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Pressemappe Hausdurchsuchung 05.12.2017

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Graffiti an der Stadthalle "Göttinger Polizisten schützen die Faschisten"

Am 12.11.2016 wurden AntifaschistInnen von Neonazis angriffen, die durch die Göttinger Polizei geschützt wurden

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Solidarität mit Oli!

50 Genoss_Innen senden Solidarität nach Dresden!

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Kundgebung zum 20. Todestag von Alexander Selchow

Göttingen 15.1.2011: Kundgebung zum Gedenken am Mord Alex Selchows

Knapp 300 Menschen haben sich am Samstag, den 15. Januar 2011, an einer Kundgebung anlässlich des 20. Jahrestages des Mordes an Alexander Selchow beteiligt. Der 21jährige wurde in der Silversternacht 1990 / 1991 von den beiden Naziskinheads Oliver Simon und Sven Scharf in Rosdorf auf offener Straße ermordet.


Aufruf
| Medienberichte | Redebeitrag | historische Materialien

Göttingen 15.1.2011: Kundgebung zum Gedenken am Mord Alex SelchowsIn Redebeiträgen erinnerten SprecherInnen an die Umstände des Mordes vor 20 Jahren und thematisierten neben dem brutalen Neonaziterror Ende der 1980 / Anfang der 1990er Jahre auch das Polizeiverhalten jener Zeit. Unter den TeilnehmerInnen der Kundgebung waren auch der Vater und die Mutter, sowie ein Freund von Alexander Selchow. Mit einer Schweigeminute wurde dem Getöteten, sowie aller weiteren Opfer faschistischer Gewalt gedacht. Das Gedenken an die Toten wurde verbunden mit der Mahnung zu fortdauerndem antifaschistischem Widerstand. So wurde in Flugblättern und in einem Redebeitrag zu Massenblockaden gegen den erneut bevorstehenden Neonazi-Großaufmarsch im Februar 2011 in Dresden aufgerufen.

Zur Kundgebung aufgerufen hatten Initiativen, Gruppen und Parteien aus dem Göttinger Bündnis gegen Rechts. Den Bündnisaufruf könnt ihr hier nachlesen.

Göttingen 15.1.2011: Kundgebung zum Gedenken am Mord Alex SelchowsEine Sprecherin der A.L.I. wies in ihrer Rede zudem auf den aktuellen Fall einer drohenden DNA-Entnahme bei einem 20jährigen Antifaschisten aus Göttingen hin: "Dass aber ein Freund und Genosse von uns heute NICHT an dieser Kundgebung teilnehmen kann, weil bundesweit nach ihm gefahndet wird. DAS IST EIN UNDING! Unserem Freund und Genossen rufen wir von hier aus zu: "Du bist nicht allein! Auf unsere Solidarität kannst Du zählen!". Am kommenden Samstag haben wir alle die Möglichkeit dieser Solidarität hier in Göttingen auf der Straße Ausdruck zu verleihen und die durchschaubare Repression-Strategie des niedersächsischen Innenministeriums gegen die Linke in dieser Stadt zurückzuweisen."

Im Anschluss an die Kundgebung brachen gut 200 Menschen zu einer spontanen Demonstration aus Solidarität mit dem zur Fahndung ausgeschriebenen 20jährigen Antifaschisten auf. Die lautstarke und dynamische Demonstration zog unbehelligt durch die Göttinger Innenstadt und endete am späten Nachmittag auf dem Wilhelmsplatz.

Göttingen 15.1.2011: Spontandemo aus Solidarität mit unserem DNA-gejagten Genossen Göttingen 15.1.2011: Spontandemo aus Solidarität mit dem Genossen, der seine DNA abgeben soll Göttingen 15.1.2011: Spontandemo aus Solidarität mit dem Genossen, der seine DNA abgeben soll

Bei monsters of goettingen findet sich ein weiterer Bericht zur Kundgebung am 15. Januar 2011.


