Leipziger NPD zur Kommunalwahl: jünger, gewalttätiger und hafterfahrener

    Am 17. Januar 2014 trafen sich die Mitglieder des Leipziger NPD-Kreisverbandes im “Nationalen Zentrum” in der Odermannstraße 8, um 19 Kandidat_innen für die Stadtratswahl am 25. Mai 2014 zu wählen. Nach einem kaum wahrnehmbaren Bundestagswahlkampf schwor man sich in der Leipziger NPD, die nach Selbsterkenntnis bisher nur ein “Schattendasein” führe, darauf ein, im Wahljahr 2014 endlich wieder “in der Öffentlichkeit deutlich wahrnehmbar zu sein”. Thematisch wolle man sich im Wahlkampf primär auf die Punkte “Asylanten-Flut”, “Kriminalitätsexplosion” und einen geplanten “Moscheebau in Gohlis” einschießen. In der Tat führt die NPD dahingehend schon längst Wahlkampf.

    Wahlkampfauftakt mit Wutbürgerinitiativen in Gohlis…

    So verstand es die NPD frühzeitig, den Protest gegen eine geplante Moschee in der Georg-Schumann-Straße für ihre Zwecke zu besetzen. Mit Infoständen im Norden Leipzigs am 30. Oktober und 1. November 2013, einer Kundgebung vor den Gohlis-Arkaden am 2. November 2013 – bei der ein Großteil der 120 Teilnehmer aus der Partei rekrutiert und teilweise extra mit einem Bus aus ganz Sachsen zusammengekarrt wurde – sowie der öffentlichkeitswirksamen Teilnahme an einer Infoveranstaltung in der Michaeliskirche am 7. November 2013 versuchten sie, aus einer in Teilen der Leipziger Bevölkerung vorherrschenden xenophoben Grundstimmung Kapital zu schlagen.

    …und Schönefeld

    Noch erfolgversprechender als in Gohlis zeigte sich der Protest gegen eine vorläufige Unterkunft für Asylsuchende in Leipzig-Schönefeld, den die NPD ebenfalls für ihren frühzeitigen Wahlkampf zu nutzen suchte. Eine von der NPD beworbene Kundgebung am 18. November 2013 besuchten 200 Rassist_innen – und dazu mussten nicht einmal mehr Parteikader aus dem ganzen Freistaat zusammengetrommelt werden.

    Mit einer weiteren Mahnwache und der anschließenden Teilnahme an einer Infoveranstaltung in der Schönefelder Gedächtniskirche am 25. November 2013, bei der die anwesenden Nazis vor allem durch Drohgebärden gegenüber antirassistisch gesinnten Personen auffielen, einer von der NPD angemeldeten Demonstration am 7. Dezember sowie einer “Spontandemonstration” am 18. Dezember 2013 versuchte sich die NPD abermals mit der üblichen Masche, sie kümmere sich als einzige Partei um die Sorgen der “einfachen Menschen”.

    “Kümmererpartei” für die “Volksgemeinschaft”

    Das Konzept dieser besonderen “Volksnähe” ist dabei typisch für die NPD. So machte im Herbst 2013 Alexander Kurth gegenüber seinen Kameraden klar, dass es es darum gehe,

    • “…mit einer bürgernahen Politik die Herzen und die Köpfe unseres Volkes zu gewinnen. Aus diesem Grund finde ich die Idee, die NPD als Kümmererpartei auszubauen nur begrüßenswert. Denn dies ist gelebte Volksgemeinschaft. Es geht in erster Linie um unser Volk […]”.

    Maik Scheffler führte darauf weiter aus, warum diese Wahlkampfstrategie für die Nazis so enorm wichtig sei:

    • “Ich denke, nur ein kleiner Teil innerhalb der NPD ist der Meinung oder hat die Illusion, den Kampf um Deutschland über die Parlamente zu gewinnen, geschweige denn in absehbarer Zeit. Es geht darum, zumindest ist das meine persönliche Ansicht, dass wir den Einzug in die Parlamente nötig brauchen um mit deren finanzieller Mittel und den Rechtssicherheiten, feste Strukturen im Land bauen zu können”.

