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Zur Geschichte der Göttinger ArbeiterInnenbewegung

Publikationen, Zeitzeuginveranstaltung & Stadtrundgang

Lieschen-Vogel-Plakat in Göttingen, Juni 2012

Vor 80 Jahren, am 10. Juli 1932, riefen die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und Teile der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) auf dem Reichseinheitskongress in Berlin die Antifaschistische Aktion gegen den unmittelbar drohenden Faschismus in Deutschland aus. Diesen Jahrestag nahmen wir zum Anlass für eine antifaschistische, geschichtspolitische Aktionswoche in Göttingen. Hier könnt Ihr Bild-Berichte über unsere Veranstaltungen sehen.

Veranstaltungs-Dokumentation

Das war los | Veranstaltungen | Publikation | lokale Gedenkpolitik | Antifaschistische Biographien aus Göttingen | 80 Jahre Antifaschistische Aktion | Material |

 


das war los

Geschichts-Bus

Am Samstag, den 7. Juli 2012 fand in Göttingen eine Demonstration gegen Rassismus statt. Das besondere war, dass nicht nur FußgängerInnen demonstrierten, sondern Autos, Motorräder, Fahrräder und ein Skateboard gemeinsam einen "Autokorso" als eigenen Teil der Demonstration bildeten. Mit einem "Geschichts-Bus" fuhren wir in diesem Autokorso Werbung für unser entsprechendes Projekt.

Collage: Lieschen Vogel & 80 Jahre Antifa Geschichtsbus beim Autokorso gegen Rassismus, Göttingen 7.7.2012 Geschichts-Bus beim Autokorso gegen Rassismus, Göttingen 7.7.2012 Geschichtsbus im Autokorso gegen Rassismus, Göttingen 7.7.2012 Geschichtsbus im Autokorso gegen Rassismus, Göttingen 7.7.2012


 

Gedenktafel für Gustav Kuhn


Die Ergebnisse unserer historischen, regionalpolitischen Recherchen
, die wir zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung und des anti­faschistischen Widerstands in Göttingen geführt haben, veröffentlichen wir in einer längeren inhaltlichen Publikation. Einen eigenen Teil dieser Veröffentlichung bilden Biographien von Göttinger Antifaschistinnen und Antifaschisten. Die öffentliche Diskussion um eine würdige Form des öffentlichen Gedenkens dieser AntifaschistInnen hat unterdessen bereits im Mai 2012 begonnen.



Lokale Gedenkpolitik

Antifa-Gala-Plakat, Göttingen Juni 2012Im Kulturauschuss der Stadt Göttingen überraschte die Stadtverwaltung mit einem eigenen Vorschlag zur Ehrung von Göttinger Bürgerinnen und Bürgern, die in den 1930er Jahren Widerstand gegen den Faschismus leisteten. Auf einen Antrag der Ratsfraktion der Göttinger Linke, eine Gedenktafel für den Göttinger Kommunisten und Antifaschisten Gustav Kuhn in der Petrosilienstraße 8 anzubringen.

Im Antrag der Ratsfraktion der Göttinger Linke heißt es: "Gustav Kuhn (geb. am 13.2.1982 in Königsberg) hat von 1922 bis 1933 und von 1945 bis zu seinem Tod 1954 in Göttingen gelebt. In den Jahren von 1933 bis 1945 war er nur kurzzeitig in Göttingen, da er in dieser Zeit vor allem in verschiedenen Konzentrationslagern und Gefängnissen inhaftiert war. Gustav Kuhn leistete einen bedeutsamen Teil zur Göttinger Stadtgeschichte, indem er auf verschiedenen Ebenen frühzeitig Widerstand gegen den aufkommenden Faschismus organisierte. Seit 1929 war Kuhn Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und hier von 1932 bis 1933 Hauptkassierer. Zudem war er Mitglied der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO), Organisationsleiter des Kampfbundes gegen den Faschismus (KgF) sowie Kassierer der Roten Hilfe. Alle seine Ämter bzw. Mitgliedschaften führte er bis zu seiner ersten Verhaftung 1933 aus. Für sein aktives Engagement gegen den Faschismus nahmen ihn die Nazis 1933 erst in "Schutzhaft" und inhaftierten ihn anschließend im KZ Moringen, später verschleppten sie ihn in das KZ Oranienburg. Nachdem er 1933 entlassen wurde, wurde er 1935.. und 1936 erneut wegen "Heimtücke" und "politischer Umtriebe" verhaftet und ins Gerichtsgefängnis Göttingen und ins Zuchthaus Kassel (Wehlheiden) gebracht. Anschließend inhaftierten ihn die Nazis im KZ Dachau. Während dieser Zeit in Dachau wurde seine Ehe zu Luise Kuhn, geb. Wild, auf Druck der Gestapo geschieden. - Mit seinen antifaschistischen Aktivitäten und den daraus folgenden Inhaftierungen wird Gustav Kuhn in dem Buch ,,100 Jahre Göttingen und sein Museum: Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum und im Alten Rathaus" im Artikel "Die politische Lage ist hier als verhältnismäßig ruhig zu betrachten ..." von Rainer Rohrbach auf Seite 168 besonders hervorgehoben. Nach der Befreiung des KZs Dachau durch die Alliierten kehrte Kuhn als kranker und schwer gezeichneter Mannn 1945 nach Göttingen zurück. Auf Grund seiner 12-jährigen Inhaftierung, Schändung und Folterung war er ab 1948 nicht mehr in der Lage zu arbeiten und musste bis zu seinem Tod um Wiedergutmachung und Entschädigung ringen. Unter der Nummer 34 wird er beim Sonderhilfsausschuss in Göttingen als anerkannter politisch Verfolgter geführt. Nachdem ihm die Entschädigungsgelder für sein tägliches Überleben erst bewilligt wurden, wurden ihm diese ab Anfang der 1950er Jahre im Zuge der neu einsetzenden Kommunistenverfolgung wieder aberkannt."

Anders als in den Jahrzehnten zuvor lehnte das Kulturamt ein solches Ansinnen nicht grundsätzlich ab, sondern schlug vor, eine gemeinsame Gedenktafel für alle Antifaschistinnen und Antifaschisten an einem authentischen Ort zu gestalten.

Mehr Informationen www.goest.de oder www.goettinger-blaetter.de


Ihr könnt Euch die 16-seitige Publikation hier als pdf hunterladen.

Zur Geschichte der Göttinger ArbeiterInnenbewegung

80 Jahre Antifaschistische Aktion

ErsteSeite AufrufVor 80 Jahren, am 10. Juli 1932, riefen die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und Teile der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) auf dem Reichseinheitskongress in Berlin die Antifaschistische Aktion gegen den unmittelbar drohenden Faschismus in Deutschland aus. Diesen Jahrestag nehmen wir zum Anlass für eine antifaschistische, geschichtspolitische Aktionswoche in Göttingen.

Eine ausführliche inhaltliche Publikation rahmt die einzelnen Aktionen zu einem konzeptionellen Ganzen. Wir beginnen den Text mit strategischen Überlegungen zur Notwendigkeit ge­schichtspolitischer Auseinandersetzungen. Es folgen Ergebnisse von historischen, regionalpolitischen Recherchen, die wir zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung und des anti­faschistischen Widerstands in Göttingen geführt haben. Dabei stellen wir kommunistische Strukturen und Aktivitäten in der Zeit unmittelbar vor und nach der Machtübertragung an die Nazis in den Mittelpunkt. Einen eigenen Teil unserer Veröffentlichung bilden Biographien von Göttinger Antifaschistinnen und Antifaschisten, um die Erkenntnisse aus den Recherchen mit ihren spezifischen Bedeutungen an konkreten Personen greifbar zu machen.

„Scheidepunkt“ der Geschichte
67 Jahre nach der Befreiung vom deutschen Faschismus kommt der Auseinandersetzung mit Geschichte hierzulande eine besondere Bedeutung zu. Die Deutungsmacht über Geschichtsschreibung ist hart umkämpft: In Dresden führ­ten Neonazis bis 2011 die größ­ten Aufmärsche nach En­de des deutschen Faschismus in Westeuropa durch. Ihr Ziel ist es, Geschichte umzudrehen und die Deutschen zu den eigentlichen Opfern des Krieges zu erklären. Der Staat unterstützt die Neonazis in diesem Vorhaben, indem antifaschistischer Widerstand dagegen kriminalisiert wird. Dennoch ließ sich der Widerstand nicht brechen und die Neonazis knickten nach Massenblockaden und militanten Auseinandersetzungen 2010 und 2011 mit ihren jährlichen Aufmärschen endlich ein. Das Konfliktfeld ist damit allerdings nicht abgeschlossen: Das kleine Städtchen Bad Nenndorf in der Nähe Hannovers soll nun zur Geschichtsverdrehung durch Neonazis herhalten und droht die symbolische Bedeutung Dresdens einzunehmen.
Die geschichtsrevisionistischen Inszenierungen knüpfen an veränderte Voraussetzungen im gesellschaftlichen Diskurs seit Ende der 1990er Jahre an. Zuvor hatten Kontinuitäten von alten Nazi-Eliten und Strukturen in Staat und Gesellschaft vorgeherrscht, die das Erbe des deutschen Faschismus verdrängten. Ab 1998 stellte sich mit der sozialdemokratisch-grünen Bundesregierung ein Vorzeichenwechsel ein. Alt- und Neonazis wurden öffentlich problematisiert, Mahnmale gebaut und die ZwangsarbeiterInnen-Entschädigung zumindest angefangen. Nachdem sich Deutschland seither als geläuterte Nation darzustellen versucht, nehmen nationalistische Selbstbilder und latente Schlussstrichmentalität in der Mehrheitsgesellschaft wieder zu. Wer sich in Ritualen als geläutert präsentiert, darf den Fokus auch wieder auf „die eigenen Opfer richten“, so lautet die Staatsräson, die ein gesellschaftliches Klima schafft, an dem der Geschichtsrevisionismus der Neonazis nahtlos anschließen kann.
Die Auseinandersetzungen um Geschichte finden nicht zufällig in diesen Jahren mit solch einer Vehemenz und große Gegenwehr statt. Wir befinden uns in der Geschichte an einer Art Scheidepunkt, an dem die letzten Überlebenden des deutschen Faschismus sterben. Die wenigen noch lebenden ZeitzeugInnen aus dem antifaschistischen Widerstand und den Opfergruppen sind altersbedingt oft nicht mehr in der Lage, Auskunft zu geben. Diejenigen, die heute aus eigenem Erleben vom Faschismus berichten können, haben diesen meist als Kinder erlebt. Damit können sie ein begrenzteres Bild jener Zeit wiedergeben als damalige Erwachsene, die die Verhältnisse bewusster erlebt haben. Wir gehören zur letzten Generation, die überhaupt noch die Möglichkeit hat, mit ZeitzeugInnen in Begegnung zu kommen. Das schafft eine besondere Herausforderung und Verantwortung in der Weitergabe und Bearbeitung von Geschichte, der wir uns als antifaschistische Gruppe stellen müssen.

Nationalismus, Kapitalismus, Krieg
Antifaschistische Geschichtsarbeit ist für uns kein Selbstzweck, sondern schafft Bewusstsein und Kompetenzen in drängenden Auseinandersetzungen der Gegenwart. Das veränderte Geschichtsbild in Deutschland befeuert einen chauvinistischen Nationalismus. Wer hierzulande „stolz auf Deutschland“ sein will, wird versuchen die empfundene Beschädigung der nationalen Identität wegzuwischen. Die Erzählung der geschichtlichen Ereignisse wird vereinfacht und umgedeutet. Mithilfe des so geschaffenen Geschichtsbildes gelingt es, sich der Nation positiv zuzuordnen. Denn auf der Seite der Täter des deutschen Faschismus zu stehen, stört die nationalistische Identifikation. Daher werden reale Konflikte und Kämpfe in der deutschen Gesellschaft im Sinne des „Allgemeininteresses der Nation“ ausgeblendet. Ein gängiges Konzept ist die Trennung zwischen „anständigen Deut­schen“ und „bösen Nazis“. Die eigentlichen gesellschaftlichen Kämpfe in der Zeit des aufkommenden deutschen Faschismus im Geschichtsbewusstsein wieder sichtbar zu machen, ist eines unserer Anliegen.
Aber nicht nur vergangene Konflikte spielen sich in der Auseinandersetzung um Geschichtsbilder ab: Der gegenwärtige chauvinisti­sche Nationalismus richtet sich seit einigen Jahren mit neuer Qualität sowohl gegen Bevölkerungsgruppen im Inneren wie auch aggressiv ökonomisch und militärisch nach außen: Bspw. sollen sich MigrantInnen mittels Einbürgerungstests einer vermeintlichen „deutschen Leitkultur“ unterwerfen. Der Terror durch die Neonazi-Geheimdienststruktur „Na­tio­nalsozialistischer Untergrund“ (NSU) wurde öffentlich rassistisch als „Döner-Morde“ abgetan.
Die Bundeswehr agiert seit 1998 als Angriffsarmee gegen Serbien, Afghanistan und am Horn von Afrika. Seit 2011 machen sich in der deutschen Außenpolitik neoimperialistische Ten­den­zen auch verstärkt gegen EU-Staaten bemerkbar: Die Finanzkrise wird dazu genutzt, Europas Süden nach deutschen Interessen zu formen. Ganz ungeniert werden Regierungen installiert, die den Kapitalismus gegen die Krise und soziale Bewegungen autoritär abzusichern haben. Begleitet wird diese Politik von einer immer abstoßenderen rassistischen Überheblichkeit gegenüber Menschen aus den betroffenen Ländern.

In Gedenkstätten manifestiert sich Geschichtspolitik
Demonatration 1932 mit Fahne der Antifaschistischen AktionAlarmierende Beispiele für die Verschiebungen um Geschichtspolitik finden wir in der Politik um KZ-Gedenkstätten. Eine bedrohliche Tendenz ist deren Entpolitisierung. Im neuesten Konzept der Gedenkstätte Buchenwald wird bspw. nicht mehr eindeutig vermittelt, wer die Täter, wer die Opfer und wer die Widerstandskämpfer waren. Stattdessen werden alle Akteure des ehemaligen KZs plural nebeneinander dargestellt. Die BesucherInnen sollen selber aus diesem wertfreien Sammelsurium auswählen, mit wem sie sich identifizieren und wie sie die einzelnen Akteursgruppen einschätzen wollen. Eine andere, weitaus aggressivere Haltung konnten wir 2010 in Form von offizieller Geschichtsschreibung bei der 65-Jahrfeier zur Selbstbefreiung des KZs Buchenwald erleben. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sprach in seiner Rede davon, dass die „wirkliche Befreiung“ erst vor 20 Jahren, also nach dem Zusammenbruch der DDR, vollzogen worden wäre. Damit verlautbarte er eine totalitarismustheoretische Position, die die Ermordung an 6 Millionen Jüdinnen und Juden sowie Opfern von Vernichtungskrieg mit der Situation in der DDR gleichsetzte. Eine eindeutige Position bezüglich Tätern, Opfern und WiderstandskämpferInnen bezog in dieser Feier einzig Jorge Semprún, der in der französischen Résistance und gegen den spanischen Faschismus kämpfte und an der Selbstbefreiung Buchenwalds als Kommunist mitarbeitete. Er verstarb am 7. Juni 2011 in Paris.
Andere Beispiele verdeutlichen, wie die offizielle Geschichtsschreibung am Widerstand der überlebenden KZ-Häftlinge scheitern kann. Um die Gedenkstätten wurde in der BRD von Anbeginn gerungen. Damit diese überhaupt errichtet wurden, bedurfte es jahrelangen Bemühungen der KZ-Überlebenden selbst. So wurde die Gedenkstätte Dachau als erste KZ-Gedenkstätte in der BRD erst 1965 errichtet, nachdem Überlebende zehn Jahre darum gekämpft haben. Mit dem Anschluss der DDR an die BRD sollten die ehemaligen Gedenkstätten der DDR, Buchenwald und Sachsenhausen, in Gedenkstätten für „Opfer von Gewaltherrschaft“ umgearbeitet wer­den. Der Totalitarismus-Theorie fol­gend sollte neben den Opfern des deutschen Faschismus nun auch jenen „des Kommunismus“ gedacht werden. Nachhaltige Proteste der Häftlingsorganisationen gegen die Vermischung der Opfer-Gruppen konnten diese Umwidmung vorerst verhindern.
In Ravensbrück gab es nach 1989 einen dreisten Vorstoß der Entpolitisierung: das ehemalige Lagergelände sollte als Gewerbegebiet umgenutzt werden. An der „Straße der Nationen“, die Häftlingsfrauen aus dem KZ bauen mussten, wurde mit der Errichtung eines Supermarktes begonnen. Der Neubau konnte auch hier nur durch Proteste der Häftlingsorganisationen gestoppt werden. Dass diese Proteste vorerst erfolgreich verliefen, hat mit der moralischen Legitimation durch die Überlebenden zu tun. Wenn sie durch die Existenz ihrer Personen keine moralischen Instanzen in den gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen mehr darstellen werden, wird Geschichtsschreibung nur noch nach staatlichen Interessen fungieren. So heißt es in der „Konzeption der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück“ von 2000, dass es die Interessen der Überlebenden „...wenigstens so lange zu akzeptieren gilt, wie Überlebende nach Ravensbrück zurückkehren“.
Die Deutungsmacht über die Geschichte des Faschismus wird sich in den nächsten Jahren noch weiter zu Gunsten der staatstragenden Eliten verschieben. Denn von jenen, die authentisches Zeitzeugnis ihres antifaschistischen Wi­der­stands, ihres Kampfes in den Par­tisanInnengruppen oder regulä­ren Armeen der BefreierInnen, ihrer Qua­len in den Kerkern und Lagern der Faschisten abgeben können, leben immer weniger. Sie sind es, die uns bisher ihre Sichtweise der damaligen Verhältnisse wiedergeben. Spätestens sobald es in wenigen Jahren gar keine Überlebenden mehr geben wird, ist es an uns, gegen die Geschichtsschreibung der Machthabenden für Blickwinkel der Opfer und vor allem aus dem Widerstand zu kämpfen.