Aufruf des Göttinger Bündnis gegen Rechts

Mörder Alex Selchows:Oliver Simon 1991In der Silvesternacht zum 01.01.1991 wird Alex Selchow in Rosdorf auf offener Straße von zwei Neonazis ermordet. Er stirbt an mehr als 10 Messerstichen und schweren Schädelverletzungen. Polizeifahrzeuge fahren vorbei, einzugreifen. Erst als der Notarztwagen vor Ort ist, nimmt sich die Polizei der Sache an. In der gleichen Nacht wird die Silvesterparty, von der aus Alexander aufgebrochen war, fünfmal(!) Ziel von Neonaziangriffen. Die Polizeibeamt_Innen stellen daraufhin die Personalien der Besucher_Innen fest, statt die Faschist_Innen zu verfolgen. Wenige Stunden zuvor wurden bereits in Göttingen zwei Menschen von sechs Neonazis zusammengeschlagen. Kurz nach dem Mord an Alex werden in Adelebsen zwei Menschen von Faschist_Innen lebensgefährlich verletzt. Darauf folgt nur wenige Stunden später ein erneuter bewaffneter Angriff durch Neonazis auf einen Menschen in Weende, der schwere Bauchverletzungen erleidet.

Mörder Alex Selchows: Sven Scharf 1991Die beschriebenen Angriffe waren keine Einzelfälle – bereits seit 1981 wuchs die rechte Szene in Göttingen und Umgebung und hatte durch ein Neonazi Zentrum von Karl Polacek in Mackenrode eine gesicherte Struktur. Regelmäßige Übergriffe durch Neonazis waren die Folge. Auch der Tod von Conny Wessmann steht im engen Zusammenhang mit dieser erstarkenden Neonazi-Szene und einer Polizei, die linkes Engagement zu verhindern versuchte anstelle den Verbrechen der Neonazis  nachzugehen. Diese Ereignisse waren prägend für die politische Entwicklung in Göttingen, es formierte sich Widerstand gegen Rechts.

Doch auch, wenn die Anzahl der Übergriffe sich seitdem verringert hat, finden faschistisch motivierte Übergriffe auch heutzutage weiterhin in Göttingen statt, wie zum Beispiel im Sommer 2010, als auf dem Campus eine Frau Opfer eines rassistischen Übergriffes wurde. In anderen Städten herrschen immer noch Verhältnisse, die dem Göttingen von damals entsprechen! In den letzten 20 Jahren starben fast 140 Menschen durch die Hand von Faschist_Innen. Zuletzt der 19-jährige Kamal in Leipzig. Um ein klares Zeichen gegen Neonazis zu setzen und ihnen wie im letzten Jahr zu zeigen, dass sie nicht erwünscht sind, ist aktive Beteiligung an den Protesten und am Widerstand gegen den größten Neonazi-Aufmarsch Europas in Dresden im Februar notwendig! Es darf nicht noch mehr Opfer rechter Gewalt geben und die bisherigen dürfen nicht vergessen werden!

Gruppen, Initiativen und Parteien aus dem Göttinger Bündnis gegen Rechts haben zur Protestkundgebung gegen faschistische Gewalt zum 20. Jahrestag des Mordes an Alexander Selchow aufgerufen. Auch die Antifaschistische Linke International A.L.I. beteiligte sich an der Kundgebung.


Hintergrund und historische Material

Flugblatt der Antifa M zum Tod Alex Selchows 1996Hier findet ihr Hinweise zu Hintergrundberichten, bzw. zu einigen historischen Materialien.

Bei monsters of goettingen findet sich ein ausführlicher Hintergrundbericht zu den Vorgängen in Göttingen vor 20 Jahren.


Hier könnt ihr das Flugblatt der Autonomen Antifa (M) zum 5. Todestag Alexander Selchows von 1996 als pdf-Datei downloaden (14,1 mb).


Plakatmotiv der Antifa M zum Tod Alex Selchows 1991Zur Verdeutlichung des Ausmaßes des Naziterrors Ende der 1980er / Anfang der 1990er Jahre in Südniedersachsen haben wir eine Chronologie von Neonaziübergriffen der Jahre 1987 bis 1990 eingescannt. Diese entstammt aus der Broschüre DOKU Nazi-Aktivitäten und Polizeiverhalten in Südniedersachsen. Fakten, Analysen, Hintergründe (Göttingen, Januar 1991). Hier als pdf-Datei downloaden (53,6 mb).


Redebeitrag der Antifaschistischen Linken International A.L.I.
während der Kundgebung zum 20. Jahrestag des Mordes an Alexander Selchow
Göttingen | 15. Januar 2011


Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,
wertgeschätzte Passantinnen und Passanten,

wildplakatiert: Kundgebung zum 20. Todestag von Alexich grüße Euch im Namen der Antifaschistischen Linken International A.L.I. Wenn der Anlass dieser Kundgebung auch ein zutiefst trauriger ist, so freuen wir uns dennoch, dass Ihr heute hierher gefunden habt. Es ist in diesem Land keine Selbstverständlichkeit, dass den Opfern faschistischer Gewalt gedacht wird. Zumal nach so vielen Jahren. Vor 20 Jahren, in der Silvesternacht 1990 / 1991 wurde Alexander Selchow in Rosdorf von den beiden Naziskinheads Oliver Simon und Sven Scharf auf offener Straße ermordet.