    Der Möchtegernrevolutionär früherer Tage, Alexander Kurth, stimmte dem zu und merkte selbstkritisch an:

    • “Auch ich habe das System ganz ehrlich unterschätzt […] Damals dachte man noch relativ naiv, daß es nur eine Frage der Zeit ist, bis dieses System überwunden ist. Das System hat sich standhafter erwiesen als erwartet […] Die parlamentarische Verankerung halte ich für ungemein wichtig. Es sind die letzten Waffen, die uns dieses System noch zur Verfügung stellt und diese sollten wir geschickt nutzen.”

    Daran, dass die Nazis ihren vorgezogenen Wahlkampf sehr ernst nehmen werden, war folglich nicht zu zweifeln. Aller Mühe zum Trotz nahm der Zulauf aus der Bevölkerung zu solchen Events jedoch nach anfänglichen Erfolgen stetig ab. Das kann auch als Erfolg einer antirassistischen Gegenmobilisierung und Solidaritätskampagnen mit den Asylsuchenden gewertet werden.

    NPD-Vorfeldorganisation “Leipzig steht auf”

    Zu einer weiteren Kundgebung vor der Unterkunft für Asylsuchende am 3. Februar 2014 kamen dann nur noch 70 Teilnehmer_innen. Aufgerufen hatte hierzu ein vermeintlicher Zusammenschluss diverser Wutbürgerinitiativen, die sich gegen Asylsuchende, Moscheen und alles andere, was den ostzonalen Jammerlappen sauer aufstößt, engagieren und unter dem Namen “Leipzig steht auf” firmiert.

    Natürlich ist auch diese Initiative personell durchsetzt mit den bekannten Gesichtern aus der NPD, inzwischen ruft sie öffentlich zur Stimmabgabe für die NPD bei der Kommunalwahl am 25. Mai 2014 auf. Anscheinend eignet sich trotz Teilnehmerflaute der wütende Mob für den Wahlkampf immer noch besser als ordinäre Wahlkampfveranstaltungen.

    Die “Bürgerinitiative” “Leipzig steht auf” ruft zur Wahl der NPD auf.

    Scheffler initiiert Personalwechsel im Kreisverband

    Nun ist die Wahl der Themen, die den NPD-Wahlkampf in Leipzig bestimmen sollen, sowie die Art und Weise, wie sie besetzt werden, keineswegs überraschend. Interessanter ist ein Blick auf die aufgestellten Kandidat_innen und ihre Verteilung auf die Listenplätze. Dabei wird deutlich, dass der NPD-Kreisverband Leipzig, der in seinen “alten” Tagen zu zwei Dritteln aus Rentnern bestanden haben soll, derzeit im Wandel begriffen ist. Maßgeblich verantwortlich für den Umschwung dürfte der eingangs erwähnte Vorzeigeaktivist Alexander Kurth sein, der mit Rückendeckung des NPD-Sachsen-Vize Maik Scheffler den Kreisverband und seine verkrusteten Strukturen aufzubrechen vermag.

    Allerdings ist nach internen Informationen längst ein Machtkampf im Leipziger Kreisverband ausgebrochen. Spätestens im Frühjahr 2013 wurden hochrangige NPD-Kader auf den Leipziger Alexander Kurth aufmerksam, der hier seit Januar 2013 mit seiner “Kameradschaft Leipzig-Möckern” vermehrt in Erscheinung tritt. So zeigte sich Maik Scheffler begeistert, “daß Leipzig noch Vertreter der Bewegung hat”. Während Kurth im Herbst 2012 zur NPD in Leipzig noch Abstand hielt und monierte, dass der “jetzige Kreisverband nicht durch Aktivität” glänze und dass “Entwicklungen eingetreten” seien, die er und seine Kameraden “nicht akzeptieren können”, so zeigte er sich – auch auf Drängen Schefflers, der sich als Vermittler anbot – dann doch willens, sich aktiv im Kreisverband zu engagieren.

