündet, der Sachschaden liegt bei 100.000 Euro.

Der Angriff war vorher bekannt: Der Präsident des 1. FC Lok Leipzig, Steffen Kubald, hatte die Polizei am Abend über die Pläne der Hooligans informiert. Zwar war dann Polizei anwesend, zog jedoch gegen 22:00 Uhr wieder ab. Wenige Minuten später erfolgte der Überfall. Unter den Angreifern sollen sich u.a. Mitglieder der rechten Hooligangruppierungen “Blue Caps” und “Scenario Lok” befunden haben. Ein Mitglied von “Scenario Lok”, Janek Zander, wurde im Dezember 2008 zu einer Haftstrafe verurteilt.

20. April 2008. Die Neonazis Thomas Kuhbach, Robert Mäuslein, Kai Mose und Enrico Wobst versuchen den “Fischladen”, eine Kneipe aus dem Umfeld des Roten Stern Leipzig, die sich im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses in Connewitz befindet, in Brand zu setzen. Von der Strafverfolgung wurde später abgesehen.

3. Januar 2009. Auf dem Weg zu einem Hallenturnier in der Ernst-Grube-Halle an der Jahnallee werden Fans des Fußballclubs BSG Chemie Leipzig nahe der Haltestelle Sportforum brutal überfallen. Vom gegenüberliegenden Wochenmarkt taucht gegen 8:45 Uhr eine Gruppe von ca. 15 Angreifern auf und geht direkt auf die Fans los. Die Angreifer schlagen offenbar gezielt auf einzelne Chemie-Anhänger ein. Zu der Gruppe der Angreifer stößt eine zweite, etwa 30 Männer große Gruppe aus einer anderen Richtung dazu, die ebenfalls sofort die Fans der BSG Chemie angreift und damit eine Flucht nahezu unmöglich macht.

Ein 22-jähriger Chemie-Fan wird schwer verletzt und muss mit Verdacht auf Schädelbruch ins Krankenhaus eingeliefert werden, ein 23-Jähriger verliert mehrere Zähne und muss ambulant behandelt werden. Andere tragen Hämatome davon. Laut einer Pressemitteilung des Fanprojekts “Bunte Kurve” tragen die Angreifer Totenkopf-Sturmmasken. Die Angegriffenen werden als “Drecksjuden” beschimpft, “Töten! Töten!” wird geschrien. Ein politischer Hintergrund kann demnach nicht ausgeschlossen werden-

Die Polizei trifft erst nach 20 Minuten ein und kann demzufolge keine Angreifer mehr feststellen. In einer Sicherheitsbesprechung war laut “Bunte Kurve” zugesagt worden, einen Streifenwagen zur Überwachung der An- und Abreise der Fans einzusetzen. Dies war jedoch nicht geschehen. Die LVZ zitiert Klaus Seiferth, Abteilungsleiter der BSG Chemie, mit den Worten: “Es gab im Vorfeld eine Sicherheitsberatung, wir hatten Ordner dabei, uns wurde auch gesagt, dass die Polizei präsent sein wird.”

Augenzeugen berichten davon, dass es sich bei den Angreifern um Anhänger des 1. FC Lokomotive Leipzig, des Halleschen FC und organisierter Neonazis aus Leipzig handeln soll. Erkannt wurden u.a. die Leipziger Neonazis Sebastian Albrecht, Patrick Fischer, Paul Hoffmann und Marcus Weidhase.

4. Oktober 2009. Am Sonntagnachmittag kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen militanten Neonazis und Hooligans und Fans des Fußballvereins BSG Chemie Leipzig. Ein Anhänger der BSG Chemie wird von einem Auto angefahren und muss schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden. Wie die “ag.doc” und die Faninitiative “Bunte Kurve” in einer gemeinsamen Pressemitteilung berichten, waren die Angreifer bewaffnet und gingen äußerst brutal vor.