Es ist eine der Stärken antifaschistischer Bündnisse in Göttingen, Bewusstsein über die eigene Geschichte wach zu halten. Dass wir also heute hier stehen ist wichtig und gut. Dass aber ein Freund und Genosse von uns heute NICHT an dieser Kundgebung teilnehmen kann, weil bundesweit nach ihm gefahndet wird. DAS IST EIN UNDING! Unserem Freund und Genossen rufen wir von hier aus zu: "Du bist nicht allein! Auf unsere Solidarität kannst Du zählen!". Am kommenden Samstag haben wir alle die Möglichkeit dieser Solidarität hier in Göttingen auf der Straße Ausdruck zu verleihen und die durchschaubare Repression-Strategie des niedersächsischen Innenministeriums gegen die Linke in dieser Stadt zurückzuweisen. Die Göttinger Polizei, der Göttinger Oberstaatsanwalt Hans-Hugo Heimgärtner, die Richter vom Landgericht Göttingen jagen einen 20jährigen Antifaschisten, weil sie seine DNA haben wollen. Schande über Euch!

Womit wir schon beim eigentlichen Thema dieses Redebeitrags sind. Was vor 20 Jahren hier passiert ist, ist nicht einfach so plötzlich und unerwartet geschehen. Dass es erst 3 Tote geben musste, bevor es Anfang der 1990er Jahre gelang, die Neonaziszene gesellschaftlich in die Defensive zu drängen und die Nazi-Skinheads buchstäblich aus der Stadt zu prügeln, war das Ergebnis jahrelangen Terrors durch Faschisten in Südniedersachsen. UND es war das Ergebnis einer Polizeistrategie, die die Neonazis jahrelang hätschelte und hegte, die Gefahren, die von ihnen ausging, verleugnete und stattdessen gegen Linke vorging.

Wir wollen diese Situation anhand einiger Zahlen und Beispiele verdeutlichen: Alleine zwischen Januar 1987 und März 1990 dokumentierten AntifaschistInnen über 120 Vorfälle mit neofaschistischem Hintergrund - und dabei ging es nicht um einen zu lauten Silvesterknaller. Dokumentiert wurden tatsächlich gefährliche und verbrecherische Angriffe gegen Menschen mit Baseballschlägern und Messern, der Beschuss von Wohnungen mit Luftgewehren, Brandanschläge auf Wohnhäuser, das Junge Theater, das Jugendzentrum Lohmühle oder die Disko "PINK", heute das 1b in der Nikolaistraße, Wehrsportübungen mit Schusswaffen und Sprengstoffen.

Am 16. Januar 1987 sprengte sich der Neonazi Ingo Kretschmann in Göttingen beim Bau einer Bombe versehentlich selber in die Luft. Die Polizei verbreitete die Version eines Einzeltäters. Hintermänner, wie der FAP-Chef Karl Polacek aus Mackenrode, blieben unangetastet. Auch für die Herkunft von weiteren Waffen und des Sprengstoffs aus Bundeswehrbeständen interessierte sich die Göttinger Polizei nicht. Das niedersächsische Innenministerium teilte später im Januar 1987 mit, man "teile nicht die Sorge, dass der Rechtsextremismus in Göttingen im Aufwind sei", schließlich seien hier bisher "keine Straftaten rechtsradikaler Gruppen bekannt".

Na?! Erinnern sich manche von euch noch an die Antwort des niedersächsischen Innenministers Schünemann nach den Schusswaffenfunden bei Thorsten Heise und anderen Neonazis vor drei Jahren? Doch bleiben wir noch in den 1980er Jahren.

Von Journalisten auf rechte Übergriffe in den vergangenen Jahren angesprochen, antwortet der Chef der Göttinger Schutzpolizei Lothar Will im November 1989 : "Solche Verhältnisse sind der Polizei nicht bekannt. Vielmehr sind dies Behauptungen der Autonomen gewesen, die sich hier betroffen fühlen und angegriffen fühlen. Es hat solche enormen Belästigungen in Göttingen nicht gegeben, das darf ich feststellen".