    Schon im Februar 2013 gab sich Kurth wieder kämpferisch und stellte fest: “Unsere Aufgabe muß es sein die vielen inaktiven Kameraden wieder in unsere Reihen zurück zu führen”, denn “leider wurden in den letzten Jahren viele treue Kameraden vergrault”.

    Erste Erfolge in der Reorganisation

    Als erstes Ergebnis von Schefflers Plan, mit Kurths Aktivismus den Kreisverband Leipzig wieder auf Linie und somit auch für eigene Machtbestrebungen hinter sich zu bringen, kann das zeitnahe Wiedererscheinen der “Jungen Nationaldemokraten” (JN) in Leipzig angesehen werden. Diese war, nachdem sich der vormalige “Stützpunktleiter” Tommy Naumann mit der Mutterpartei NPD zerstritten hatte, zwischenzeitlich von der lokalen Bildfläche verschwunden. Mit Personal aus seiner Kameradschaft, organisatorischer Hilfe aus Nordsachsen und sich selbst mit stolzen 33 Jahren als neuem Oberhaupt konnte Kurth die Leipziger JN wieder halbwegs aktionsfähig machen.

    Kurths neues Engagement für die NPD und deren Jugendorganisation stieß unter einigen seiner parteifreien Kamerad_innen nicht immer auf Verständnis. Hier zeigte sich jedoch auch Kurths Vermittlungsgeschick. So machte er unmissverständlich klar: “Ich vertrete die Meinung das man mit allen gutwillig gesinnten nationalen Kräften zusammenarbeiten sollte. Dazu gehört auch die NPD”. Auf der anderen Seite erkannter er auch an, dass das “Verhältnis zu den Freien noch nie so schlecht war wie in der heutigen Zeit” und dass als “erste Handlungsweise […] die Führung erkennen [muss], daß ein gemeinsamer Kampf nur auf gleichberechtigter Basis erfolgen kann […] Anscheinend sehen sich einige Funktionäre schon als etablierte Politiker und wollen mit dem so genannten nationalsozialistischen Narrensaum nichts mehr zu tun haben”.

    Vom Idealisten zum Grabenkämpfer

    Generell erschien Kurth anfangs noch als einer der wenigen treibenden Kräfte, die nicht schon in innerparteilichen Grabenkämpfen feststeckten. Ihm ginge es allein um sein geliebtes Volk, das der überzeugte Antisemit von viel zu großen Gefahren bedroht sieht, um sich über interne Streitereien den Kopf zu zerbrechen:

    • “Es geht nicht darum mit jedem Nationalen auch privat gut befreundet zu sein, aber wir sollten zumindest einen Minimalkonsens zur politischen Arbeit finden […] Lasst uns zumindest dafür sorgen daß die nationalen Deutschen zusammenhalten. Denn der Teufel ist unter uns. Er hockt im Reichstag, in den Landesparlamenten, in den Banken und in den Zentralräten. Dieser Teufel der unser Volk seit 1945 knechtet, betrügt, belügt und ausbeutet. Er ist unser Feind und nicht unsere Brüder und Schwestern in den eigenen Reihen.”

    Dass dieser pathetische Kampf schon bald an seine Grenzen stoßen würde, war vorhersehbar. Resigniert musste der ambitionierte Aktivist in seinem Wirkungsgebiet bald feststellen, “daß immer nur die selben Kameraden politisch aktiv werden”. Vor allem am untätigen Dahindümpeln der Verantwortlichen seines Kreisverbandes störte sich Kurth:

    • “Leipzig ist in jeder Hinsicht ein schwieriges Pflaster […] Trotzdem bin auch ich ein klarer Befürworter von Infoständen und von Aktionen mit denen man sich in der Öffentlichkeit Gehör verschafft […] Ich habe in der Hinsicht zahlreiche Ideen, aber dazu braucht man einen gewillten Vorstand.”