Demnach formierte sich im Anschluss an das Kreisklassespiel zwischen der BSG Chemie und dem SSV Kulkwitz eine Gruppe von 15 bis 20 Neonazis an einer Tankstelle gegenüber dem Sportplatz. Die Täter werden von AugenzeugInnen dem Umfeld von NPD und “Freien Kräften” zugerechnet, darunter sollen auch die NPD-Stadtratskandidaten Enrico Böhm und Tommy Naumann gewesen sein. Sie griffen die Chemie-Fans mit Pfefferspray, Holzknüppeln, abgebrochenen Glasflaschen und Eisenstangen an. Bereits zuvor war ein Chemie-Fan an einer Bushaltestelle in der Merseburger Straße von fünf der späteren Angreifer angepöbelt und gejagt worden.

Im Zuge des Angriffs wurde ein Chemie-Fan von einem Pkw der Täter mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 km/h angefahren und in die Luft geschleudert. Das Opfer konnte anschließend seine rechte Körperseite und seinen Rücken nicht mehr spüren. Im Krankenhaus musste sich der Angefahrene einer Notoperation unterziehen. Er trug schwere Knieverletzungen davon und kugelte sich eine Schulter aus.

Laut Pressemitteilung waren zur Tatzeit gegen 17:10 Uhr keine Polizeikräfte mehr vor Ort. Die Angreifer flüchteten unmittelbar nach dem Vorfall in mehreren Autos. Die Kameras der Tankstelle konnten keinen Aufschluß geben, da sie zur Tatzeit abgeschaltet waren.

In der Leipziger Volkszeitung vom 7. Oktober 2009 distanzierte sich Steffen Kubald, Präsident des 1. FC Lokomotive Leipzig, von den Tätern: “Das hat mit unserem Verein nichts zu tun”, so Kubald. Kubald hob die politische Motivation der Tat hervor: “Das ist eine Auseinandersetzung zwischen rechts und links.”

Die Leipziger Neonaziszene instrumentalisiert den lokalen Fußball gezielt, um die eigene Ideologie zu verbreiten und Anhänger zu rekrutieren. In einem Dossier der Wochenzeitung DIE ZEIT wurde unlängst die Unterwanderung der Fanszene des 1. FC Lokomotive Leipzig durch Neonazis und dabei die maßgebliche Rolle Enrico Böhms aufgezeigt. Fans der BSG Chemie Leipzig dienen den Neonazis als Feindbild, da viele von ihnen sich aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzen.

24. Oktober 2009. Während des Auswärtsspiels des Fußballvereins Roter Stern Leipzig (RSL) beim FSV Brandis greifen etwa 50 Neonazis die Spieler, Verantwortlichen und Fans des RSL an. Die Nazis sind mit Holzlatten, Eisenstangen und kiloschweren Stahlprofilen bewaffnet. Diese Gegenstände lassen vermuten, dass mindestens schwere Verletzungen durch die angreifenden Neonazis in Kauf genommen wurden.

Kurz vor Spielbeginn werden die Fans des RSL durch den Stadionsprecher gebeten, eine Seite des Sportplatzes zu räumen, weil “die Dummen noch kommen”. Unmittelbar mit Anpfiff des Spiels betreten die vermummten Nazis den Sportplatz. Sie werfen Feuerwerkskörper, Steine und Flaschen in die Reihen der RSL-ZuschauerInnen. Anschließend werden die Fans gejagt und mit den Gegenständen brutal angegriffen. Vor Ort sind ganze sechs Streifenbeamten, sodass die Angegriffenen sich selbst schützen müssen. Polizeiverstärkung erscheint erst nach einer halben Stunde, in der sich die angreifenden Neonazis ungestört zurückziehen können.

Nach Angaben des RSL werden drei Personen schwer und mehrere Personen leicht verletzt. Eine Person erleidet durch Schläge mit einem Eisenrohr einen Armbruch, einer weiteren wird das Jochbein zertrümmert – sie bangt nun um ihr Augenlicht. Der RSL geht von einem geplanten Angriff aus. Die Nazis haben sich sofort nach dem unkontrollierten Betreten des Sportplatzes bewaffnet. Eisenstangen, Steine und Holzlatten wurden offensichtlich bereits vorher auf dem Sportplatz deponiert.