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln bleibt unser Ziel
Bei der Vermittlung einer antifaschistischen Geschichtsschreibung beziehen wir uns auf eine widerständige Geschichte und stellen uns damit in die moralische und politische Legitimationslinie der überlebenden AntifaschistInnen im Sinne einer – wenn auch brüchigen – Kontinuität des Widerstands. Die PräsidentInnen aller internationalen Häftlingsverbände haben sich zum 27. Januar 2009, dem 64. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, zusammengefunden und unter dem Titel „Erinnerung bewahren – authentische Orte erhalten – Verantwortung übernehmen“ ein gemeinsames Vermächtnis formuliert. Darin heißt es unter anderem: „Nach unserer Befreiung schworen wir, eine neue Welt des Friedens und der Freiheit aufzubauen: Wir haben uns engagiert, um eine Wiederkehr dieser unvergleichlichen Verbrechen zu ver­hindern. (...) Ge­rade deshalb schmerzt und empört es uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt. (…...) Unsere Reihen lichten sich. (...) Wir bitten die jungen Menschen, unse­ren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen. Dies sei unser Vermächtnis.“
Das „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ des Schwurs von Buchenwald se­hen die Überlebenden nicht um­­gesetzt. Der Auf­ruf der AntifaschistInnen gibt uns neben unseren eigenen gesellschaftspolitischen Erfahrungen und moralischen Standpunkten eine weitere historische Dimension der Legitimität antifaschistischen Kampfes.
Durch unsere konkreten Erfahrungen und unseren Austausch mit letzten Überlebenden haben wir aber nicht nur die Möglichkeit der fruchtbaren Diskussionen mit ihnen. Der Scheidepunkt, der uns zur Auseinandersetzung mit widerständiger Geschichtsschreibung zwingt, stellt uns gleichzeitig vor Herausforderungen: Wohin entwickelt sich ein politischer Ansatz, der als „Antifaschistische Aktion“ agiert, wenn kein lebendiges und authentisches Zeugnis vom historischen Bezugspunkt mehr existiert?

Zusammen gehört uns die Zukunft!
Eine Organisierung in der Antifa begründet sich für uns u.a. darauf, dass wir im Land der Täter des deutschen Faschismus leben. Dies schafft ein besonderes Vorzeichen im Bewusst- wie im Unbewusstsein der deutschen Gesellschaft. Unsere politische Denk- und Vorgehensweise gründet sich nicht nur auf dem abstrakten Wissen um die Verbrechen der Nazis, sondern auch auf konkreten, persönlichen Erfahrungen. Wir haben z.B. selbst Eltern oder Großeltern, die in die Taten des deutschen Faschismus verstrickt waren. Auf der anderen Seite konnten wir aber auch ZeitzeugInnen treffen, die mit ihrer Weitsicht und mit ihrem Mut im europäischen Widerstand gegen den Faschismus Vorbilder für uns sind. Alle diese Begegnungen lieferten uns persönlich erfahrbare Reibungs- oder aber Identifikationspunkte für unsere politische Arbeit, durch sie bekommt unsere Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Phänomenen rechter Ideologie eine besondere Tiefe. Allerdings ist unsere Generation die letzte, die noch eine auf eigenen Erfahrungen basierende moralische und emotionale Haltung gegenüber dem deutschen Faschismus entwickeln kann. Nachkommende Generation werden keine konkreten Beziehungen mehr zu Akteuren des deutschen Faschismus oder zu WiderstandskämpferInnen erfahren können. Das wird zwangsläufig Auswirkungen auf die Identitätsbildung innerhalb der Konzeption des Antifa-Ansatzes haben. Wenn der historisch erfahrbare Orientierungspunkt nicht mehr vorhanden sein wird, ist die in großen Teilen der Gesellschaft vorhandene Ächtung des historischen Faschismus und die damit verbundene Skandalisierung von Erscheinungsformen des Neofaschismus zukünftig nicht sicher gestellt.
Zugleich zeigt sich heute angesichts der Krise des Kapitalismus deutlicher als selten zuvor, welches Bedrohungspotential in gegenwärtigen Formen autoritärer Herrschaft, des Rechtspopulismus oder offener Neonazis  liegt. Immer unverhohlener macht die Priorisierung des Kapitals deutlich, dass man gerne bereit ist, die bürgerliche Demokratie zugunsten der Durchsetzung ökonomischer Interessen hin­ten anzustellen. Stimmen nach ei­ner „starken Führung“ werden wieder lauter. Der Staat hält sich durch seine Geheimdienste bewaffnete Gruppen von Neonazis und wird diese im Zweifelsfall auch für die „Drecksarbeit“ gegen unliebsame Gruppen einsetzen. Antifaschismus wird als gesellschaftskritische Kraft also ein wichtiger Ansatzpunkt der radikalen Linken bleiben.
Offen bleibt, wie der Wandel des politischen Ansatzes von Antifa aussehen wird. Möglich ist, dass sich die Spur des Widerstandes gegen den Faschismus – jenseits der persönlichen Begegnung – durch Zeugnis der ZeitzeugInnen weiterträgt. Dafür ist allerdings die Beschäftigung mit der eigenen Bewegungsgeschichte von Nöten. Es müssen in der Auseinandersetzung mit antifaschistischer Geschichte bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse als Bedingung für das Erstarken des Faschismus erkannt werden. Gegenwärtige und zukünftige soziale Kämpfe müssen diese Erkenntnisse mit einbeziehen und so die antifaschistische Idee am Leben erhalten. Vergangenheit ist niemals abgeschlossen, sondern stets die Vorgeschichte der eigenen Gegenwart.

Regionalpolitische Geschichtsschreibung
Roter Frontkämpferbund, Göttingen ca. 1928Mit diesen Überlegungen nehmen wir uns unserer eigenen Geschichte des antifaschistischen Widerstands an: Unsere konkreten Fragen und Herangehensweisen erarbeiten wir uns anhand regionalgeschichtlicher Ereignisse in Göttingen. Wir recherchierten, indem wir verschiedene Stadt-, Landes-, Staats- und Bundesarchive kontaktierten oder aufsuchten und dort Polizei-, Entschädigungs- und Meldeakten durcharbeiteten. Wir kontaktierten den International Tracing Service (ITS) Bad Arolsen sowie verschiedene Gedenkstätten mit Rechercheanfragen. Wir wälzten in alten Adress- und Telefonbüchern. Wir führten Gespräche mit Menschen aus Göttinger kommunistischen Familien, analysierten historische Fotos und lasen sehr viel Literatur aus und über die damalige Zeit.
Als linksradikale Gruppe widmen wir uns besonders der Rolle von KommunistInnen in Göttingen und der Region, denn die KPD leistete unter den großen Parteien den konsequentesten Widerstand gegen den deutschen Faschismus und bezahlte dafür den höchsten Preis. In der deutschen Gedenkkultur, die von einer verdrängenden Sichtweise auf den Faschismus geprägt ist („Wir haben von allem nichts gewusst“) kann die Möglichkeit, Widerstand zu leisten, zwangsläufig keinen Raum haben. Dem guten Gewissen nationaler Geschichtsschreibung darf lediglich militärischer (Stauffenberg) oder pazifistischer (Weiße Rose) Widerstand zuträglich sein. Kommunis­tischer und/oder bewaffneter Widerstand wird hingegen systematisch ausgeblendet.
Durch unsere ei­genen Recherchen können wir eine politische Einschätzung v.a. über Anfang/Mitte der 1930er Jahre in Göttingen treffen, die das Bild der bisherigen Göttinger Stadtgeschichtsschreibung erweitert: in Göt­tingen gab es trotz der dominanten Rolle der NSDAP eine relativ starke KPD, gemessen an Mitgliederzahlen, Infrastruktur und Aktionsformen. Das heißt nicht, dass Göttingen ein Schwerpunkt der KPD gewesen wäre, wie etwa die ArbeiterInnenviertel in Berlin. Dennoch war die Relevanz der kommunistischen Partei für die politischen Auseinandersetzungen in der Stadt bemerkenswert. Nehmen wir die heutige Situation zum Vergleich, stellen wir fest, dass die radikale Linke gegenwärtig weder auf ganze Stadtviertel in Göttingen zurückgreifen kann, noch regelmäßig Veranstaltungen mit mehren hundert BesucherInnen oder Demonstrationen mit 1000 TeilnehmerInnen durchführt. Heutzutage kann keine Partei, die offen den Kommunismus propagiert, ein Wahlergebnis von 9% erzielen.
Das offizielle Göttinger Stadtgedenken ist in Bezug auf antifaschistischen Widerstand entweder gar nicht oder aber militaristisch geprägt. Antifaschistische oder gar kommunistische Widerstandsgeschichte wird in der offiziellen Stadtgeschichte i.d.R. am Rande abgehandelt oder aber problematisiert. Die alternative Stadtgeschichtsschreibung ist hingegen vom Bild geprägt, dass Göttingen eine Nazihochburg war, in der es Oppositionsbewegungen aus den Gewerkschaften und der SPD gab – und die KPD dabei kaum bis gar keine Rolle gespielt habe. Dieses gängige Bild wollen wir mit dieser Publikation durch neue Erkenntnisse ergänzen und korrigieren und einen Beitrag für eine umfassendere Betrachtung liefern.

Fakten: Zahlen
In den 1930er Jahren war Götting­en erheblich kleiner als heute. Während die Stadt heute ca. 120.000 Ein­wrInnen zählt, waren es 1933 gut 47.000. Die äußeren Stadtteile Weende, Grone und Geismar gehörten noch nicht zur Stadt Göttingen, sondern wurden eigenständig verwaltet. Auf Grund der Stadt-Struktur gab es in Göttingen keine Industriezentren und damit kein Industrieproletariat, was für die KPD im Reich einen festen Mitgliederstamm ausmachte. Viele Arbeiter verdienten ihren Lohn beim Reichsbahnausbesserungswerk (RAW), dem Flughafen Grone oder dem Aluwerk Alcan. Das RAW war mit einer gewerkschaftlichen Organisierung von fast 90% der Betrieb mit der höchsten Rate und galt für reaktionäre Kreise als „Krisenherd ersten Ranges“. Viele Arbeiterinnen verdienten ihr Geld z.B. als Näherinnen. Auf Grund der schwierigen Arbeitsmarktsituation waren die ArbeiterInnen sehr mobil, indem sie in anderen Städten anheuerten. Spezielle Facharbeiter arbeiteten zudem bei Ruhstrat, Sartorius und Zeiss. Als mehrheitliche Partei der ungelernten ArbeiterInnen und Arbeitslosen konnte die KPD unter diesen Facharbeitern aber keine erwähnenswerten Mit­glie­derzahlen verzeichnen. Mit der „Roten Studentengruppe“, die 1931 laut Polizeiangaben ca. 10-15 Mitglieder zählte, gehörten nur wenige AkademikerInnen dem Kreis der KommunistInnen an. Allerdings gab es in Göttingen einen kleinen Kreis von AkademikerInnen, die sich im ISK (Internationaler Sozialistischer Kampfbund) organisiert hatten.
Die Stadt Göttingen war also weniger vom Industrieproletariat als vielmehr von Universität und Militär geprägt. Dementsprechend dominierten ein national-konservatives Bürgertum und Burschenschaften das Stadtbild. In der Konsequenz war Göttingen schon Ende der 1920er Jahre eine Hochburg der Faschisten. Die Wahlergebnisse der NSDAP lagen stets über dem Reichsdurchschnitt – z.B. kam sie bei der Reichstagwahl vom 31.7.1932 auf 51% der Stimmen gegenüber dem Durchschnitt von 37,4%.
Unter diesen widrigen Umständen gab es in Göttingen dennoch antifaschistischen Widerstand. Die  KPD konnte unter diesen Bedingungen statistisch gesehen eine relativ hohe AnhängerInnenschaft verzeichnen: Bei den Reichstagswahlen am 14.9.1930 bekam die Partei in Göttingen 2389 Stimmen, das waren 9,1%. Die SPD erhielt mit 6201 Stimmen 23,6% – so dass die beiden ArbeiterInnenparteien mit ihren 8590 Stimmen fast gleichbedeutend der NSDAP mit 9946 Stimmen (37,8%) gegenüberstanden. Nichts desto trotz lagen die Wahlergebnisse der KPD in Göttingen immer, teilweise auch deutlich, unter dem Ergebnis im Reichsdurchschnitt.
Im Stadtbild befanden sich die kommunistischen Schwerpunkte in den drei Göttinger ArbeiterInnenvierteln: das Erste war das Eisenbahner-Viertel um Breymannstraße, Jahnstraße, Leinestraße, das der Göttinger Kommunist Willi Rohrig als „Zentrum“ der KommunistInnen bezeichnete. Das zweite ArbeiterInnenviertel war das Johannisviertel/Neustadt um Papendiek, Petrosilienstraße und Neustadt. Das dritte war das Ebertal am Lönsweg, eine damalige Hüttensiedlung mit Gärten und Kleintierhaltung. In diesen drei Vierteln erreichten KPD und SPD bei der Kommunalwahl 1929 zusammen die Mehrheiten.
Neben den quantitativen Wahlergebnissen ist die Anzahl der aktiven KommunistInnen aufschlussreich. Die Zeitzeugin Karin  Rohrig erinnert sich für die 1930er Jahre an „mehrere hundert“ AktivistInnen in der KPD und der ihr angeschlossenen Organisationen wie dem Roten Frauen- und Mädchenbund, dem Kampfbund gegen den Faschismus (KgF) oder der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) in der Stadt und Umgebung Göttingens.
Mit der Vielzahl an kommunistischen Organisationen und ihren Mitgliedern waren auch die Veranstaltungen der KPD und ihrem Umfeld gut gefüllt: Ostern 1924 veranstaltete die kommunistische Jugend in Göttingen einen Jugend-Tag mit 300 Jugendlichen aus Niedersachsen. Die OrganisatorInnen kommentierten diese Zahl als „nicht sehr stark“. Ähnliche überregionale Jugendveranstaltungen fanden in Göttingen auch in den folgenden Jahren statt. Am 6.1.1920 veranstaltete die KPD eine Kundgebung mit 1000 TeilnehmerInnen. Die Antifaschistische Arbeiterabwehr (damalige Kurzform: „Antifa“) zählte im April 1931 300 Mitglieder. An einer Antifa-Kundgebung gegen die „Bluttat der Faschisten und die Hetze in der bürgerlichen Presse“ beteiligten sich am 9.5.1930 1500 Menschen. Eine Diskussionsveranstaltung des KgF in den Göttinger Festsälen am Ritterplan zur Antifaschistischen Einheitsfront besuchten am 23.10.1931 knapp 300 Personen. Diese Großveranstaltungen lassen für Göttingen auf eine relativ starke Organisation und Infrastruktur schließen.