    Der bisher so auf nationale Einheitsfront getrimmte Kurth merkte im Dialog mit Scheffler, der von einer Kaderschulung berichtete, an: “Ich hätte da einen NPD Kader aus Leipzig der sich gerne an so einer Kaderschulung beteiligen würde” – darauf erwiederte Scheffler: “Ich weiß wen du meinst. Aber da muss ich mich geschlagen geben. Auch meine Fähigkeiten sind begrenzt. Einem Stein bringt man das Schwimmen auch nicht bei”. Gemeint war der derzeitige NPD-Stadtrat Klaus Ufer.

    Im Herbst 2013, gerade zeichnete sich der aufflammende und für die NPD gut zu instrumentalisierende Konflikt um den geplanten Moscheebau in Gohlis ab, musste Kurth verbittert festhalten, dass “wenige Aktive […] die Unfähigkeit und Inkompetenz der anderen ausgleichen” müssten und dass “manche […] in einem Kegelverein oder in einem Kaninchenzüchterverein besser aufgehoben [wären], als in einer volkstreuen und aktivistischen Partei”.

    Angeblich schwer von Begriff: Noch-Stadtrat Klaus Ufer. Foto: Indymedia linksunten

    Die Machtfrage scheint geklärt

    Schließlich konnte sich Kurth durchsetzen: Die eingangs erwähnten Infostände in Gohlis waren seit längerer Zeit die ersten wahrnehmbaren und nennenswerten politischen Aktionen der NPD abseits der Veranstaltungen in ihrer Trutzburg Odermannstraße 8 – und gleichzeitig auch eine Art der Machtdemonstration innerhalb des Kreisverbandes. Denn was ein altersschwacher Kreisverband mit mehr als 60 Mitgliedern lange nicht verwirklichen konnte – oder vielmehr nicht wollte –, konnte der übereifrige Kurth mit einer handvoll halbstarker JN-Aktivisten aus Leipzig und Nordsachsen mühelos auf die Beine stellen.

    Dabei sollte es, wie inzwischen bekannt ist, nicht bei einigen Infoständen bleiben. Längst hat sich die NPD in Leipzig mit Kurth als Zugpferd zu einem kampagnenfähigen Akteur der neonazistischen Szene entwickelt – wohlgemerkt durch die Unterstützung des vergleichsweise gut aufgestellten NPD- und JN-Verbands in Nordsachsen.

    Listenplätze als Lohn

    Der positive Einfluss auf die Geschicke der Leipziger NPD wurde schließlich mit günstigen Listenplätzen für Kurth und seine Getreuen honoriert. Klaus Ufer, der immerhin für die NPD zur letzten Stadtratswahl 2009 zusammen mit Rudi Gerhardt – der im Herbst 2012 aus der NPD austrat – in das Leipziger Rathaus eingezogen ist, kandidiert diesmal nur auf einem zweiten Listenplatz. Auch andere altgediente Kamerad_innen wie z.B. Christine Mielke, ihr Mann Hans-Joachim Mielke, Helmut Herrmann oder Niels Hönemann müssen sich zur Stadtratswahl 2014 mit billigen Listenplätzen zufrieden geben.

    Mit Axel Radestock und Enrico Böhm, die schon zur Stadtratswahl 2009 für die NPD in Leipzig antraten, befinden sich lediglich zwei Leipziger Wahlkampfveteranen auf den vorderen Listenplätzen. Böhm kommt dabei eine Sonderrolle zu, feiert er doch nach einem zwischenzeitlichen Bruch mit dem Kreisverband gerade sein parteipolitisches Comeback. Er dürfte somit auch zu den nach Alexander Kurths Aussage “jungen Kandidaten” zählen, die “frischen Wind in die Knesset an der Pleiße” – gemeint ist das Rathaus – bringen sollen. Daneben sind fast ausschließlich Neulinge in der ersten Reihe der Kandidatenliste zu finden.

    Die ersten Fotos ihrer Kandidat_innen nahm die NPD übrigens in der Mädlerpassage auf. Allerdings, wie die L-IZ berichtet, ohne Genehmigung. Mittlerweile hat man sich die Mühe gemacht, die Gesichter auszuschneiden und vor ein Foto des Völkerschlachtdenkmals zu montieren.