Gegenüber Spiegel Online beschreibt ein Beobachter die Angreifer als “eine Mischung aus rechten Hools und einschlägig bekannten Neonazis aus dem Muldentalkreis” sowie als “erfahrene Schläger, altgediente Hooligans und Leute aus der Freefight-Szene”. Die politische Motivation des Angriffes ist durch Rufe wie “Scheiß Zecken”, “Scheiß Rote” und “Rote Ratten” unverkennbar. Mehrere AugenzeugInnen bestätigen, dass sich ein Brandiser Ordner vermummte und an den Auseinandersetzungen auf Seiten der Nazis teilnahm.

Gegenüber LVZ Online sagt ein Sprecher des Vereins später, dass dieser Ordner als “Rechter” einschlägig bekannt und bereits vorbestraft sei. Nach Angaben von AugenzeugInnen soll er auch den Seiteneingang für die Neonazi-Gruppe geöffnet haben. Das streitet der Verein im Nachhinein ab. So behauptete der Sprecher des gastgebenden Vereins, Gerd Große, gegenüber der LVZ vom 27. Oktober, er selbst habe das Tor geöffnet – “in guter Absicht”: “Die sollten draußen nicht die Autos demolieren. Wir dachten, wir könnten so Zeit gewinnen, bis die Polizei da ist. Das war im Nachhinein ein Fehler”.

Auf Nachfrage des RSL schildern Verantwortliche des FSV Brandis, dass sie bereits im Vorfeld Erkenntnisse hatten, dass Nazis zum Spiel anreisen wollten. Gegenüber MDR Online sagte der Vizepräsident des FSV Brandis, Michael Sommer: “Das war ja angekündigt worden. Wir haben es der Polizei mitgeteilt, wurden aber allein gelassen”.

Der Sprecher der Polizeidirektion Westsachsen bestreitet gegenüber LVZ Online Berichte, wonach die Polizei bereits vor dem Spiel über den erhöhten Sicherheitsbedarf informiert gewesen sei. Trotz der eindeutigen politischen Motivation des Angriffs verwehrt er sich gegen eine “politische Instrumentalisierung” des Geschehens.

Auch beim Bezirks-Fußballverband scheinen entsprechende Warnungen eingegangen zu sein. Wie Schiedsrichter Dirk Otto der Torgauer Zeitung berichtet, erfuhr er erst am Freitag gegen 11 Uhr, dass er das Spiel leiten solle. Ursprünglich sei zunächst ein junger Kollege angesetzt gewesen, “doch Schiedsrichteransetzer Josef Hauer vom Leipziger Fußballverband erfuhr von den angekündigten Randalen und übergab mir die Leitung.”

11. Mai 2014. Am frühen Morgen werden 20 Anhänger der BSG Chemie, die zuvor im Alfred-Kunze-Sportpark friedlich den 50. Jahrestag des DDR-Meistertitels ihres Teams gefeiert hatten, auf dem Heimweg in der Innenstadt angegriffen. Um 0:20 Uhr stürmen 40 schwarz gekleidete Personen die Straßenbahn der Linie 7 in Richtung Innenstadt und greifen die BSG-Fans mit mit Stöcken, Reizgas und einer Schreckschusspistole an.

Teilweise verlagert sich das Handgemenge auch in den Haltestellenbereich. Als nach wenigen Minuten die Polizei auftaucht, sind die Angreifer schon verschwunden. Drei Männer (24, 24, 48) müssen von einem Arzt behandelt werden, einer von ihnen verbringt die Nacht im Krankenhaus. Die Polizei beziffert den Sachschaden in einer ersten Schätzung auf 10.000 Euro. Der Grund für die Auseinandersetzung sei unklar. Laut Polizeisprecherin wollen einige Betroffene Hooligans des 1. FC Lokomotive Leipzig in dem Überfallkommando entdeckt haben.


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