Linke Räume & Infrastruktur
KPD Göttingen wird in Moringen bei einer Landagitation von der Polizei gestörtNeben ihren ArbeiterInnenvierteln und ihrem politischen Ausdruck in Ver­anstaltungen und Demonstrationen, bauten sich die Göttinger Kommunis­tInnen auch ei­ne eigene Infrastruktur mit Finanzierung, Buchladen, Postfächern und Zu­gang zum städtischen Jugendheim auf.
Für die Umsetzung ihrer politischen Arbeit benötigte die KPD Geld. Verschiedene Kas­sierer warben Spenden für den antifaschistischen Kampffond in Buchläden ein, bspw. beim Buchhändler Hans Leicher. Eine kommunistische Buchhandlung befand sich bis vermutlich 1933 in der Goetheallee 3.
Ein Kassierer der Partei war ein Mann Namens Wagner, wohnhaft Neu­stadt 12. Bei einer Hausdurchsuchung am 23.11.1923 wurden bei ihm 251.220.066 (Zweihunderteinundfünfzig Millionen zweihundertzwanzigtausend sechsundsechzig) Mark als Kassenbestand der KPD beschlagnahmt. Während jener starken Inflationszeit bekam man dafür allerdings nicht mal einen Liter Milch.
Neben der politischen Arbeit der KPD musste auch die Arbeit der Roten Hilfe als Massenorganisation zur Freilassung der politischen Gefangenen im Umfeld der KPD finanziert werden. Viele KommunistInnen in Göttingen waren Mitglied in der Roten Hilfe. Immer drei KassierInnenwaren hier verantwortlich für die Finanzen.
Die Göttinger KommunistInnen arbeiteten eng mit GenossInnen aus Hann.-Münden und Bad Lauterberg zusammen. Im Gegensatz zu Göttingen galten diese Orte als „rote Hochburgen“. Ihre Kommunikation hiel­ten einige GenossInnen über Postfächer aufrecht: So soll die Landwirtin Ina Koelbel aus Bad Lauterberg (in Göttingen gemeldet Söhlwiese 4) laut Polizeiakten im Mai 1933 bahnpostlagernd, d.h. per Schließfach im Bahnhof, illegale Post nach Göttingen empfangen haben.
Die KPD hatte in Göttingen keine eigenen Büros und Veranstaltungsräume. Im Göttinger „Volksheim“ im Maschmühlenweg, dem Haus von Gewerkschaften und SPD, hatte die KPD ab November 1929 Veranstaltungsver­bot erhalten. Treffpunkte waren ab dann wohlgesonne­ne Kneipen oder Privatwohnungen. Die kommunis­tische Jugend konnte auf die Struktur des städtischen Ju­gendheims zurückgreifen. Das da­­malige Jugendzentrum im heutigen Gebäude des Jungen Theaters/KAZ wurde von vie­len verschiede­nen Jugendgruppen genutzt, u.a. von der Naturfreunde-Jugend und dem KJVD (Kommunistischer Jugendverband Deutschlands). Willi Roh­rig berichtete 1986: „Wenn wir Feierabend gehabt haben, dann sind wir nach Hause ge­gangen und haben uns gewaschen und dann natürlich ins Jugendheim. Wir hatten zwei Mal in der Woche Gruppenabend. Im Göttinger Jugendheim hat sich unser ganzes Jugendleben abgespielt, mit Volkstanz und Lieder singen und natürlich auch die politische Arbeit.“ Ihm rettete das linkspolitische Umfeld des Jugendheims am 11./12.1.1932 die Haut, als er am 11. oder 12.1.1932 von Nazischlägern angegriffen wurde: „Wo jetzt die städtische Sparkasse drin ist am Markt, da gab es so Žnen Eckeingang. Die [Hitlerjungen] kamen schon von der anderen Seite mit ihren Kanonenstiefeln an. Da hatten sie mich entdeckt und mir blieb nichts anderes übrig, als da in den Hauseingang, um den Rücken freizuhaben. Da habe ich anständig Senge bezogen. Und meine Frau die musste nun zugucken. (…) Dann sind sie noch hinterher gelaufen bis auf die Ecke wo es reingeht in die Kurze Straße, [die zum Jugendheim führte]. Den Durchgang gab es ja noch nicht, man musste immer beim Parkhaus da hinten rum, da hat sich kein Hitlerjunge mehr hin getraut.“

„Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft!“
Neben Zahlen und Infrastruktur ist zur Einordnung der KommunistInnen auch die Frage nach der Qualität des Widerstands unter den widrigen Göttinger Umständen von Bedeutung. Angesichts der Konfrontationen mit Nazis und der Polizei haben sich bis 1933 in vielen Städten KommunistInnen zum Selbstschutz bewaffnet – so auch in Göttingen. Damit standen sie im Konflikt mit der KPD-Führung, die aus Angst vor Verboten und der Strategie von Massenmobilisierungen folgend, die individuellen Bewaffnungen an der Basis als „Einzelterror“ zu delegitimieren versuchte. Auch in Göttingen verlief die Ausrüstung mit Waffen eher individuell, denn als strukturiertes Kampfmittel. Die Waffen wurden v.a. zur Verteidigung eigener linker Orte und Strukturen genutzt, weniger zum aktiven Angriff. Anders als in den ArbeiterInnenvierteln im Ruhrgebiet oder in Berlin gab es in Göttingen keine Toten durch AntifaschistInnen.
Die Waffen haben die Göttinger KommunistInnen bspw. in einer Kaserne in Hann.-Münden zu besorgen versucht. Laut Polizeibericht fragten der Hann-Mündener Karl Thies und die Göttinger Arno Deutelmoser und Heinz Klapproth am 12.4.1931 den Oberschützen Herrmann Seigocki, ob er aus seinem Infanterieregiment in Hann.-Münden Pistolen für die KPD bzw. einen Wachs- oder Seifenabdruck für den Munitionsschrank-Schlüssel besorgen könnte. Seigocki verriet die Kommunisten in Göttingen bei seinem Kompaniechef Stuppi, woraufhin sie am 5.9.1931 verhaftet wurden. Andere Soldaten, ein Hauptwachtmeister und zwei Anwärter der Polizeischule Hann.-Münden waren hingegen für die KPD aktiv.
Wie die Waffen in Göttingen verwahrt wurden, wird aus einer Ankla­geschrift vom 3.8.1937 deutlich: Der im März 1933 für die KPD ins Bürgervorsteher-Kollegium ge­­wähl­te Adolf Reinecke und der KgF-Lei­ter Gustav Kuhn kamen im April/Mai 1933 zusammen, um Gewehre sicherzustellen. Die Waf­fen waren bei einer Versammlung im Herbst 1932 zusammengekommen. Gemeinsam mit dem KPDler Gus­tav Weiss versteckten sie die Waffen auf dem „Kleinen Hagen“, vermutlich dort, wo die Na­turfreunde 1913 ihre erste Hütte bauten und bis heute ansässig sind. Einige Tage später versteckten sie die Waffen in einer Kiste, die Kuhn von 5 RM aus seiner Rote-Hilfe-Kassierertätigkeit übrig hatte, im Garten von WeissŽ. Die Kiste wurde später von der Polizei ausgegraben und 1937 beschlagnahmt. Reinecke wurde dafür zu 3,5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Anschließend wurde er bis 1945 ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Kuhn wurde zu 1,5 Jahren Zuchthaus verurteilt und danach bis 1945 im KZ Dachau eingesperrt.  
In der Nacht vom 1. auf den 2.5.1933 wurden zwei SA-Männer in der Nähe des „Volksheims“ mit Pistolen beschossen. Das „Volksheim“ fungierte mit seinem Saal, seiner Kneipe und seinem Garten als Treffpunkt für antifaschistische Gruppen und diente oft als Auftaktort für Demonstrationen. Aus einer Demonstration von KPD, Reichsbanner und Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) am 2.7.1932 wurde zudem ein Polizist beschossen. Nachdem das Ziel verfehlt wurde, wurde der Polizist mit Revolverkolben verprügelt. Bei derselben Demonstration wurde am Weender Tor ein NSDAP-Mitglied unter Zuhilfenahme von Musikinstrumenten der begleitenden Schalmeien-Kapelle verprügelt. Andere Nazis wurden unter den Rufen „Nieder mit den Hunden!“ verjagt. Das Göttinger Tageblatt wütete am 4.7.1932: „Bürgerkrieg“.
Nach diesen Rahmungen zur Größe, zum Organisierungs- und Mobilisierungsgrad sowie zur Qualität des kommunistischen Widerstands in Göttingen wollen wir nun inhaltliche Stoßrichtungen vorstellen: Die Politik um die Einheitsfront/Antifaschistische Aktion sowie zu Veränderungen antifaschistischer Politik vor und nach der „Schutzhaft“-Welle im Jahr 1933.

Antifaschistische Aktion

Am 24.5.1932 wurden Abgeordnete der KPD-Fraktion im Berliner Reichstag durch Mitglieder der NSDAP-Fraktion öffentlich angegriffen. Allen Parteien, besonders den ArbeiterInnenparteien, war klar, dass diese Angriffe eine neue Dimension in der Auseinandersetzung mit den Faschisten darstellten. Die KPD-Parteiführung erkannte die Notwendigkeit, eine geschlossene Einheitsfront aller ArbeiterInnenparteien und -organisationen zu bilden.
Bereits am 1.5.1932 forderte der KPD-Parteivorsitzende Ernst Thälmann auf einer Berliner Maikundgebung die „Einheitsfront“. „Wir rufen an dieser Stelle – bei diesem Tempo der faschistischen Entwicklung – den Millionen Unterdrückten in Deutschland, den sozialdemokratischen, freigewerkschaftlichen und christlichen Arbeitern zu: Bildet mit uns gemeinsam die kämpfende aktive Einheitsfront aller Ausgebeuteten gegen die Politik der Bourgeoisie! Wir sagen allen Arbeitern: die Stunde ist gekommen, wo ihr dem Faschismus eine einheitliche kämpfende Front entgegenstellen müßt, um ihm das verbrecherische Handwerk zu legen“.
Am 10.7.1932 wurde die Einheitsfront offiziell von der KPD-Führung und einzelnen SPD-Mitgliedern, jedoch nicht von der SPD-Parteiführung, ausgerufen und ein Gründungsaufruf der Einheitsfront verabschiedet: „Die Antifaschistische Aktion muss durch den organisierten roten Massenselbstschutz in breitester Einheitsfront den Mordterror des Hitlerfaschismus brechen. (...) Die Antifaschistische Aktion muss alle Kräfte der Arbeiterklasse und der von ihr geführten Millionen Werktätigen in Stadt und Land zum Einsatz bringen, um der Faschisierung Deutschlands Einhalt zu gebieten, um den blutigen Plan des Hitlerfaschismus zu vereiteln, der die offe­ne faschistische Dik­tatur über Deutschland aufrich­ten will“.
Anders als erhofft lehnten SPD-Parteiführung und weite Tei­le der freien Gewerkschaften des ADGB ein grundsätzliches Zusammengehen in dieser Frage unter der Leitung der KPD ab. Die SPD-Parteiführung verbot sogar ihren Mitgliedern, an KPD-Aktionen gegen Nazis teilzunehmen. Wer sich dennoch daran beteiligte, muss­te damit rech­­nen aus der SPD ausgeschlossen zu werden. Auch für die KPD blieb die Einheits­front auf der Parteiführungsebene eher ein Lippenbekenntnis als ei­­­ne wirkliche Stra­­­tegie. So hielt sie einerseits wei­terhin an der Sozialfaschismusthese, die die SPD als die eigentlichen fa­schistischen Geg­ner darstellte, als der Maßgabe der Kommunistischen Internationale fest. Andererseits sollte die Einheitsfront, wenn sie von der SPD und den Gewerkschaften mitgetragen werden würde, ausschließlich durch die KPD geleitet und organisiert werden. Die ArbeiterInnen, die den Nazis unmittelbar ausgesetzt waren, dachten meist nicht derart dogmatisch und stellten sich sehr wohl gemeinsam den Nazis in den Betrieben, Fabriken und in ihren Wohn- und Arbeitsvierteln in den Weg. Die einzelnen Erfolge dieser Kämpfe zum Ende der Weimarer Republik vermochten es allerdings nicht, die Nazis auf dem Weg zur Macht zu stoppen.
In Göttingen bestand schon recht früh die Notwendigkeit, antifaschistische Selbsthilfe zu organisieren, um sich gegen rechte Burschenschafter, Deutschnationale und Faschisten zur Wehr zu setzen. ArbeitersportlerInnen, Roter Frontkämpferbund (RFB, Wehrgruppe der KPD), Reichsbanner (Wehrgruppe der SPD), Internationaler Sozialistischer Kampfbund (ISK) und Einzelpersonen schützten politische Veranstaltungen wie Kundgebungen zum Ersten Mai.