    Zum Beispiel: Alexander Kurth

    • Alexander Kurth im Jahr 2013: links mit Hemd, rechts mit Bomberjacke. Fotos: Indymedia linksunten, privat

    Zunächst ein Blick auf Alexander Kurth, den mutmaßlichen Dirigenten des Generationswechsels, der im Wahlkreis 9 auf dem ersten Listenplatz antritt. Kurth, spätestens seit 1996 in der Naziszene aktiv, ist schon länger für die NPD im Dienst. 1998 in die Partei eingetreten, war er noch im selben Jahr zur Bundestagswahl für Manfred Roeder als Wahlkampfhelfer aktiv. Seinen politischen Ambitionen kam jedoch eine längere Haftstrafe in die Quere, die der bereits mehrfach vorbestrafte Kurth antreten musste, nachdem er im Juni 2003 mit seinem Kumpanen Stefan Koncsol den “Prinzen”-Sänger Sebastian Krumbiegel verprügelte – wegen dessen rot gefärbter Haare in der irrigen Annahme, es handele sich um einen Punk. Hinter Gittern wurde er von der inzwischen verbotenen “Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene” (HNG) betreut.

    Seit spätestens Juli 2012 wieder auf freien Fuß, legte Kurth in Leipzig eine – wie bereits skizziert – rasche Karriere in der Naziszene hin. Über die Gründung der “Kameradschaft Leipzig-Möckern”, in deren Dunstkreis auch längst totgeglaubte Aktivist_innen früherer Tage wie die ehemalige “Blood & Honour”-Aktivistin Cornelia Reller wieder auftauchten, zur Reorganisation der “JN Leipzig” und dem Erwecken der Leipziger NPD aus ihrem Tiefschlaf, erwies sich Kurth schnell als wichtige Personalie, auch über die Stadtgrenzen von Leipzig hinaus. Seine guten Kontakte zur bundesweiten Naziszene, ob NPD oder Freie Kräfte, und sein Geschick, vergraulte Kamerad_innen wieder einzubinden, verschafften ihm schnell die Gunst der NPD auf Landes- und Bundesebene.

    So nahm er beispielsweise in der Woche Ende Oktober 2013 an einer NPD-Kaderschulung im Saarland teil. Dort unter anderem in Rhetorik geschult, tritt er inzwischen vermehrt als Redner bei Aufmärschen in Erscheinung. Auch in der Öffentlichkeit bemüht sich Kurth um ein korrektes Auftreten: Der Stiefelnazi aus den 90ern, der das eine oder andere Tattoo aus strafrechtlichen Gründen abkleben musste, mauserte sich längst zum hemd- und sakkotragenden Biedermann. Bei einem kurzen Interview mit Spiegel TV im Oktober 2013 – Hintergrund war der Protest gegen den geplanten Moscheebau – merkte er an, man sei “durchaus für Religionsfreiheit”, nur wolle man “keine westdeutschen Verhältnisse”; zur Ausübung dieser Religion reiche schließlich “ein einfacher Teppich aus”.

    Auch wenn noch leicht stotternd und offenbar einstudiert geriert sich Kurth nun auch verbal lammfromm. Zumindest dann, wenn es darauf ankommt. Unter seinesgleichen und im sozialen Netz zeigt er sich dagegen gern ganz ungeniert als judenhassender Verehrer sämtlicher Diktatoren, allen voran natürlich Adolf Hitler, der seine politischen Gegner am liebsten in den Steinbruch verfrachten oder auf “schwarze Listen” setzen würde. Längst ist Kurth nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch innerparteilich das Gesicht der Leipziger NPD und vertritt sie auch als Delegierter zu Parteiveranstaltungen, wie zuletzt am 1. März 2014 beim Landesparteitag in Zwickau, wo er allerdings vergeblich um einen aussichtsreichen Listenplatz zur Landtagswahl für seinen nordsächsischen Gönner Maik Scheffler warb.