Eine Woche später war unsere Freundin und Genossin Conny Wessmann Tod. Sie wurde von der Polizei in den fließenden Straßenverkehr der Weender Landstraße gejagt, von einem Auto erfasst und starb. Zuvor war es in der Burgstraße zu einer Auseinandersetzung zwischen Neonazis und AntifaschistInnen gekommen. Die Polizei sammelte die Faschisten ein, brachte sie sicher zu einer Bushaltestelle und schickte sie nach hause. Dutzende solcher Vorfälle waren in den Monaten zuvor von der Polizei gegenüber der Öffentlichkeit als "unpolitische Gewalt zwischen rivalisierenden Jugendbanden" verharmlost worden. Am 17. November 1989 wollten Beamte des Zivilen Streifenkommandos aber noch einen drauf setzen. Sie eröffneten die Jagd auf eine Gruppe AntifaschistInnen. Nach dem Funkspruch "Sollen wir sie jetzt plattmachen?" trieben sie die Gruppe Knüppel schwingend und Reizgas versprühend hinter dem Iduna-Zentrum vor sich her.

Und erinnert ihr euch? Als 2009 zum 20. Jahrestag dieses schrecklichen Ereignisses 1.600 Menschen in Göttingen demonstrierten, prügelten sogenannte Beweissicherungs- und Festnahme-Einheiten, kurz BFEs, an eben dieser Todesstelle in den Demonstrationszug. Ein enges Polizeispalier verstellte den Weg zu einem Gedenkstein. Hinterher erklärte die Polizeipressestelle, man sei sehr zufrieden mit dem Einsatz, alles sei genau so gelaufen wie zuvor geplant.

Aber schauen wir noch einmal kurz zurück: Im April 1998 fand vor dem Landgericht Göttingen der sogenannte Mackenrode-Prozess statt. Chefankläger Hans-Hugo Heimgärtner beschuldigte fünf Antifaschisten, im Oktober 1991 das faschistische Schulungszentrum der FAP in Mackenrode angegriffen zu haben. Die Anklagen beruhten einzig auf der Aussage von bekannten Neonazis, darunter auch Thorsten Heise. Hilfsbereit suchte sie das Landeskriminalamt zu Hause auf und ließ sie aus staatlich angefertigten Lichtbildmappen die vermeintlich schuldigen Linken aussuchen. Den vier Männern und einer Frau wurde aufgrund der frei erfundenen Aussagen der Neonazis unter anderem versuchte Brandstitung und versuchter Totschlag vorgeworfen. Zu dumm nur für die bunte Anti-Antifa-Truppe aus LKA, Staatsanwaltschaft und Neonazis, dass einige der Beschuldigten zum Zeitpunkt der vorgehaltenen Tat gar nicht in Deutschland weilten und sie diesen Umstand auch noch beweisen konnten.

Nun könnte man fragen: Was soll uns das alles sagen? Wie kommt es zu diesem bizarren oder skandalösen Verhältnis des Staates zu seinen Nazis? Warum ist das alles so? Unter­suchungen und Studien von Ende der 1980er Jahre belegten durchaus, dass autoritäre und rassistische Einstellungsmuster, ja auch der Wähleranteil für die Republikaner unter Polizeibeamten  beachtlich waren. So manch ein Wachtmeister oder Staatsschützer nimmt die Neonazis tatsächlich nicht als Problem war, sie verbindet das rechte Weltbild und der Hass auf Linke.

Ihr meint, dass wir die Dinge vereinfachen? Dann fahrt doch mal nach Herzberg oder Bad Lauterberg im Harz. Euch wackeln die Ohren, wenn ihr seht wie der CDU-Lokalpolitiker mit dem  Dorfpolizisten und dem braven Neonazi im Fußball-, Schützen- oder Anglerverein ganz unverkrampft die Freizeit verbringt.

Aber ihr habt recht: Die Vorgänge in Südniedersachsen wie anderenorts, vor 20 Jahren wie heute, verdeutlichen, dass hier nicht nur individuelles Fehlverhalten beschrieben werden kann, sondern dass es sich um Strukturen handelt, die von den Führungskräften der Behörden gefördert, ja die im niedersächsischen Innenministerium politisch sogar erwünscht sind. Die einfache und zugleich zutiefst beunruhigende Wahrheit lautet: Der Staat hat ein taktisches Verhältnis zu den Faschisten. Wenn sie über die Stränge schlagen oder hässliche Medienberichte im Ausland hervorrufen, werden sie an die Leine gelegt. Dort, wo die Faschisten den gesellschaftlichen Eliten aber als nützliche Hilfstruppen erscheinen, werden sie in Ruhe gelassen, verharmlost oder gar vor Widerständen geschützt.