Einheitsfront in Göttingen

Am 9.5.1930 wurde die Antifaschistische Arbeiterabwehr („Antifa“) in Göttingen auf einer Demonstration gegründet. Der Anlass zu diesem Schritt war u.a., dass die Faschisten in Göttingen immer gewaltbereiter gegen die ArbeiterInnen vorgingen. Darüber hinaus versuchte die bürgerliche Presse, allen voran das „Göttinger Tageblatt“, mittels Hetzartikeln gezielt einzelne Teile der Göttinger ArbeiterInnenschaft zu kriminalisieren. Die „Neue Arbeiter-Zeitung“ berichtete in ihrer Ausgabe vom 11.5.1930 unter der Überschrift „Arbeiterabwehr in Göttingen, Machtvoller Aufmarsch gegen den Faschismus“, dass die Göttinger ArbeiterInnen es sehr begrüßten, dass sie die erste antifaschistische Arbeiterabwehr in Südniedersachsen gegründet haben. 1500 Menschen befanden sich auf der Demonstration und hießen die Arbeiterabwehr mit dem verbotenen Kampfruf des RFB „Rot Front!“ willkommen. In ihrem Gründungsaufruf gingen sie auf die Notwendigkeit einer geschlossenen Arbeiterabwehr ein, um so den brutaler auftretenden Nazis die Stirn bieten zu können. Noch während der Demonstration sind ihr 60 Menschen beigetreten.
Die Staatsmacht reagierte mit Repression, so fanden bereits einen Tag später, am 10.5.1930, mehrere Hausdurchsuchungen mit 4 Verhaftungen statt. Der Zweck der Polizeitaktik war eindeutig die neugegründete „Antifa“ bereits in ihrer Entstehungsphase zu kriminalisieren.
Im September 1930 schätzte die Polizei Göttingens die „Antifa“, die unter dem Vorsitzenden Fritz Schaper geleitet wurde, auf etwa 100 Personen. Schaper hatte in der Vergangenheit verschiedene Demonstrationen für die KPD angemeldet und trat als Redner bei Veranstaltungen auf. Neben Fritz Schaper war Oskar Knodt in der Führungsspitze der „Antifa“ organisiert. Dieser stellte seine Wohnung für politische und konspirative Treffen zur Verfügung, organisierte Demonstrationen und Versammlungen des RFB und trat als Redner bei Umzügen oder Veranstaltungen auf.
Ab September 1930 veränderte die „Antifa“ ihr äußeres Erscheinungsbild und trat nun bei öffentlichen Veranstaltungen in einer eigenen Uniform und mit einer Schalmeienkapelle auf. Das Tragen der Uniform (blaue Mütze; blaue Bluse; ovales rotes Ärmelabzeichen mit Hammer, Sichel und Schwert sowie Koppel mit Sowjetzeichen) führe immer öfter zu Auseinandersetzungen mit Andersgesinnten. Aus Gründen der „öffentlichen Sicherheit“ versuchte die politische Polizei Göttingens, die entsprechenden Stellen immer wieder zu kontaktieren und sie für einen Verbotsantrag der Antifaschistischen Arbeiterabwehr zu gewinnen. Dieser konnte jedoch bis 1933 nicht durchgesetzt werden. Am 24.2.1931 wurde Fritz Schaper von der Polizei verhaftet und später vor Gericht gestellt. Wegen „Aufruhrs“ wurde er zu 2 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Zu dieser Zeit zählte die Antifa laut Polizeiangaben bereits 300 Mitglieder.  
Anfang Januar 1931 kam es durch interne Richtungskämpfe zu einer Abspaltung in der „Antifaschistischen Arbeiterabwehr“, woraufhin der KPDler Gustav Kuhn eine Göttinger Ortsgruppe des Kampfbund gegen den Faschismus (KgF) gründete. Der KgF hatte anfangs eine Mitgliederstärke von 131 Personen, darunter neun Frauen. Mit bspw. einem „Propaganda-Umzug“ am 28.5.1931 versuchte der KgF eine Art Einheitsfront zu schaffen. Neben Demonstrationen wurden auch Versammlungen und Kundgebungen abgehalten, wie u.a. am 29.5.1931 in den Göttinger Festsälen (Ritterplan) mit dem Titel „Anfang und Ende des Faschismus“. Fünf Monate später, am 24.10.1931, veranstaltete der KgF erneut in den Göttinger Festsälen eine öffentliche Zusammenkunft mit dem Thema „Faschismus“. Die Referenten waren die KPDler Gmeiner (Braunschweig) und Gustav Kuhn. Die Veranstaltung wurde laut Polizeiangaben von 280 TeilnehmerInnen mit überwiegend KommunistInnen und SozialdemokratInnen gut besucht. Die VeranstalterInnen hatten zudem auch einige Faschisten eingeladen, diese sollten Stellung zu den Vorkommnissen in Braunschweig nehmen: Dort versuchten am 18.10.1931 über 40.000 NSDAP-Mitglieder in die Stadt einzumarschieren. Jedoch sei den Nazis der Einmarsch laut dem KPD-Referenten aus Braunschweig in keiner Straße gelungen. Nur vereinzelt seien Arbeiter von Nazis überfallen worden. Die Faschisten in der Göttinger Veranstaltung gaben sich auf die Frage, ob sie anwesend seien und zu den Vorfällen nun Stellung nehmen wollten, nicht zu erkennen. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung forderte Kuhn die Göttinger Arbeiterschaft immer wieder dazu auf, sich dem KgF anzuschließen, um auch in Göttingen eine schlagkräftige Einheitsfront bilden zu können.
Die Göttinger Polizei arbeitete hingegen daran, solch eine Einheitsfront zu verhindern und nahm dafür auch den Vorsitzenden des Kampfbund gegen den Faschismus ins Visier. Gustav Kuhn wurde Ende des Jahres 1931 verhaftet und zu 2 Jahren Haft verurteilt. Hiermit hatte die Staatsmacht einen wichtigen Schlag gegen den KgF gesetzt. Die Strategie der Polizei schien aufzugehen, zwar bestand er auch weiterhin, jedoch sank die Mitgliederzahl deutlich ab. So seien laut Polizeiangaben im Kampfbund gegen den Faschismus ab 1932 nur noch 60-70 Personen organisiert gewesen.

Letzte Aktionen

In den Jahren 1932 /1933 kam es verstärkt zu Konfrontationen zwischen linker ArbeiterInnenschaft und Nazis. Dabei ging es um die Straßenhoheit in Göttingen. Die Angriffsziele der Nazis waren u.a. das „Volksheim“ und die drei linken ArbeiterIn­nenviertel.
Nach einer NSDAP -Veranstaltung am 29.07.1932 versuchten mehrere Faschisten in das Eisenbahnerviertel einzudringen. Den BewrInnen, meist KommunistInnen, SozialdemokratInnen und Gewerkschafter­Innen, war die Veranstaltung der Nazis nicht entgangen und so bereiteten sie sich auf einen möglichen Angriff vor. Als die Nazis begannen, mehrere Menschen in der Leinestraße zu attackieren, wurden sie zunächst mit einem deftigen Steinhagel zurückgeschlagen. Nachdem sie abermals probierten in das Viertel einzudringen, wurden sie mit Knüppeln, Zaunlatten und anderen Schlagwerkzeugen aus der Eisenbahnstraße angegriffen und aus dem Viertel gedrängt. Die Polizei beruhigte die Lage schnell und die Nazis flüchteten in die Innenstadt. Die ArbeiterInnen wiederum versuchten im Leineviertel unterzutauchen, um sich so der anstehenden Repression zu entziehen. In den folgenden Tagen hetzte das Göttinger Tageblatt gegen die BewrInnen des Eisenbahnerviertels. Die Polizei befeuerte die Medienkampange, indem sie ihre Ermittlungen ausschließlich gegen die BewrInnen des ArbeiterInnenviertels richtete. Sie intensivierte dort für die nächsten 1,5 Monate ihren Streifendienst. Es war ihnen jedoch nicht möglich, die entsprechenden AntifaschistInnen ausfindig zu machen. Im Laufe des Jahres 1932 kam es zu einer Intensivierung der Angriffe durch die Faschisten.
Die geschlossene Einheitsfront wurde in vielen Fällen von den „kleineren“ Parteien wie der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) und Organisationen wie dem ISK gefordert. Ihre gesellschaftiche Analyse war viel zutreffender als die von SPD und KPD oder der freien Gewerkschaften. Der ISK Göttingen forderte 1932 den Aufbau einer ArbeiterInnenfront auf der parlamentarischen Ebene zwischen KPD und SPD. Auf der gesellschaftlichen Ebene sollten sich all diejenigen Gruppen, Organisationen, und Einzelpersonen zusammenschließen, die gewillt waren gemeinsam gegen deutschnationale und faschistische Bestrebungen vorzugehen. „Die Vernichtung aller persönlichen und politischen Freiheit in Deutschland steht unmittelbar bevor, wenn es nicht in letzter Minute gelingt, unbeschadet von Prinzipiengegensätzen alle Kräfte zusammenzufassen, die in der Ablehnung des Faschismus einig sind.“ Die Mitglieder des ISK Göttingen thematisierten in regelmäßigen Veranstaltungen im Volksheim die Schaffung einer breiten Einheitsfront. Gruppen wie sie vermochten es dennoch nicht,  das breite antifaschistische Bündnis zu knüpfen.
Die letzte öffentliche und größere Aktion gegen Nazis in Göttingen fand am 30.01.1933 gegen die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler statt. Gegen 18 Uhr trafen sich nach Polizeiangaben ca. 180, nach Angaben des Göttinger Kommunisten Willi Rohrig allerdings über 1.000 Personen am Hirtenbrunnen. Die Polizei erlaubte der von der KPD organisierten Demonstration durch die Innenstadt zu laufen. Sie wurde jedoch immer wieder von SA- und HJ-Einheiten angegriffen. Die Demonstration wurde schließlich zum Schutz ihrer TeilnehmerInnen vorzeitig beendet.

Verfolgung und Repression ab 1933
Mit der Machtübertragung an die Nazis verschärfte sich ab Januar 1933 die Situation dramatisch. Die Nazis verfügten jetzt über die Hoheit der staatlichen Strukturen des Gewaltmonopols, die zunächst v.a. gegen die politischen HauptgegnerInnen, die KommunistInnen und SozialdemokratInnen, eingesetzt wurden. Die Parteiorganisationen der Faschisten standen damit gleichzeitig unter einem besonderen Schutz im deutschen Staat: die SA bekam den Status der Hilfspolizei und konnte so unter staatlicher Deckung ihren politischen Kampf weiter führen. Dazu entwickelte sich nun die Polizei zum ausführenden Organ der Faschisten. Die KPD wurde im Februar 1933 verboten und hat nach dem sogenannten „Reichstagsbrand“ am 28.2.1933 mit der ersten Verhaftungswelle zu kämpfen. Ihre Reichstagsabgeordneten wurden ausgeschlossen, verfolgt und weggesperrt. Anfang März waren bereits 20.000 KommunistInnen inhaftiert. Gleichzeitig begann die SS mit dem Aufbau des systematischen Netzes der Konzentrationslager.
Am Tag der Machtübertragung an die NSDAP organisierte die KPD reichsweit Demonstrationen, nach dem „Reichstagsbrand“ versuchte sie (erfolglos) einen „allgemeinen Streik gegen Hitler“ zu organisieren und in den ersten Monaten 1933 kam es in den starken ArbeiterInnenvierteln im Reich weiterhin zu erheblichen Straßenschlachten zwischen AntifaschistInnen und SA. Die Dimensionen der Repression gegen den antifaschistischen Widerstand war aber vollkommen neu und die KPD damit überfordert. Die zentralistischen Organisationsstrukturen der Partei wurden durch die Verhaftung von Funktionären entscheidend geschwächt. Es gab keinen organisierten Plan für den bewaffneten Widerstand gegen den deutschen Faschismus.
Unter dem Druck der Verfolgung waren die AntifaschistInnen damit beschäftigt, illegale Strukturen im Inland und im Exil aufzubauen. Ein offensiver Widerstand, der den deutschen Faschismus ernsthaft hätte gefährden können, war nicht abzusehen. Es war deutlich, dass die Strategien von vor 1933 in der neuen Situation nicht hilfreich waren.