    Zum Beispiel: Romy Kurth

    Romy Kurth auf einem NPD-Aufmarsch am 17. Juni 2013 in Dresden hinter einem Transparent “Nationalen Sozialismus erkämpfen!” der “Kameradschaft Leipzig-Möckern”. Foto: Indymedia linksunten

    Als eine der wenigen Frauen tritt Romy Kurth (geborene Schneider) zur Wahl an. Sie ist seit dem 14. Februar 2014 die Ehefrau von Alexander Kurth. Somit ist es nicht verwunderlich, dass auch sie einen ersten Listenplatz zur Stadtratswahl bekam. Sie war durch ihren Mann von Beginn an in der “Kameradschaft Leipzig-Möckern” aktiv und organisiert sich inzwischen auch in der NPD-Frauenorganisation “Ring Nationaler Frauen” (RNF). Der RNF ist derzeitig im Begriff, eine Ortsgruppe in Leipzig zu etablieren.

    Wie nicht anders zu erwarten, geschah auch dies maßgeblich auf Initiative Alexander Kurths. Anders als der letzte klägliche Versuch, als im Sommer 2012 mit Claudia Gaulke die Hoffnung keimte, eine RNF-Ortsgruppe in Leipzig zu etablieren, scheint es diesmal unter Federführung der Eheleute Kurth, zumindest bezüglich des Kriteriums “Gruppe” – nach allgemeinem Verständnis mehr als eine Person – besser zu laufen.

    Zum Beispiel: Enrico Böhm

    Enrico Böhm. Foto: NPD

    Mit relativ guten Aussichten auf einen Sitz im Stadtrat geht Enrico Böhm im Wahlkreis 1 an den Start. Bereits zur Stadtratswahl 2009 trat Böhm, der dem neonazistischen Hooliganmillieu der Lok-Leipzig-Fangruppierung “Blue Caps” entstammt, ohne Erfolg für die NPD im Wahlkreis 9 an. Zwischenzeitlich hatte sich Böhm, der zeitweise auch als technischer Mitarbeiter für die NPD-Landtagsfraktion tätig war, sogar mit der Partei zerstritten und wanderte zur “Kameradschaft Heimattreues Leipzig” ab. Nachdem es um die nach internen Zerwürfnissen ruhig wurde, war lange Zeit überhaupt nichts mehr von Böhm zu hören.

    Erst Alexander Kurth brachte Böhm wieder zurück in den Dienst der Partei. Nachdem Kurth ihm im September 2013 ins Gewissen redete, betrat er pünktlich zum inoffiziellen Wahlkampfauftakt rund um die rassistisch aufgeladenen Anti-Moschee-Proteste in Gohlis nach mehr als zweijähriger aktivistischer Abstinenz wieder die braune Bühne in Leipzig.

    Zum Beispiel: Kai Mose

    Kai Mose am 7. Dezember 2013 auf einem NPD-Aufmarsch in Leipzig-Schönefeld. Foto: Indymedia linksunten

    Ebenfalls auf einem ersten Listenplatz tritt Kai Mose im Wahlkreis 2 an. Der Kampfsportler und Betreiber der Security-“Firma” “Black Wing Dienstleistungen” ist zwar NPD-Neuling, jedoch schon seit längerem in der lokalen Naziszene aktiv. Zunächst im Umfeld des “Freies Netz”-Nachfolgers “Aktionsbündnis Leipzig” aktiv, musste er zwischenzeitlich hinter Gitter: Er war im Frühjahr 2008 an Überfällen auf vermeintliche Linke im Johannapark, auf den “Anker” und auf einen Nightliner mit Besucher_innen des “Leipzig. Courage zeigen”-Festes beteiligt und saß dafür ab März 2009 auf der Anklagebank.

    Mose, damals bereits wegen gefährlicher Körperverletzung und Landfriedensbruch einschlägig vorbestraft, wurde schließlich zu insgesamt vier Jahren Haft verurteilt. In einem Berufungsverfahren wurde die Haftdauer verringert. Weiterhin war Mose an einem versuchten Brandanschlag auf den “Fischladen”, das Vereinslokal des Roten Stern Leipzig, am 20. April 2008 beteiligt. Obwohl die Täterschaft von Mose, Robert Mäuslein, Thomas Kuhbach und Enrico Wobst erwiesen war, sah die Staatsanwaltschaft damals aufgrund der zu erwartenden Strafen für den Nightliner-Angriff von der Verfolgung der Tat ab.

    Nach seiner Haftentlassung und einem kurzzeitigem Engagement bei der “Kameradschaft Heimattreues Leipzig” wurde es vorerst ruhig um ihn. Kurzzeitig liebäugelte er gar mit einem Ausstieg aus der Naziszene. Jedoch fand auch Mose, wie schon sein Kamerad Enrico Böhm, durch gutes Zureden Alexander Kurths wieder in die Reihen des “Nationalen Widerstands” zurück. Auch Mose tritt seit den Protesten gegen den geplanten Moscheebau in Gohlis und die Unterkunft für Asylsuchende in Schönefeld wieder regelmäßig in Erscheinung.

    Sowohl Mose als auch der weiter unten vorgestellte Karsten Boden sind nach NPD-Angaben “selbstständig im Sicherheitsgewerbe” tätig. Mose tritt unter dem Namen “Black Wing Dienstleistungen” auf und beschäftigt auch Neonazis wie Marcel Wittig. Doch laut L-IZ sind weder Mose noch Boden beim hiesigen Ordnungsamt für Security-Tätigkeiten registriert.

    Zum Beispiel: Daniel Kaempf

    Daniel Kaempf und Karsten Boden. Foto: NPD

    Ein weiterer Kommunalwahlkandidat aus dem Dunstkreis der “Blue Caps”, der nun im Wahlkreis 3 ins Rennen geht, ist Daniel Kaempf. Er ist in der NPD ein neues Gesicht, jedoch für Beobachter der Naziszene kein Unbekannter. Bereits um die Jahrtausendwende war Kaempf Teil einer äußerst gewaltbereiten Nazigang, die in Grünau ihr Unwesen trieb. Seinen Hang zu handfesten Auseinandersetzungen lebte er weiterhin im Umfeld der Hooligan-Gruppierung “Blue Caps” aus. In den vergangenen Jahren ging Kaempf als “Geisterjäger” verschiedensten “paranormalen Erscheinungen” auf den Grund. Und pünktlich zum inoffiziellen Wahlkampfauftakt Ende 2013 tauchte er im Umfeld der Anti-Asyl-Proteste in Leipzig-Schönefeld wieder auf.

    Zum Beispiel: Karsten Boden

    Ein dritter Nazi-Hooligan aus den Reihen der “Blue Caps”, der jetzt einen Sitz im Leipziger Rathaus ergattern möchte, ist Karsten Boden. Ebenso wie Mose war auch Boden an dem Überfall im Johannapark, dem Angriff auf den “Anker” sowie dem Nachtbus-Überfall beteiligt. Dafür wurde er im März 2009 zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

    Zum Beispiel: Daniel Speck

    Daniel Speck am 7. Dezember 2013 auf einem NPD-Aufmarsch in Leipzig-Schönefeld. Foto: Indymedia linksunten

    Eines der wenigen neuen jungen Gesichter der Leipziger NPD, das noch keine einschlägigen Vorstrafen auf dem Kerbholz hat, ist Daniel Speck. Speck, der zur Zeit an der HTWK Bauingenieurwesen studiert, tritt seit Herbst 2012 in der Leipziger Naziszene in Erscheinung – zunächst in Kurths “Kameradschaft Leipzig-Möckern”. Als hoffnungsvoller Nachwuchskader durfte er beispielsweise an einer JN-Kaderschulung Ende Oktobe 2013 in den Räumen des “Deutsche Stimme”-Verlags in Riesa teilnehmen. Bereits in der Woche Ende August 2013 erwies er sich für die NPD als vertrauensvoll genug, um als Teil der Ordnergruppe eine Bundestagswahlkampftour der NPD zu begleiten.