Antifaschistischer Widerstand in Göttingen vor und nach 1933
Schon vor 1933 waren die KommunistInnen mit staatlicher Repression konfrontiert. Am 21.8.1931 wurde ei­ne Demonstration der Roten Hilfe mit dem Hinweis verboten, dass alle Veranstaltungen unter freiem Himmel sowie Umzüge aller Art im Stadtgebiet Göttingen auf Weiteres untersagt worden sind. Am Ostersonntag wurde eine Versammlung des Kampfbund gegen den Faschismus im Volksheim von der Polizei aufgelöst, weil das Verteilen von kommunistischen Flugblättern bei vorherigen Veranstaltungen gegen die Notverordnung verstoßen habe. Solche Repressalien  schlossen an Notverordnungen und Verbote von Organisations­strukturen, wie das des Roten Frontkämpferbundes, an. In dieser Situation fanden auch in Göttingen Hausdurchsuchungen statt. Am 21.8.1932 durchsuchte die Polizei das Büro und die Buchhandlung des „Internationalen Bundes der Opfer des Krieges und der Arbeit“ in der Johannisstraße 24 sowie die Privatwohnungen von Gustav Kuhn und sieben weiterer Kommunisten.
Konfrontiert mit dieser beständigen Repression des bürgerlichen Staates vor 1933 und unter dem Vorzeichen der „Sozialfaschismus-These“ traf die KPD grobe Fehleinschätzungen und unterschätzte die Gefahr des aufkommenden Faschismus. In einer Veranstaltung unter dem Titel „Anfang und Ende des Faschismus“, den die Göttinger Ortsgruppe des Kampfbunds gegen den Faschismus schon am 29.5.1931 organisierte, wird dieses deutlich. Der Braunschweiger Redner Gmeiner erklärte dort: „Wenn wir vom Anfang des Faschismus reden, so können wir sagen, daß dieser bereits Jahre lang besteht. (…...) Wir können aber nicht genau festlegen, wann der Faschismus aufhört. Wir können uns nur die Entwicklung vor Augen führen und danach feststellen, daß der Faschismus bald am Ende angekommen ist.“ Angesichts der Entwicklung, die der deutsche Faschismus nach 1931 tatsächlich noch genommen hat, war diese Einschätzung für die antifaschistische Bewegung geradezu fatal.
Diese Fehleinschätzungen und das Unvermögen der Parteiführungen von KPD und SPD, sich auf die neue Situation einzustellen, führten dazu, dass der sehr wohl bestehende Handlungsraum in den ersten Wochen nach dem 30.1.1933 nicht genutzt wurde. Die antifaschistischen Strukturen funktionierten zum Zeitpunkt der Machtübertragung an die Nazis vorerst noch. So konnte auch in Göttingen am 30.1.1933 die bereits beschriebene Demonstration organisiert werden. Noch am 24.2. wollte der ISK eine öffentliche Aussprache im kleinen Saal des Volksheims zum Thema „Wir organisieren die Einheitsfront“ stattfinden lassen. Solche öffentlich angekündigten Veranstaltungen waren nach dem Verbot der KPD und anderer linker Organisationen und deren Verfolgung nicht mehr weiteres möglich. Im Laufe des Jahres 1933 veränderte sich damit unter dem Druck der faschistischen Repression und Verfolgung die Qualität des antifaschistischen Widerstandes. Offene Konfrontationen oder sogar bewaffnete Aktionen lassen sich in den Quellen und Berichten nach Mai 1933 für Göttingen nicht mehr nachweisen.
Ab März 1933 traf auch in Göttingen die erste Welle der sogenannten Schutzhaft die antifaschistischen Organisationen. Dutzende AntifaschistInnen wurden im Polizeigefängnis (Gotmarstraße 8) oder im Gerichtsgefängnis (Obere Maschstraße 9) festgehalten. Als nach der Kommunalwahl am 11.3.1933 das Bürgervorsteher-Kollegium am 7.4.1933 zusammenkommen sollte, wurden die sieben sozialdemokratischen Abgeordneten für diesen Tag verhaftet. Den gewählten KPD-Bürgervorsteher Adolf Reinecke traf es bereits früher, er wurde schon am 3.3. festgenommen und zunächst bis zum 11.4.1933 festgehalten. Im Polizeigefängnis bewahrten viele KommunistInnen eine widerständige Haltung. So traten Adolf Reinecke, Gustav Kuhn und drei weitere Gefangene am 28.3.1933 in den Hungerstreik. In einem Beschwerde-Brief an die Polizei-Direktion begründete Kuhn, dass es zwei Tage zuvor zu einem Konflikt mit dem Polizei-Oberwachtmeister Dette gekommen sei. Dieser hatte drohend und provokant geäußert: „Wenn ihr ins Konzentrationslager kommt, da werden wir euch schon mürbe kriegen. Hier geht es euch zu gut, ihr fresst euch hier zu dick“. Zwischen dem 1.3. und 31.8.1933 wurden in Göttingen 80 Menschen festgenommen, darunter 4 Frauen. Von den 80 AntifaschistInnen wurden von der Polizei 37 der KPD und 6 der SPD zugeordnet, über die restlichen ist keine weitere Partei- oder Gruppenzugehörigkeit bekannt.
Ein offenes Agieren gegen die Nazis war nunmehr für die AntifaschistInnen immer mit der Drohung verbunden, dafür erneut ins Gefängnis gesteckt zu werden. Das hatte natürlich auch Auswirkungen auf ihre Aktivitäten. Während in Orten mit einer starken antifaschistischen Bewegung auch nach dem Sommer 1933 noch aktiver, teils militanter Widerstand geleistet wurde, war die offene politische Konfrontation in Göttingen nun nicht mehr derart möglich.
Eine Möglichkeit auf die Verfolgung zu reagieren war die Flucht. Der Leiter des ISK Willi Eichler emigrierte bereits im Frühjahr 1933 zunächst nach Paris und später nach London. Aus diesem Exil gelang in den ersten Jahren ein ständiger Kontakt mit Material- und Nachrichtenaustausch zu den zurückgebliebenen ISK-GenossInnen in Göttingen. Der kommunistische Buchhändler Hans Leicher tauchte von März bis September 1933 unter, indem er nach Grenzau (bei Koblenz) zu seiner Schwiegermutter flüchtete. So konnte er sich vorerst der drohenden Schutz­haft entziehen. Vermutlich we­gen der fehlenden Perspektive stellte er sich aber im September selbst der Polizei und wurde mit seiner Frau Paula bis zum 29.9.1933 in Schutzhaft genommen.
Ab August 1933 verschärfte sich in Göttingen der Druck der politi­schen Verfolgung, der auf den AntifaschistInnen lastete, noch einmal. Die Faschisten begnügten sich jetzt nicht mehr damit, politische GegnerInnen für einige Wochen in Schutzhaft im Polizeigefängnis zu halten. Sie verfolgten nun expliziter die FunktionärInnen als wesentliche TrägerInnen des Widerstandes und versuchten diese mit ihrer Verschleppung in Konzentrationslager zu brechen. Am 23.8.1933 wurden in diesem Zusammenhang aus der Schutzhaft in Göttingen Else Heinemann, Elisabeth Vogel und Gustav Kuhn in das KZ Moringen verschleppt. Die drei wurden vier Monate später zu Weihnachten entlassen. In den KZs machten die AntifaschistInnen die Erfahrung, ihren hasserfüllten Gegnern ausgeliefert zu sein. In einem heimlichen Brief an seine Frau Frieda schrieb Adolf Reinecke neun Jahre später aus dem KZ Sachsenhausen: „(…) am 2.5.1942 habe ich mich gewogen. Mein Gewicht Kleidung betrug 98 Pfund (…) nichts ist gestattet, das einzige was man hier darf und was gestattet ist, ist sterben“. Elisabeth Vogel erinnerte sich 1968, dass sie nach ihrer Inhaftierung im KZ Moringen wegen ihrer Bekanntheit in Göttingen nicht mehr aktiv sein konnte. Unter der permanenten, massiven Bedrohung war es für die AntifaschistInnen schon eine Gefahr, sich überhaupt in linken Zusammenhängen zu treffen und ein kommunistisches Selbstbewusstsein aufrecht zu erhalten. Die Menschen, die aus der Schutzhaft wieder entlassen wurden, wurden weiterhin von der Polizei beobachtet. In Akten von 1934/35 gibt es immer wieder den Vermerk, dass gegen ehemalige Schutzhäftlinge weiter der Verdacht der „politischen Umtriebe“ besteht. Wer nicht in Schutzhaft war, hatte zudem mit einer Göttinger Gesellschaft zu kämpfen, die in hohem Grade in die Macht- und Gewaltpraktiken des Faschismus involviert war. Im Mai 1933 forderten Nazi-Studenten die Buchhandlungen auf, jüdische und marxistische Literatur für die bevorstehende Bücherverbrennung am 10.5.1933 bereit zu stellen. Dem wurde zwar nachgekommen, allerdings erinnerte sich die ehemalige Buchhändlerin K. im Februar 1984, dass in der Buchhandlung Deuerlich verschiedene Menschen individuell Bücher vor der Verbrennung bewahrten: „(…) jeder nahm noch irgendwas und sagte, ach das verbrenne ich zu hause in meinem Ofen.“ Doch die Atmosphäre von Angst und Misstrauen war schnell weit fortgeschritten. So berichtet K. weiter, dass ein Buchhändler sie „mal denunziert“ hatte, weil bei Deuerlich ein Buch aus dem jüdischen Propyläenverlag im Schaufenster lag. Ein anderes Beispiel liefert das Schreiben der Kreisleitung der NSDAP an die Kriminalpolizei Göttingen. Darin wurden die KommunistInnen Hugo Dornieden und Else Heinemann wegen ihres sexuellen Verhältnisses denunziert. Die Nazis baten die Polizei darum, Dornieden „streng zu beobachten“, weil dieser „in seine Familie zurück“ gehöre. Am 28.5.1933 schrieb der NSDAP-Ortsgruppenleiter an die Polizeidirektion Göttingen, dass sich in der Leinestraße und der Eisenbahnstraße KommunistInnen aufhalten würden, die, „da sie arbeitslos sind, auf den Straßen herum [stehen] und politisieren“. Er forderte den Polizeidirektor Gnade auf, die KommunistInnen nach Moringen zu bringen, „damit endlich in den beiden genannten Straßen Ruhe und Frieden eintritt.“ Zugleich richteten sich Repressionen gegen Familienangehörige von Inhaftierten: Luise „Lieschen“ Kuhn (geb. Wild), die Frau von Gustav Kuhn, fand während der Schutzhaft-Zeit ihres Mannes keine Arbeit, weil dies von der Gestapo verhindert wird. Später wurde ihre Ehe auf Druck der Gestapo zwangsgeschieden.
Das veränderte gesellschaftliche Klima lässt sich auch daran erkennen, dass die Nazis in Göttingen in vormals linke Räume vordrangen. Nachdem die nun von Faschisten besetzte Verwaltung 1933 zahlreiche Personalwechsel in der Stadt vorgenommen hatte, zog 1934 die Geschäftsstelle der „Hitlerjugend“ in das städtische Jugendheim ein. Zwar konnten die linken Jugendgruppen sich längst nicht mehr unter ihren Gruppennamen versammeln, die kommunistischen Jugendlichen trafen sich zunächst aber unter dem Deckmantel von „Volkstanzabenden“ weiterhin in ihrem angestammten Jugendzentrum, wie sich Willi Rohrig erinnerte. Schließlich wurden die Jugendlichen gänzlich aus ihrem bisherigen Treffpunkt verdrängt.  
Ähnlich verhielten sich die Nazis in Bezug auf das Volksheim, das ein SA-Sturm am 26.4.1933 besetzte und in „Haus der Deutschen Arbeit“ umbenannte: Am 5./6. Mai 1933 zerrte die SA 6 Gewerkschafter und SPDler aus ihren Wohnungen, schleppte sie ins Volksheim und folterte sie dort schwer. Die Nazis fesselten sie und schlugen sie mit Ochsenziemern bis zur Bewusstlosigkeit. Erst 1947 wurden sieben der Täter für diesen Überfall verurteilt.
Das ISK-Haus im Nikolausberger Weg 67 wurde am 14./15.3.1933 von 40 Nazis, die sich als Hilfspolizisten ausgaben, durchsucht. Am 12.7.1933 Jahres wurde das Vermögen des ISK beschlagnahmt.
Ab 1934 war unter diesen Bedingungen nur noch sehr beschränkt politische Aktivität möglich. Allerdings hat auch in Göttingen die KPD versucht, sich im Untergrund zu organisieren. Von 1933 bis 1935 traf sich eine Gruppe von KommunistInnen regelmäßig in der Wohnung von August Pläp in der Paulinerstr. 5 und hörte verbotene Radiosender. Auf mit Schreibmaschine beschriebenen und verteilten Klebezetteln war außerdem zu lesen: „Achtung! Proletarier, kämpft für Freiheit und Recht, tretet aus der SA, kämpft in der Roten Arbeiterpartei Deutschland, Rot Front lebt, Heil Moskau“. Im August 1937 wurden deswegen sieben Menschen wegen verbotener kommunistischer Betätigung und Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Von den benannten ZeugInnen der Staatsanwaltschaft saßen bis auf Pläps NachbarInnen und den Polizisten alle selbst in Untersuchungshaft. Aus den Akten wird deutlich, dass sie sich fast alle gegenseitig beschuldigt haben, was unter anderem auf die damaligen Haftmethoden mit Erpressung und Folter verweist. Andererseits bildeten Louise und Karl Meyer in diesem Verfahren die einzigen Ausnahmen, die ihre GenossInnen nicht verraten haben. Für die KommunistInnen bedeutete das Verfahren noch einmal jahrelange Haftstrafen, teilweise mit anschließender Verschleppung in das KZ-System.  
Auch der ISK verbreitete weiterhin Flugzettel und Parolen in Göttingen. Vor dem 1.5.1934 druckten die AntifaschistInnen im Arbeitsraum Heinrich Dükers im Psychologischen Institut der Universität Flugblätter. Diese wurden in den Straßen verstreut, so dass die Menschen auf dem Weg zur Mai-Feier die Zettel fanden. Eine von zwei 5er Gruppen des ISK klebte unter einen Koffer einen Farbstempel. „Wenn wir damit auf die Straße gingen und den Koffer absetzten, blieb dann auf der Strecke das Farbbild Nieder mit Hitler“, so Düker rückblickend 1983.
Im März 1936 wurde ein Verfahren gegen 14 Menschen aus Südniedersachsen, hauptsächlich aus Göttingen, die Angehörige des ISK sein sollten, wegen „hochverräterischer Unterneh­mens“ geführt. Auch hier saß der einzige Belastungszeuge zeitgleich in Untersuchungshaft der Nazis, auch die anderen Aussagen wurden anscheinend von den Verfolgten erpresst. Im Januar 1936 wurden die 14 ISKlerInnen verhaftet und in die Gerichtsgefängnisse in Göttingen, Duderstadt und Hildesheim gesperrt. Fritz Körber wurde nach Verbüßung seiner vierjährigen Haft ins Konzentrationslager Börgermoor verschleppt. Nachdem er selbst bald wieder entlassen wurde, kam sein Sohn, ein überzeugter Pazifist, als Soldat an die Ostfront und kehrte nicht wieder zurück. Heinrich Oberdieck kam nach 3,5-jähriger Haft in ein Strafbataillon und blieb verschollen.
Widerstand in Göttingen beschränkte sich in dieser Situation darauf, dem faschistischen Terror zu entgehen und sich dabei gegenseitig zu unterstützen, Kontakt zu anderen GenossInnen zu halten und sich über die Zeit nach dem deutschen Faschismus auszutauschen. Prof. Dr. Heinrich Düker unterstützte untergetauchte Mitglieder des ISK mit Lebensmitteln und Geld. 1936 wurde er selber verhaftet und für 3 Jahre in der Strafanstalt Wolfenbüttel festgehalten. 1944 wurde Düker erneut denunziert und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. In den Aluminium-Werken in Weende diskutierte eine Gruppe Sozialdemokraten um Fritz Schmalz (ISK) den Wiederaufbau freier Gewerkschaften. Diese hielt Kontakt zu einer Gruppe um den Kommunisten Hermann Fraatz im Reichsbahnausbesserungswerk sowie zu einer sozialdemokratischen Gruppe bei der Firma Feinprüf. ZeitzeugInnen geben ein Bild von praktischer Solidarität in dieser Zeit: Karin Rohrig erinnerte sich daran, dass ihre kommunistische Familie vom Jahresende 1944 bis zum Kriegsende den Göttinger Kommunisten Willi Eglinsky bei sich versteckte. Wilhelm Eglinsky war bereits vom 4.4.-15.4.1933 in polizeiliche Schutzhaft genommen wor­den und wurde später von den Na­zis ins Konzentrationslager verschleppt. Laut dem Zeitzeugen Reinhard Neubauer war Eglinksy im Konzentrationslager Buchenwald gefangen und muss also von dort geflohen sein. Die Familie Meyer, aus der Karin Rohrig kommt, versteckte Eglinsky in der Scheune in ihrem damaligen Wohnort Bovenden. Die Kinder, so erinnerte sich Karin Rohrig, durften zu der Zeit nie die Scheune betreten. Mit einer so gut überlegten und umgesetzten Solidarität haben die Meyers Eglinksy das Leben gerettet. Und nicht nur ihm: Kurz vor Kriegsende, als die Faschisten zum sogenannten „Volkssturm“ aufriefen, sperrten die Frauen der Familie Meyer Hanko, den Sohn von Karl und Louise, bei sich zu Hause in den Würstchenkammer, um ihn so am Verlassen des Hauses zu hindern. Im „Volkssturm“ wäre auch Hanko Meyers Leben schwer in Gefahr gewesen.
Zwei Göttinger Antifaschisten wurden von den Nazis ermordet. Der sozialdemokratische Rote-Hilfe-Rechtsanwalt und jüdische Kämpfer gegen den Antisemitismus Walter Proskauer wurde am 12.3.1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Der jugendliche Kommunist Ernst Fischer wurde am 21.12.1939 zum Tod verurteilt und am 3.2.1940 in der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee ermordet, indem ihn die Nazis geköpft haben.
Am 8. April 1945 befreite die US-Armee Göttingen vom deutschen Faschismus.
Die Kommunistin und Antifaschistin Lieschen Vogel hatte bereits 1941 Göttingen verlassen und beteiligte sich in der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR am gesellschaftlichen Neuaufbau. Als Gastdelegierte der KPD besuchte sie 1946 den Vereinigungskongress von SPD und Kommunistischer Partei zur SED.
Viele Aktive aus dem ISK wandten sich abgestoßen durch den Stalinismus erneut der Sozialdemokratie zu und übernahmen hohe Funktionen in Gewerkschaften und der SPD. Der erste Oberbürgermeister Göttingens war Heinrich Düker. Fritz Schmalz wurde DGB-Vorsitzender in Göttingen.
Jene Antifaschisten, die nach ihrer Befreiung aus den Konzentrationslagern nach Göttingen zurückkehrten, waren zumeist von den Qualen und Torturen schwer gezeichnet. Adolf Reinecke wurde am 22./23.4.1945 von der Roten Armee aus dem KZ Sachsenhausen befreit. In seinem Haftentschädigungsbescheid wurde später vermerkt: „Er war 117 volle Monate seiner Freiheit beraubt“. Sein Genosse Gustav Kuhn hatte nahezu 12 Jahre in Gefängnissen und Konzentrationslager verbracht. Menschen wie er waren unter den Göttinger KommunistInnen nach 1945 weiterhin präsent, nahmen a­ber eine eher zu­rückgezogene und beratende Rol­le ein, so die Zeitzeugin Karin Rohrig.
Gemeinsam mit jüngeren GenossInnen machten sich die alten KommunistInnen erneut an die politische Arbeit in der KPD. Die Partei bezog zunächst ein Büro in der Groner Straße und später am Johanniskirchhof. In vielen gesellschaftlichen Bereichen sahen sie sich mit den personellen Kontinuitäten des Faschismus konfrontiert. Das KPD-Verbot im Jahr 1956 war der Höhepunkt eines neuen-alten Antikommunismus in der BRD.


Antifaschistische Linke International A.L.I.
Göttingen, im Juni 2012


Biographien von AntifaschistInnen aus Göttingen


Lieschen Vogel


Lieschen Vogel, vorne linksAuf dem nebenstehenden Foto schauen uns fröhliche und optimistische junge AntifaschistInnen aus Göttingen entgegen. Das Foto wurde von Heinrich „Hanko“ Meyer, dem Sohn der Göttinger KommunistInnen Louise und Karl Meyer, aufgenommen. Vermutlich bildet es einen Landeinsatz, also eine kommunistische Agitation in ländlichen Regionen, ab. Zwei der jungen Menschen tragen den Aufnäher der historischen „Antifaschistischen Aktion“, die 1932 gegen den drohenden Faschismus gegründet wurde. Die junge Frau mit dem Aufnäher ist Lieschen Vogel. Sie trägt eine Krawatte, was damals einige Kommunistinnen getan haben, um eine moderne und emanzipierte Haltung auszudrücken. Lieschen Vogel war in Göttingen Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands (KJVD) und später der Kommunistischen Partei (KPD). Als junge dynamische und kraftvolle Frau aus der Göttinger KPD war ihr Foto für uns sogleich faszinierend und stellte den Ausgangspunkt für unsere vielfältigen Recherchen zur Göttinger ArbeiterInnengeschichte dar.

Elisabeth Anna Vogel wird am 24. Mai 1906 in Berlin Wilmersdorf als zweites Kind des Arbeiters Heinrich Vogel und seiner Frau Martha, geb. John geboren. Das erste Kind lebt vermutlich nicht lange. Nach achtjährigem Besuch der Volksschule fängt Lieschen Vogel mit 14 Jahren an, überwiegend als Näherin zu arbeiten. 1922 beginnt mit 16 Jahren ihre bis zum Lebensende andauernde politische Biographie, indem sie in Berlin den Roten Naturfreunden beitritt. 1923 zieht die 17-jährige Lieschen Vogel mit ihrer Mutter nach Göttingen, da diese nach dem Tod ihres Mannes Heinrich Kistner aus Göttingen heiratet. Lieschen Vogels Vater ist im Ersten Weltkrieg gefallen – viele junge Menschen dieser Zeit wachsen wie sie Väter auf. Die Wiederheirat der Mutter erklärt sich unter anderem aus den Umständen dieser Zeit: Anfang der 1920er Jahre ist der politische Berliner Alltag vom Bewusstsein über mordende Freicorps geprägt, die Inflation grassiert, die Versorgungslage ist äußerst schwierig. Vermutlich heiratete die Mutter Heinrich Kistner aus dieser Not und einem halbwegs sicheren sozialen Status heraus, denn nicht nur sie selbst, sondern auch Kistner sind zu dieser Zeit verwitwet.  

Kistner ist Schaffner und wohnt in Göttingen im alten Eisenbahnerviertel in der Breymannstr. 3, wo von nun an auch Lieschen und ihre Mutter leben. In Göttingen wird Lieschen Vogel 1923 Mitglied des KJVD und leitet zweieinhalb Jahre den Jung-Spartakusbund. 1929 tritt sie der KPD bei und ist bis zum Parteiverbot 1933 im Literaturvertrieb und im Landeinsatz aktiv. Bis August 1933 verteilt sie zudem Flugblätter und kassiert illegal für die Partei. Am 9. August 1933 wird sie nach dreimaliger Hausdurchsuchung von der Polizei verhaftet und am 23. August 1933 nach vierzehn Tagen Polizeigefängnis als „KPD-Funktionärin“ gemeinsam mit der Göttinger Genossin Else Heinemann ins KZ Moringen in der Nähe Göttingens verschleppt. Am selben Tag wird auch der Göttinger KPDler Gustav Kuhn im KZ Moringen eingeliefert. Die drei sind in diesem Zeitraum die einzigen Göttinger AntifaschistInnen, die in ein KZ gebracht werden. Zu jener relativ frühen Zeit werden nur die wenigsten politisch  Aktiven in Konzentrationslager verschleppt. Nur klassifizierte „FunktionärInnen“ sollten in die noch relativ wenigen KZs eingeliefert werden. In Moringen gehören sie zu den ersten Häftlingen überhaupt, einen Tag vor ihnen waren gerade vier Kommunistinnen eingeliefert worden. Lieschen Vogel schreibt 1986 über ihre Zeit im KZ Moringen: „"Es gab bei Verstoß gegen die Lagerordnung harte Strafen gefürchtet war der Dunkelarrest das hies, Decke, Essen nur jeden dritten Tag, sonst nur Wasser. Oft wurde auch das Lager gefilzt das bedeutet mit den Sachen auf den Lagerplatz dann wurde die Unterkunft auf Schriften untersucht anschließend Leibesvisite bei entblößten Körper. Zur Arbeit wurden wir nicht eingesetzt.“" Nach einer sogenannten „Weihnachtsamnestie“ werden Lieschen Vogel und Else Heinemann am 24. Dezember 1933 wieder entlassen. Nachdem KZ-Häftlinge bereits zur Reichstagswahl und Volksabstimmung am 12. November 1933 mit Versprechungen und großem Druck zur Wahl gezwungen wurden, veranlasste Hitler diese „Amnestie“, um unter und gegen AntifaschistInnen massive Bedrohung zu verbreiten.  
Nach ihrer Freilassung gehen Lieschen Vogel und Else Heinemann zurück nach Göttingen. Lieschen Vogel zieht wieder zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in die Breymannstraße. Sie schrieb 1986 über sich selbst, dass sie zu jener Zeit „sehr bekannt war“ und ihr deshalb keine weitere politische Aktivität in Göttingen mehr möglich war, außer dem Abhören von Rundfunksendern außerhalb Göttingens. 1935/36 stellt sie zudem zwischen der illegal arbeitenden Berliner KPD und Göttinger Genossen wie Willi „Fibs“ Rohrig Kontakte her.

Nachdem Kistner 1939 im Alter von 75 Jahren stirbt, ziehen Lieschen Vogel und ihre Mutter 1941 wieder nach Berlin. Sie wn erst im alten ArbeiterInnenviertel in Berlin-Charlottenburg, bei Georg Vogel in der Kantstr. 128. Lieschen Vogel arbeitet als Wirtschafterin bei einer Verwandten. 1943 stirbt ihre Mutter, 1944 zieht sie nach Wilmersdorf. Von Mitte 1945 bis Mai 1946 arbeitet sie dort im Volkshaus in der Kaiserallee 187 (heute Bundesallee), das ab 1946 zur SED-Einrichtung „Genossenschaft Volkshaus Wilmersdorf für Kunst und Volksbildung wird und Lieschen Vogel damit einen politischen Arbeitsplatz bietet. Als Gastdelegierte der KPD nimmt sie auf dem Vereinigungsparteitag am 21./22. April 1946 in Berlin teil, auf dem KPD und SPD zur SED zusammengeschlossen werden.  

Nach ihrer Arbeit im Volkshaus fängt sie Mitte 1946 als Maschinenarbeiterin in der Delbag Berlin-Halensee in der Schweidnitzer Straße 11-15 an. Dort lernt sie Kurt Eichler kennen, heiratet ihn 1948 und zieht zu ihm in die SBZ nach Berlin-Friedrichshain. In jenem Jahr tritt Eichler in die SED ein und arbeitet von 1953 bis 1964 als Bürgermeister in den Berliner Vororten Rehfelde und Münchehofe/Strausberg sowie als Standesbeamte in Rehfelde. 1964 ziehen sie wieder nach Berlin und leben in Berlin-Mitte in der Neuen Jakobstr. 5. Im Laufe der folgenden Jahre ließen sich Vogel und Eichler wieder scheiden. Lieschen Vogel zieht 1970 in Berlin-Mitte in die Brückenstr. 12, fünf Jahre später im selben Stadtteil in die Inselstr. 11.

In der DDR war Lieschen Vogel als Organisationsleiterin der Wohngebietsparteiorganisation, der Betriebsparteienorganisation und der Handelsorganisation aktiv. 1968 ist sie Zehnerkassierin im Demokratischen Frauenbund. Mit diesen Aufgaben ist sie wie schon seit Anfang der 1920er Jahre an der sozialen Basis aktiv. 1968 stellt sie mit 62 Jahren bei der Kreiskommission der Verfolgten des Naziregimes (VdN) in der DDR einen Antrag auf Aufnahme. Dieser wird mit der Begründung abgelehnt, dass nach ihrer Entlassung aus dem KZ Moringen „jede politische Tätigkeit“ fehle.  

1984 versucht der Göttinger Kommunist Wolfgang Oehme wieder Kontakt zu Lieschen Vogel aufzunehmen. Zwei Jahre später stirbt sie am 29. Mai im Alter von 80 Jahren in Berlin-Friedrichshain, wo sie seit 1983 in der Liebensteiner Str. 45 lebte. 





Gustav Kuhn


Gustav Kuhn nach 1945Er war der Leiter der Göttinger „Antifa“ und saß dafür fast 12 Jahre seines Lebens in Gefängnissen und Konzentrationslagern der Nazis. Der Kommunist und Antifaschist Gustav Kuhn wirkte seit 1922 in Göttingen und starb 1954 in der Universitätsstadt.

Gustav Albert Kuhn wird am 13.2.1892 in Königsberg geboren. 1906 verlässt er als 14-jähriger Jugendlicher die Schule und arbeitet danach in einem Schlachtereibetrieb.

1914 wird Gustav Kuhn als Matrose zum ersten Weltkrieg einberufen. Doch schon im selben Kriegsjahr wird der 22-jährige verwundet. Gustav Kuhn meutert und verweigert den Kriegsdienst und wird dafür wegen Gehorsamsverweigerung bestraft. Er wird bis zum Kriegsende zunächst in der Festung Köln und anschließend in einer Strafkompanie im Schleswig Holsteinischen Moor bei Gallstedt in einer Strafkompanie gefangen gehalten. Nach dem Kriegsende und seiner Befreiung geht Gustav Kuhn nach Berlin und arbeitete in der Schlachterei seines Schwagers in Treptow.
In Berlin schließt er sich dem Spartakusbund an und „macht dort Revolutionskämpfe“ mit. 1919 wird Kuhn verhaftet und erneut bestraft.

Im April 1922 zieht Gustav Kuhn nach Göttingen und wechselt hier in den folgenden zehn Jahren häufig seinen Wohnsitz. Bis 1933 arbeitet er bei der Terrazzofirma Scandolo als Arbeiter. Am 7.6.1930 heiratet Gustav Kuhn Luise Wild (geb. 2.10.1905 in Göttingen).  

Seit 1929 ist Kuhn Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und hier von 1932 bis 1933 Hauptkassierer. Zudem ist er Mitglied der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition (RGO), Organisationsleiter des Kampfbundes gegen den Faschismus (KgF) sowie Kassierer der Roten Hilfe. Alle seine Ämter bzw. Mitgliedschaften führt er bis zu seiner ersten Verhaftung 1933 aus.

Ab Januar 1931 fanden innerhalb der bereits zuvor bestehenden Antifaschistischen Arbeiterabwehr (Antifa) Richtungskämpfe statt, woraufhin Kuhn eine Göttinger Ortsgruppe des Kampfbund gegen den Faschismus (KgF) gründete. Anfangs hat der KgF eine Mitgliederstärke von 131 Personen, darunter 9 Frauen.
Am 28.5.193 veranstaltet der KgF einen Propagandumzug durch Göttingen. In der Anmeldung vom 22.5.1931 bei der Polizeidirektion Göttingen bittet Kuhn um die Erlaubnis zur Mitführung eines Transparents „Arbeiter aller Parteien, werdet Mitglied des Kampfbundes gegen den Faschismus“ und kündigt an: „Kapelle spielt!“ Während des Umzuges, der vom Hirtenbrunnen durch die Innenstadt bis zum eebertal und wieder zurück führt wird auch für eine Veranstaltung am 29.5.1931 geworben. Unter dem Titel „Anfang und Ende des Faschismus“ Göttinger versammeln sich laut Polizeibericht 170 BesucherInnen in den Göttinger Festsälen am Ritterplan. Der Braunschweiger KPD-Landtagsabgeordnete Paul Gmeiner erklärt dort: „Wenn wir vom Anfang des Faschismus reden, so können wir sagen, daß dieser bereits Jahre lang besteht. Wir müssen weit zurückgreifen, da der verkappte Faschismus in der Kaiserzeit vorhanden war. Wir können aber nicht genau festlegen, wann der Faschismus aufhört. Wir können uns nur die Entwicklung vor Augen führen und danach feststellen, daß der Faschismus bald am Ende angekommen ist.“ Auch der Göttinger Buchändler Hans Leicher und der Göttinger Fritz Schaper (KPD) beteiligen sich an der Diskussion. Fünf Monate später, am 24.10.1931, organisiert der KgF eine weitere Veranstaltung mit dem Thema „Faschismus“ in den Göttinger Festsälen. Erneut tritt Paul Gmeine aus Braunschweig auf, Gustav Kuhn spricht dieses Mal als zweiter Redner. Er fordert im Laufe der Veranstaltung die Göttinger Arbeiterschaft mehrmals dazu auf, sich dem Kampfbund gegen den Faschismus anzuschließen, um auch in Göttingen eine schlagkräftige Einheitsfront bilden zu können. Laut Polizeiangaben besuchten 280 TeilnehmerInnen, überwiegend KommunistInnen und SozialdemokratInnen die Veranstaltung.
Im April 1932 wird Gustav Kuhn vom der regierungspräsidenten in Hildesheim schriftlich mitgeteilt, dass eine für den 9.4.1932 im Volkshaus (Wiesenstraße) angemeldete Veranstaltung verboten sei. Zur Begründung müssen Verstöße gegen die Notverordnung angeführt - der KgF habe vor dem „Universum“ in der Wiesenstraße trotz Verbot im März 1932 mehrfach Flugblätter verteilt.
Am 20. April 1932 meldet Gustav Kuhn für den KgF eine Propagandaaktion zur Preussenwahl an. Eine selber hergestellte Litfassäule soll „an den Tagen freitag, Samstag und Sonntag auf einem Wagen in den Straßen der Stadt Göttingen herum (...)fahren“. Auf den angebrachten Plakaten soll u.a. zu lesen sein: „Kämpft für Arbeit, Boden, Brot, Freiheit gegen Hunger, Krieg, Faschismus für Sovietunion, für Sozialismus. Wählt Kommunisten Liste 4“
Die exponierte Rolle Gustav Kuhns rücken ihn bereits in der späten Weimarere Republik in den Fokus von polizeilichen Repressionen. Als am 12.8.1932 Hausdruchsuchungen im „Büro und Buchhandlung des internationalen Bundes der opfer des Kriegs und der Arbeit, Johannisstraße 24“ sowie in den Privatwohnungen von 7 Kommunisten stattfinden, wird auch die Wohnung von Kuhn in der Angerstr. 11 durchsucht.

Nach der Machtübertragung an die Nazis gehört Gustav Kuhn in Göttingen zu den ersten Antifaschisten die von Verhaftungen betroffen sind. Vom 1.3. bis 7.4.1933 wird Kuhn in Schutzhaft genommen. Hier tritt er gemeinsam mit dem KPD-Abgeordneten Adolf Reinecke und drei weiteren Gefangene am 28.3.1933 in den Hungerstreik. In einem Beschwerde-Brief an die Polizei-Direktion begründet Kuhn, dass es zwei Tage zuvor zu einem Konflikt mit dem Polizei-Oberwachtmeister Dette gekommen sei. Dieser hatte drohend und provokant geäußert: „Wenn ihr ins Konzentrationslager kommt, da werden wir euch schon mürbe kriegen. Hier geht es euch zu gut, ihr fresst euch hier zu dick“.
An Gustav Kuhn wird 1933 von seinem genossen heinz Lechte eine Postkarte aus dem lager Westerhof bei Osterode am Harz (Nähe Göttingen) verschickt. In einem geheimen Code will Lechte seinem Genossen offenbar eine Nachricht zukommen lassen: „OTR NTRFO.“
Am 19.8. wird Kuhn erneut von der Polizei festgenommen und am 23.8.1933 in das Konzentrationslager Moringen und Anschließend in das KZ Oranienburg überstellt. Zusammen mit seinen Genossinnen Else Heinemann und Elisabeth Vogel zählt Gustav Kuhn zu den ersten Häftlingen im KZ Moringen. Am 19.12.1933 wird er zunächst wieder entlassen. In den folgenden Monaten wird Kuhn zur Arbeit im Straßenbau bei der Hannöversichen Firma Plinke an der Autobahn gezwungen.  
Von März bis Juli 1935 wird er in Hannover eingesperrt. Nach dieser Haft arbeitet Kuhn bei der Baufirma Hildebrandt in Göttingen.
Am 26.11.1936 wird Gustav Kuhn erneut verhaftet und am 3.8.1937 zusammen 6 weiteren Göttinger KommunistInnen des „Hochverrats“ und „verbotener kommunistischer Betätigung“ angeklagt. Dabei wird Kuhn u.a. vorgeworfen gemeinsam mit Gustav Weiss (KPD) und Adolf Reinecke (KPD) im April oder Mai 1933 Waffen und Munition in Göttingen versteckt zu haben. Zur Lagerung der Waffen sollen die Genossen eine Holzkiste gebaut haben, die Bretter sollen von 5 RM bezahlt worden sein, die Gustav Kuhn von seiner Rote-Hilfe-Kassierertätigkeit übrig gehabt haben soll. In der Gestapo-Haft in Kassel (Wehlheiden) wird Kuhn auch von seiner Frau Luise belastet. Nach der Verurteilung am 14.9.1937 verbringt Gustav Kuhn seine Haftstrafe bis zum 14.4.1939 im Zuchthaus in Kassel.  Im Anschluss nimmt ihn die Gestapo Hildesheim in Schutzhaft und verschleppt ihn im Mai 1939 in das Konzentrationslager Dachau (bei München). Auf Druck der Gestapo wird seine Ehe am 2.3.1943 zwangsgeschieden.