    In ebendieser Woche wurde Speck “Opfer” eines angeblichen sexuellen Übergriffs durch den damaligen Parteivorsitzenden Holger Apfel. Es war schlussendlich seine eidesstattliche Aussage gegenüber Parteikameraden, die Apfel Ende 2013 Amt und Würde kosten sollten. Dass Apfel, der schon mehr als einmal mit solch pikanten Geschichten innerhalb der Partei für Unmut sorgte, schlussendlich Opfer einer Intrige wurde, die federführend von Maik Scheffler und seine Getreuen – zu eben diesen kann auch Daniel Speck gezählt werden – geführt wurde, liegt auf der Hand. Für seine Dienste als “Königsmörder” kann Speck nun weiter die Karriereleiter nach oben klettern und wird auf einem Listenplatz 1 im Wahlkreis 5 für die NPD in Leipzig antreten.

    Zum Beispiel: Axel Radestock

    Axel Radestock (mit Mütze) am 7. Dezember 2013 auf einem NPD-Aufmarsch in Leipzig-Schönefeld. Foto: Indymedia linksunten

    Im Leipziger Wahlkreis 7 ist Axel Radestock der erste und einzige NPD-Kommunalwahlkandidat. Der Selbstständige betreibt einen Telekommunikations-Shop (“axratel”) in der Georg-Schumann-Straße und administriert die Webseite der NPD Leipzig. Weiterhin steht er hinter einem obskuren “Bund Germania Magna”, der wiederum die Webseite “Volksberichtshof” betreibt. Diese betreibt üble antisemitische Hetze, hart an der Grenze zur Holocaustleugnung, und schreibt u.a. über “[die] mannigfachen Holocaust-Lügen” und “den Psycho-Virus Holocaust”. In der realen Welt nimmt Radestock an NPD-Kundgebungen teil und besucht Veranstaltungen in der Odermannstraße 8.

    Der braune Rest

    Auf einem ersten Listenplatz treten neben den bereits genannten Personen außerdem der aus Wittenberg stammende Thomas Lindemann (siehe hier, hier und hier) sowie der Rentner Detlev Teich an.

    Auf zweiten Listenplätzen folgen mit Niels Hönemann, Klaus Ufer, Helmut Herrmann, Hans-Joachim Mielke, Matthias Koch und Toni Köhler fast ausschließlich ältere Personen. Auf den ganz billigen Plätzen kandidieren schließlich Wolfram Kerzig, Christine Mielke und Reinhard Kunze.

    Kurzer Ausblick

    Legt man das Abstimmungsverhalten der letzten Wahlen zu Grunde, so dürften der Hooligan Böhm und der Gewalttäter Mose die besten Chancen haben, ein Mandat zu erlangen. Doch nicht nur die Stadtratswahl wird von der NPD sehr ernst genommen. Auch bezüglich der ebenfalls am 25. Mai stattfindenden Europawahl und der Landtagswahl am Ende August wird Leipzig zur “Frontstadt” des braunen Wahlkampfes erhoben: In Kurths Bericht über die Leipziger Kandidatenkür wird den Kameraden gleich klar gemacht “dass Sachsen mit Leipzig steht oder fällt”. In der Tat hat die NPD derzeitig jede Stimme bitter nötig, denn vor allem ein für die NPD-Strukturen essentieller Wiedereinzug in den Landtag ist momentan fraglich.

    Das Letzte:
    Die übelsten Zitate des NPD-Leithammels Alexander Kurth aus dem Jahr 2013


    Kurths Idole: Hussein, Gaddafi, Kim Jong-il und “sein” Chef Adolf Hitler:


    Todeslisten, Lager, Steinbruch: Hassfantasien gegen Andrea Röpke, Antifaschist_innen und den Fußballverein RB Leipzig:


    Unverhohlene antisemitische Hetze


    Text zugesandt von: anonym