Am 2.5.1945 wird Gustav Kuhn von der US-Army aus dem Konzentrationslager Dachau befreit. Als kranker und chwer gezeichneter Mann kehrt er 1945 nach Göttingen zurück.

Ab 12.6.1945 ist Kuhn erneut in Göttingen im Maschmühlenweg 46 gemeldet. Seit dem 17.5.1946 wohnt er in der Petrosilienstraße 8. Kuhn arbeitet zwei Jahre in der Mensa. Auf Grund seiner 12-jährigen Inhaftierung, Schändung und Folterung war er ab 1948 nicht mehr in der Lage zu arbeiten und musste bis zu seinem Tod um Wiedergutmachung und Entschädigung ringen. Unter der Nummer 34 wird er beim Sonderhilfsausschuss in Göttingen als anerkannter politisch Verfolgter geführt. Nachdem ihm die Entschädigungsgelder für sein tägliches Überleben erst bewilligt wurden, wurden ihm diese ab Anfang der 1950er Jahre im Zuge der neu einsetzenden Kommunistenverfolgung wieder aberkannt.

Innerhalb der Göttinger KPD ist Gustav Kuhn weiterhin präsent, nimmt a­ber eine eher zu­rückgezogene und beratende Rol­le ein, so die Zeitzeugin Karin Rohrig. Ihr Mann Karl-heinz Rohrig bringt ihm regelmäßig die KPD-Zeitung in seine Wohnung in die Petroslilienstraße. Am 3.10.1954 stirbt Gustav Kuhn im Alter von 62 Jahren in Göttingen.




Louise und Karl Meyer
Louise MeyerLouise und Karl Meyer waren aktive Mitglieder des kommunistischen Widerstands in Göttingen. Auch nach der Machtübertragung an die Nazis waren sie politisch aktiv und wurden 1935 verhaftet und weggesperrt.

Louise Meyer wird am 4.5.1883 als Minna Johanne Louise Hesse in Bovenden geboren. Ihr Vater ist Schmiedemeister und ihr Bruder Geselle in der Schmiede. Ihr Vater verstirbt noch vor dem Zweiten Weltkrieg und ihr Bruder 1939. Louise ist eine kritische junge Frau, der das Leben auf dem Dorf in einer biederen Familie nicht zusagt. Sie verlässt Bovenden nach ihrer Schulzeit und geht nach Hamburg. Ihren Lebensunterhalt verdient sie sich hier als Haushaltshilfe.
Louise Meyer ist vor 1933 Hauptkassiererin der Roten Hilfe in Göttingen und außerdem etwa 4 Jahre lang Mitglied im Freidenkerverband. In der Roten Hilfe arbeitet sie u.a. mit Gustav Kuhn zusammen.  
Karl Meyer wird am 18.02.1879 in Weende geboren. Er ist gelernter Drechsler und führt ab 1908 eine eigene Werkstatt im Rosdorfer Weg 12, muss sie jedoch 1914, in der Inflationszeit, aufgeben. Während des Ersten Weltkrieges ist er Werftarbeiter in Wilhelmshaven und lernt dort beim Aufstand der Roten Matrosen Ernst Oehme kennen, der als Heizer auf der „Scharnhorst“ arbeitet und ebenfalls der KPD Göttingen angehört. Seitdem sind die Familien Meyer und Oehme eng befreundet.
Politisch orientiert sich Karl Meyer vorerst an der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der er von 1906 bis 1908 angehört, 1922 tritt er ihr ein weiteres Mal bei. Zwei Jahre später verlässt er die Partei allerdings wieder und gehört von nun an der Kommunistischen Partei Deutschlands an und bekleidet im Jahr 1931 in Göttingen die Stelle ihres Zellenkassierers.
1932 beteiligt er sich an einer Waffensammlung für die KPD und händigt seinem späterem Mitangeklagtem Adolf Reinecke ein Gewehr aus.
Aufgrund seiner politischen Aktivitäten wird er vom 4. bis 6. April 1933 Opfer der Schutzhaftwelle. Am 2. und 3. Juni desselben Jahres wird er noch einmal verhaftet.

1. v. li.: Louise Meyer, 3.v.re.: Karl Meyer, 1.v.re.: Osakr Knodt (KPD)Am 30.10.1910 heiraten Louise Hesse und Karl Meyer. Vorerst wn sie in Herbershausen, dort werden ihre beiden Kinder Heinrich, genannt Hanko, am 03.03.1913 und Else am 30.04.1914 geboren.
Später zieht das Ehepaar nach Göttingen in die Jüdenstraße 46. Ihre Wohnung dient als Treffpunkt für Göttinger KommunistInnen und ist laut Anklage des Oberlandesgerichts Kassel auch der Ort einer versuchten Rekonstituierung der KPD.
Zusammen mit fünf weiteren Genossen wird ihnen 1935 vorgeworfen die Nazi-Verfassung mit Gewalt außer Kraft setzen zu wollen und zu diesem Zweck Agitation und Propaganda für die verbotene Kommunistische Partei zu betreiben.
Der Flugblatttext, der in diesem Zusammenhang bei Adolf Reinecke beschlagnahmt wird, lautet: „ Achtung! / Proletarier, kämpft für Freiheit und Recht / tretet aus der S.A., kämpft in der roten Arbeiter Partei Deutschlands, Rot Front lebt / Heil Moskau!“
Während seiner Verhaftung in der Jüdenstraße 46 kann Karl Meyer gerade noch einen Geldboten der Roten Hilfe, der auf dem Weg zur Wohnung der Meyers ist, durch ein heimliches Zeichen warnen. Der Rote Helfer versteht und spricht Karl Meyer deshalb nicht an, als dieser gerade von zwei zivil gekleideten Gestapo-Männern verschleppt wird. Sie erkennen den Rote-Hilfe-Genossen nicht.
Louise und Karl Meyer geben in den nun folgenden Verhören die Vorwürfe nicht zu, was unter den Verhörmethoden der Gestapo und dem Umstand, dass ihre Mitangeklagten umfassend ausgesagt haben, sehr bemerkenswert ist.
Karl Meyer sitzt vom 27.11.1936 bis zum 14.10.1939 erst in Göttingen in Untersuchungshaft und dann in Wolfenbüttel in Haft, Louise Meyer ist ebenfalls für anderthalb Jahre in Wolfenbüttel inhaftiert. Nicht einmal für die Hochzeit ihrer Tochter 1937 wird ihnen Hafturlaub gewährt.

Nach ihrer Entlassung zieht das Ehepaar in das Dachgeschoss der Gotmarstraße 4. Louise Meyer hält illegaler Weise den Kontakt zur jüdischen Familie Gräfenberg aufrecht, in deren Haushalt sie arbeitet. Darüber hinaus scheint durchaus ein freundschaftliches Verhältnis zu bestehen, denn sie nimmt ihre Enkeltochter Karin mit und sagt „Wir gehen zu Tante Lene“, womit sie Frau Gräfenberg meint.
Über die politische Aktivität von Karl Meyer nach seiner Zeit im Gefängnis ist nichts bekannt, er gilt als wehrunwürdig und muss trotz seines vorherigen Berufs als Drechsler als Kohleschlepper bei der Firma E.A. Wolters arbeiten.
Bei der Bombardierung der alten SUB (Paulinerkirche) am 24.11.1944 trifft ein Bombensplitter die Wohnung des Paares, der in Louise Meyers Nähmaschine stecken bleibt. Glücklicherweise haben sich die beiden in dieser Nacht dazu durchgerungen in den Luftschutzbunker zu gehen, was sie bis dahin immer scheuten, da er sich im Keller der Polizeiwache (heutige Stadtbibliothek) befindet. Die Polizeiwache befindet sich nur drei Häuser weiter und stellt somit eine latente Bedrohung in ihrem Alltag dar.  
Nach diesem Ereignis zieht Louise Meyer ihren Mann zu ihrer Tochter Else nach Bovenden, die die dortige Schmiede leitet. Während des Krieges verstecken Else und sie in der Scheune der Schmiede den Genossen Willi Eglinsky, der es geschafft hat aus einem KZ, wahrscheinlich dem in Buchenwald, zu fliehen und retten damit sein Leben.

1944/45 trennt sich das Ehepaar Meyer. Während des Faschismus ist ihre gemeinsame politische Tätigkeit lange Zeit das verbindende Element der Beziehung, das nun wegfällt.  
Karl Meyer bleibt in der Gotmarstraße wn. Louise Meyer zieht in ein Zimmer gegenüber der Wohnung ihres Ss Hanko und seiner Familie in der Kapitän-Lehmann-Straße 9, wo sie in ihrer Rolle als Großmutter aufgeht. Parteipolitisch ist sie nach 1945 nicht mehr aktiv, unterstützt jedoch die jüngeren GenossInnen mit ihrer Erfahrung.
Allerdings erzählt sie von sich aus kaum etwas über das während des Faschismus Erlebte. Wie tief der Schrecken und die Angst dieser Zeit bei ihr sitzen, zeigt sich kurz vor ihrem Tod. Sie durchlebt die Furcht vor der Gestapo und das Grauen des Nazi-Knasts wieder und wieder, gerät bei jedem lautem Geräusch in panische Angst und das Klopfen an der Tür versteht sie als Klopfzeichen, wie sie im Gefängnis üblich waren.
Am 08.03.1961 verstirbt Louise Meyer im Landeskrankenhaus Hannover. Fünf Jahre später stirbt auch Karl Meyer.





Walter Proskauer

Enthüllung der Gedenktafel für Proskauer im Hainholzweg 68, Göttingen 2004Walter Proskauer war ein sozialdemokratischer Rote Hilfe-Rechtsanwalt und früher Kämpfer gegen den Antisemitismus. Als jüdischer Bürger der Stadt wurde er mit seiner Familie im April 1934 aus Göttingen vertrieben. Walter Proskauer wurde 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Walter Proskauer wird am 6.2.1890 in Ratibor/Oberschlesien geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg lässt sich der Rechtsanwalt und Notar in Göttingen nieder und wohnt hier ab 1919 im Walkemühlenweg 20. Im Januar des folgenden Jahres zieht Proskauer in die Herzberger Chaussee 5. Am 21.12.1922 heiraten Walter Proskauer und Margarethe Jacob, beide wn zunächst im Nikolausberger Weg 82. Margarethe arbeitet als Fotografin und gehörte 1915 zu den ersten Abiturientinnen der Studienanstalt des Vereins Frauenbildung-Frauenstudium am Lyceum, dem heutigen Hainberggymnasium am Friedländer Weg. Am 5.5.1923 wird in Göttingen ihr Sohn Johannes Max Proskauer geboren. Ab 1924 bauen die Proskauers ein Haus auf einem von der Stadt gekauften Ackergrundstück, im März 1926 zieht die Familie hier im Hainholzweg 68 (damals 64) ein.

Die erste Anwaltskanzlei von Dr. Walter Proskauer befindet sich 1919 in der Weender Straße 32. 1927 bezieht sein Büro neue Räume in der Theaterstraße 8, wenig später im 1. Stock der Theaterstraße 10. Unter dieser Adresse ist Rechtsanwalt Walter Proskauer in einer Liste der Roten Hilfe verzeichnet.

Im Juli 1923 vertritt Proskauer den Privatdozenten der Theologie Prof. Dr. Otto Piper. Dieser steht laut stellvertretendem Ermittlungsrichter Jünemann unter dem Verdacht „französische Spione beherbergt“ zu haben. Die Göttinger Polizei durchsucht am 21.7.1923 sein Haus und nimmt Piper fest. Der Polizeiaktion gehen eine Hetzkampagne und Angriffe von nationalistischen Studenten, Universitätsprofessoren, Göttinger Tageblatt und Nazis voraus. Am 19.7.1923 stürmen mehrere Studenten „mit schweren Eichenknüppeln bewaffnet“ den Garten und das Haus Pipers in der heutigen Herzberger Landstraße. Darunter befinden sich  Mitglieder des Jungdeutschen Ordens, des Hochschulrings Deutscher Art, die laut Piper Mitglieder der Burschenschaft Holzminda und Hannovera sind, namentlich kann der Student Mahner erkannt werden. Die rechten Verbindungsstudenten beschimpfen und bedrohen die französischen Gäste des Theologie-Professors. Diese folgen als Pazifisten während einer Rundreise durch Deutschland und Dänemark Pipers Einladung, um über Religionsfragen zu diskutieren. Die nationalistische Studentengruppe zwingt die Gäste zur sofortigen Abreise vom Göttinger Bahnhof und wird dort von hinzukommenden Nazis unterstützt. Die Polizei weiß frühzeitig Bescheid und schaut während der gesamten Zeit zu, einzugreifen. Am darauf folgenden Tag versuchen die rechten Studenten eine  Vorlesung Pipers zu stören. Der Fall wird in Göttingen und weit darüber hinaus öffentlich diskutiert. Der Erste Weltkrieg liegt noch nahe zurück, der Versailler-Vertrag ist keine fünf Jahre alt. Nationalisten und Republikfeinde aller Couleur drängen auf eine Revanche insbesondere gegenüber Frankreich.

Alarmiert und empört von den Vorgängen rufen SPD, USPD und Gewerkschaften zu einer „Massenkundgebung“ im Volksheim auf. Dort sprechen auch die die Genossin Benecke als Vertreterin der sozialistisch-kommunistischen Studentengruppe sowie der Genosse Bruckner für die KPD. In seiner anschließenden Rede wendet sich Walter Proskauer gegen Versuche das gemeinsame agieren der Arbeiterparteien mit dem liberalen Bürgertum zu schwächen. Es sei für die akademischen Kreise beschämend, dass die Arbeiterschaft für die akademische Lehrfreiheit eintreten müsse, so Proskauer. „Gerechtigkeit ist die Grundlage des Staates, aber Freiheit ist die Grundlage der Gerechtigkeit“ beendet Proskauer seine Rede.

Die Beschwerdeschriften und der Antrag auf Haftentlassung Proskauers vom 22.7.1923 sind erfolgreich, am 25.7.1923 ist Otto Piper wieder frei. In einer schriftlichen Stellungnahme erklärt die Polizeidirektion gegenüber dem Regierungspräsidenten in Hildesheim „lediglich pflichtgemäß die Ausführung übernommen (zu haben)“ und verwahrt sich dagegen „das Verhalten der Polizei (...…) zu diskreditieren“.

Am 19.4.1930 verlässt Otto Piper Göttingen und zieht nach Münster. Der am  29.11.1891 in Lichte (Schwarzburg-Rudolstadt) Geborene kam im Mai 1920 aus Erfurt nach Göttingen. Ab dem 6.10.1920 wohnte er mit seiner Frau und seinen in den folgenden Jahren geboren drei Kindern in der Herzberger Chaussee 25. Laut Polizeiakte war er bis zum Frühjahr 1921 Leiter einer kommunistischen Jugendgruppe in Göttingen.

Als Rechtsanwalt verteidigt Walter Proskauer auch jüdische Bürgerinnen und Bürger, die von Nazis behelligt oder angegriffen werden. So vertritt er die Interessen der Gebrüder Hahn, als diese sich wiederholt gegen die antisemitischen Diffamierungen des Göttinger NSDAP-Ortsgruppengründers Ludolf Haase vor Gericht zur Wehr setzen müssen. Die Brüder Hahn sind die Vermieter von Proskauers Kanzleiräumen.

Als die Göttinger Völkische Buchhandlung in der Paulinerstraße 11 einen „völkischen Bilderbogen Nr. 17“ ausstellt, wendet sich Walter Proskauer am 22.11.1926 an den Göttinger Polizeidirektor: “Es stellt eine unerhörte Beleidigung der Juden dar und ist geeignet, durch die in ihm enthaltene Darstellung die öffentliche Ruhe zu stören“. „ Es handelt sich hier offenbar um die öffentliche Propagierung der Ritualmordhetze“. „Wie mir berichtet wird, sammeln sich vor diesem Bild auch dauernd viele Leute an“. Die Ortspolizei stellt nach erfolgter Kontrolle fest, dass keine Handhabe zum Eingreifen bestehe. Proskauer bleibt jedoch hartnäckig und erreicht im Januar 1928, dass Berengar Elsner von Gronow, Geschäftsführer der Völkischen Buchhandlung und späterer Wirtschaftsreferent im Propagandaministerium, wegen „Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft“ zu einer zwar geringen aber beachtlichen symbolischen Geldstrafe von 300 RM verurteilt wird. Als die NSDAP daraufhin am 4.2.1927 eine Versammlung plant, in der Elsner von Gronow über die „Wahrheit der Ritualmorde“ sprechen will, erreicht Proskauer ein Verbot der Veranstaltung in Göttingen, so dass die Nazis ihre Hetzveranstaltung außerhalb der Stadtgrenzen und unter freiem Himmel abhalten müssen.

Mit Walter Proskauer ist in Göttingen seit 1926 ein linker Sozialdemokrat Vorsitzender der Ortsgruppe des Centralvereins der Staatsbürger jüdischen Glaubens. Bereits am 4.11.1919 hielt Proskauer eine Rede während der ersten Winterveranstaltung der Ortsgruppe des Centralvereins. In seiner damaligen Funktion als Geschäftsführer des Bezirksverbandes Süd-Hannover sprach er über das Thema „Vier Monate Abwehr“, die Bildung von Abwehrgruppen in jeder jüdischen Gemeinde gegen den von Göttingen ausgehenden starken Antisemitismus. Am 11.1.1920 sprach Proskauer „in ausführlicher und fesselnder Weise“ vor der neu gegründeten Ortsgruppe des Centralvereins in Duderstadt über „Das Gebot der Stunde. Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben des  Centralvereins“.

Proskauers erfolgreiche juristische Arbeit und seine kämpferische Haltung gegen den Antisemitismus machen ihn für die Nazis selbst zum Angriffsziel: im Juni 1931 wird sein Wohnhaus mit Schwert und Galgen beschmiert. Als Proskauer sich wenig später wegen einer Rheumaerkrankung im Schwarzwald aufhält, verbreitet die NSDAP in öffentlichen Aushängen, der „Proletenführer Proskauer“ amüsiere sich „in diesen Notzeiten“ in Italien. Am 12. Dezember 1931 werden gegen 22 Uhr dann erstmals die Scheiben des Wohnhauses der Familie Proskauer im Hainholzweg eingeschlagen. Eine Stunde später werfen vermutlich dieselben Täter die Scheiben der Synagoge ein. Dem Rabbiner wird ein Brief unter der Tür durchgeschoben, in dem ihm angekündigt wird, dass er am nächsten Tag erschossen werde.

Seine Berufstätigkeit endet mit der Machtübertragung an die Nazis. Am 9. April 1933 schließt die Göttinger Rechtsanwaltskammer Proskauer und seinen jüngeren Kollegen Dr. Friedrich Polak aus. Das entsprechende Gesetz schreibt zu diesem Zeitpunkt eine Entlassung jüdischer Rechtsanwälte noch nicht zwingend vor. Vielleicht aus finanzieller Not, vielleicht aber auch, um der Bedrohung durch Schutzhaft oder Naziangriffe zu auszuweichen, zieht die Familie Proskauer im Oktober 1933 aus ihrem Haus im Hainholzweg 68 aus und kommt zunächst im Haus von Margaretes Vater Hermann Jacob in der Gotmarstraße 9 unter. Ihr Haus vermieten die Proskauers an den Professor für angewandte Mechanik Maximilian Schuler. Dieser kauft das Haus 1938 weit unter Wert für 30.000 Goldmark. Die Familie verlässt am 30.4.1934 Göttingen und geht zunächst nach Oberstorf im Allgäu. Später ziehen die Proskauers nach Berlin. Dort stirbt Margarete am 29.12.1940 in Berlin-Wilmersdorf. Walter Proskauer wird am 12.3.1943 aus Berlin-Schöneberg nach Theresienstadt deportiert und schließlich im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Margarethes lebte mit ihrer Familie ab 1904 in der Gotmarstraße 9, in den Geschäftsräumen betreibt ihr Vater Hermann Jacob eine Lederhandlung und Schuhgroßhandlung. Nachdem sein Laden beständigen Angriffen durch SA und SS ausgesetzt ist und seine Frau Thekla (geborene Rosenmeyer, 1873) 1935 stirbt, verliert er am 15./16. Oktober 1935 sein Geschäft und verkauft schließlich im Dezember 1938 das ganze Haus. 1939 gelingt Hermann Jacob gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Selma (geb. Cohn) die Flucht nach Santiago de Chile. Hermann Jacob war der letzte Gemeindevorsteher der Jüdischen Gemeinde in Göttingen.

Walter und Margaretes Sohn Johannes gelingt 1939 es von Berlin nach England zu emigrieren, dort macht er 1943 an der University of London seinen Bachelor of Science und 1947 seinen Phd. Als Botaniker arbeitet er 1945 bis 1948  in Essex/GB, ab 1948 arbeitet er an der University of Berkeley/USA. Am 25.1.1951 heiratet er Josephine Pia Schizzano, zusammen bekommen sie zwei Kinder. Nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus fordert Johannes Proskauer das Hausgrundstück am Hainhlozweg 68 in Göttingen zurück. Vor dem Wiedergutmachungsamt wird mit Maximlian und Else Schuler 1953 ein Vergleich geschlossen und die Rückgabe durchgeführt. 1957 wird Johannes Proskauer US-amerikanischer Staatsbürger.

Im Februar 2004 wird eine Gedenktafel am Haus Hainholzweg 68 in Göttingen eingeweiht.  Zuvor wurde am 24.4.2003 im Ausschuss für Kultur und Wissenschaft der Stadt Göttingen dazu beraten. Die Sozialdezernentin Schlapheit-Beck (SPD) erklärte, eine Gedenktafel sei schwierig. Trotz höchster menschlicher und politischer Verdienste entspreche Proskauer „ganz formal nicht den bisher bei Gedenktafeln angelegten Maßstäben (überragende meist internationale wissenschaftliche Bedeutung bzw. außerordentliche Verdienste um die Stadt Göttingen). Seiner werde in Göttingen am Synagogen-Mahnmal gedacht und seine Kurzbiografie sei im Gedenkbuch Jüdische Bürger im Kreis Göttingen enthalten. Die Verwaltung schlage vor von einer Gedenktafel Abstand zu nehmen da auch ein Präzedenzfall für zahlreiche weitere Anregungen gesehen werde“. Der Ratsherr Patrick Humke (Die Linke) setzte sich für eine Gedenktafel ein: „Proskauer stehe für einen bestimmten Bereich des politischen Wirkens in der Weimarer Republik und während des NS und für konkrete Hilfestellung“. Nachdem der Antrag  die Unterstützung der Jüdischen Gemeinde und von HistorikerInnen erhielt, konnte die Gedenktafel für Walter Proskauer schließlich doch verwirklicht werden.




Ernst Fischer


Ernst FischerKaum etwas erinnert beim Gang durch die Straßen daran, dass es sich in diesem Quartier um ein altes ArbeiterInnenviertel handelt. Häuserreihen aus Beton, rechteckig und blass. Eine riesige Baulücke klafft zwischen der Marienkirche und einem hässlichen Parkhaus. Nicht Weltkriegsbomben, sondern die sozialdemokratische Stadterneuerung der 1970er Jahre haben den Straßen Neustadt und Petrosilienstraße ihren historisch gewachsenen Charakter genommen. Eine Spur der Geschichte zwischen Groner Tor Straße und Goetheallee findet sich am Wohnhaus Neustadt 17. Auf einer Gedenktafel ist zu lesen: „Ernst Fischer, geboren am 8.6.1915 in Göttingen. Hingerichtet am 3.2.1940 0in Berlin-Plötzensee“. Wer war Ernst Fischer und warum musste er in der Hinrichtungsstätte der Nazis sterben?

Die Familie Ernst Fischers kommt ursprünglich aus Göttingen. Da der Vater berufsbedingt mehrfach versetzt wird, lebt die Familie zeitweilig in Stolberg bei Aachen. Vater und Mutter sind beide Mitglieder der SPD und der Gewerkschaft, die Mutter Friederike Fischer (geb. Wiederhold) ist später zudem bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aktiv. In Stolberg wird 1911 die erste Tochter geboren, 1913 kommt das zweite Kind Else in Saarbrücken zur Welt. Der Vater stirbt 1915 vermutlich im Ersten Weltkrieg. Else ist gerade zwei Jahre alt und die Mutter ist mit Ernst schwanger. Im selben Jahr geht die Mutter mit den Kindern zurück nach Göttingen, hier wird am 8.6.1915 Ernst Fischer geboren. Friederike Fischer wohnt mit den drei Kindern zunächst in der Wendenstraße 7 und zieht später in die Neustadt 23. Das Haus neben dem Gemeindezentrum der Marienkirche ist eines der wenigen, die in den siebziger Jahren nicht abgerissen werden, es erhält aber die neue Hausnummer 17. Friederike Fischer ist ausgebildete Köchin und arbeitete vor dem Ersten Weltkrieg als solche in einer Familie. In Göttingen „malocht“ sie täglich acht Stunden im Lager der Firma Ruhstrat. Die Firma Haustechnik-Schaltanlagen Adolf Ruhstrat GmbH + Co mit Sitz in der Adolf-Hoyer-Str. 6 in Göttingen gilt als NSDAP-freundliches Unternehmen. Während Friederike Fischer das Geld verdient, nimmt die Großmutter die drei Kinder zu sich und zieht sie groß. Um 1923 heiratet Friederike Fischer erneut, aus der zweiten Ehe gehen jedoch keine weiteren Kinder hervor.

Bei der Firma Adolf Ruhstrat macht auch Ernst Fischer eine Berufsausbildung zum Feinmechaniker. Er ist Mitglied im Kommunistischen Jugendverband (KJVD) und im antifaschistischen Widerstand aktiv. Er stellt auch nach 1933 illegale Schriften her und vertreibt diese, so fällt er 1934 den Behörden als Verteiler des kommunistischen Jugendblatts „Junge Garde“ im Saarland auf.

Doch schon bevor die Nazis die Macht übertragen bekommen, gerät Fischer mit dem Staat in Konflikt. Seit dem 6.12.1932 sitzt er in der Erziehungsanstalt in Hannover-Laatzen Kronsberg ein. Im Sommer 1934 wird Fischer wegen „Einbruchdiebstahl“ vorübergehend in Haft genommen. In einem Bericht des Göttinger Staatsanwalts vom 19.12.1934 wird Fischer als „übelbeleumundeter Mensch, der bereits in jungen Jahren Diebstähle ausführte und bis zur nationalen Erhebung der kommunistischen Jugend angehörte“ benannt. Seit dem 5.3.1935 wird er im Jugendgefängnis Neumünster festgehalten.

Schließlich arbeitet Ernst Fischer als Matrose in Kiel. 1938 muss er seinen Wehrdienst auf einem Unterseeboot der Kriegsmarine abgelten. Im Herbst desselben Jahres wird er das letzte Mal in Göttingen gesehen. Am 21.12.1939 wird Ernst Fischer vom Reichskriegsgericht wegen „Fahnenflucht und Landesverrat zum Tode und zu 2 Jahren Gefängnis“ verurteilt. Vermutlich desertierte er von der Wehrmacht, um sich nicht am faschistischen Angriffskrieg zu beteiligen. Am 3.2.1940 wird er im Alter von 25 Jahren in Berlin-Plötzensee geköpft. In der Nazi-Hinrichtungsstätte werden während des Faschismus 2.915 politische Gegnerinnen und Gegner aber auch Militärangehörige, denen kriminelle Delikte vorgeworfen werden, ermordet. Ernst Fischer ist im Plötzensee-Gedenkbuch namentlich aufgeführt.

Seine Schwester Else bewegt sich im Umfeld des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes ISK und arbeitet bis 1933 im Kindergarten des Freidenker-Verbands in Göttingen. Sie heiratet Otto Wagner, wird nach der Befreiung vom Faschismus SPD-Mitglied, ist bei den Naturfreunden aktiv und arbeitet bei der AWO. Am 4.7.1973 wird ihr die Ehrenbürgerschaft der Stadt Göttingen verliehen. In einem Zeitzeugeninterview erinnert sich der Kommunist Willi Rohrig: „Ich weiß noch wie ich aus der Gefangenschaft gekommen bin. Wie die Else Wagner auf Antikommunismus gemacht hat. Da habe ich mit den Ohren geschlackert und der Otto war doch früher KJV gewesen“. Else Wagner selbst zeigt sich von der Initiative des DKP-Ratsherrn Reinhard Neubauer für eine Straßenbenennung nach ihrem Bruder Ernst Fischer wenig angetan. Ihre Mutter habe sich aus Sorge vor Nachteilen für die Schwiegersöhne der Familie nicht mit der Geschichte ihres Ss beschäftigen wollen: „Das bringt die nur in Deibels-Küche, wenn wir da jetzt was anrühren, da muss man sich mit abfinden. Die Mutter hat sehr darunter gelitten aber nie was dazu gesagt. Kurz bevor sie starb hat sie alle Unterlagen, wie's Telegramm aus Plötzensee (…...) zerrissen. (…...) Egal“. Und weiter: „Und die wühlen das jetzt wieder auf. Ich war nicht so sehr begeistert. Ha'm s'e da innen Rat gebracht. 40 Jahre nach Kriegszeit und so weiter. Ha'm sich dazu durchgerungen, dass sie ihm an seinem Wohnhaus eine Tafel widmen wollen. Na ja, davon ha'm wir ihn auch nicht wieder, der wäre jetzt 71 geworden“ (Interview mit Else Wagner am 12.2.1986).

Der Antrag für eine Würdigung Ernst Fischers wurde am 1.3.1985 von Reinhard Neubauer im Namen auch der Fraktionen der SPD, GLG und Agil in den Rat der Stadt Göttingen eingebracht und zunächst an den Kulturausschuss verwiesen. Die Umstände, dass die Leiterin des Stadtarchivs trotz aufwändiger Recherchen nur wenige Informationen über Ernst Fischers Leben zusammentragen kann, der Beigeschmack seiner „kriminellen Karriere“ und sicherlich nicht zuletzt die Aufforderung einem Kommunisten gedenken zu sollen, färbt die Diskussionen mit einem problematisierenden Unterton ein. Der Kontrast wird angesichts einer Gedenkinitiative der anderen Art deutlich: Als die SPD 1963 einen Gedenkstein zum 20. Jahrestag des Hitler-Attentats am 20. Juli am Stauffenbergring beantragt, kann dieser einvernehmlich beschlossen und zügig verwirklicht werden. Auch wenn jeder regionale Bezug zu Stauffenberg oder dem 20. Juli in Göttingen fehlt, so soll doch der militärische und kaum demokratisch motivierte Widerstand gegen Hitler, dem gegenwärtigen nationalen Bewusstsein zuträglich sein. Zur Gedenkveranstaltung erscheinen neben den Spitzen des Rates und der Verwaltung auch Vertreter von Universität, Schulen und der Bundeswehr.

Auch die Gedenktafel für Ernst Fischer kann schließlich am 10.6.1986 eingeweiht werden. Auf ihr fehlt jedoch jeder Hinweis, dass es sich bei ihm um ein Mitglied der kommunistischen Jugend und um einen Antifaschisten handelte. Um diesen Teil der Widerstandsgeschichte gegen den deutschen Faschismus muss in Göttingen weiter gerungen werden.


Material

Lieschen-Voegl-Plakat 2012 ErsteSeite Aufruf Broschüre und Plakat 80 Jahre Antifa

Plakate, Aufrufe, Aufkleber, Postkarten zu Göttinger ArbeiterInnengeschichte können links unten im Roten Buchladen Göttingen abgeholt oder bei uns bestellt werden. Broschüren und Plakate zu 80 Jahre Antifaschistische Aktion bitte über goettingen (at) antifa-versand.de bestellen.

Hier findet ihr die 16-seitige Publikation als pdf und hier unseren Flyer (Vorderseite, Rückseite).


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