Wie war das 1990, als im jungen wieder-vereinigten Deutschland gehetzt wurde, als Pogrome gegen Flüchtlinge stattfanden, als reihenweise Asylunterkünfte niedergebrannt wurden? Nachdem die Neonazis auf der Straße die Drecksarbeit erledigt hatten, schafften 1993 die Saubermänner einer großen Koalition im Bundestag das Menschenrecht auf Asyl faktisch ab.

Oder wie war das 2004, als der soziale Widerstand gegen die Agenda 2010 lauter wurde und die Polizei in Leipzig oder Dresden oder Gera den Neonazis, die für sich die "soziale Frage" entdeckt hatten, mit Gewalt Zugang zu den Montags-Demos verschaffte? Gerhard Schröder trat hinterher im Fernsehen auf und polemisierte, diese Montags-Demos könne niemand ernst nehmen, da liefen ja sogar Nazis mit.

Oder wie war das beim 1. Mai 2009, als in Dortmund 300 Neonazis die traditionelle Mai-Feier des DGB angriffen? Die Klassenkämpfer von oben reiben sich die Hände und wissen, wozu sie ihre Nazis noch mal brauchen könnten.

Zum Abschluss betreten wir unsicheren Boden, wir spekulieren: Im Jahr 2003 lehnte das  Bundesverfassungsgericht die Verbotsanträge gegen die NPD ab, weil nicht auseinanderzuhalten war, welcher Teil des von der Bundesregierung vorgelegten belastenden Materials auf echte - sozusagen natürliche - Nazis zurückgeht und welcher Teil von Spitzeln oder Agenten des Staates hervorgebracht wurde. Soll heißen: Ein nicht unerheblicher Teil der NPD wird vom Staat als sogenannte V-Leute bezahlt und  kann von den anderen Nazis nicht auseinandergehalten werden. Bereits Anfang der 1990er Jahre hieß es in Südniedersachsen, der FAP-Nazi Thorsten Heise sei ein Justizwunder. Trotz fortdauernder schwerer Straftaten, wurde der Neonaziführer immer wieder frei gesprochen oder zu milden Bewährungsstrafen verurteilt. Stand er schon zu diesem frühen Zeitpunkt seiner Nazi-Karriere auf der Gehaltsliste der Polizei oder des Verfassungsschutzes? Zuletzt wurden diese Spekulationen im Oktober 2007 genährt, als Beamte des BKA  (das vor Ort zuständige LKA hatte sich schlicht geweigert gegen Heise vorzugehen)  bei einer Durchsuchung seines Anwesens in Fretterode Schusswaffen, darunter ein zerlegtes Maschinengewehr, fand.

Konsequenzen? Keine! Uwe Schünemann macht sich keine Sorgen wegen seinem Thorsten. Die Rechten, so der CDU-Innenminister, hätten halt eine hohe Affinität zu Waffen. So so! Wer solche Freunde hat, muss sich allerdings wenig Sorgen machen, was er zu hause unter seinem Bett liegen hat.

Bei anderen bellt dafür der Mantrailer-Hund und nach der DNA wird schon wegen einem vermuteten Silvester-Böller gefahndet.

Wer in Deutschland Widerstand gegen alte oder neue Nazis leistet, bekommt es mit dem Staat zu tun!

Wer, wenn nicht wir, legt diesen Leuten das Handwerk?


Medienberichte

ExtraTip Göttingen, 16.1.2011

Demonstration gegen Faschismus

20 Jahre danach

Tag der Erinnerung und des Mahnens: In der Neujahrsnacht am 1. Januar 1991 starb der 21-jährige Alexander Selchow in Rosdorf nach einem Angriff von zwei Neonazis. Der Zivildienstleistende erlag mehr als zehn Messerstichen und schweren Schädelverletzungen. Brutale Übergriffe der Neonazis waren damals an der Tagesordnung.

20 Jahre später erinnerten am Samstag nach einem Aufruf des Göttinger Bündnisses gegen Rechts über 100 Teilnehmer auf einer Protestkundgebung gegen faschistische Gewalt. Redner erinnerten auf dem Göttinger Marktplatz an die Geschehnisse von damals und wiesen darauf hin, dass es auch heute noch in Göttingen und in vielen anderen Städten politisch motivierte Übergriffe durch Neonazis gibt. In den vergangenen 20 Jahren starben in Deutschland nach Angaben des Bündnisses fast 140 Menschen durch faschistische Gewalt.


GT, 15.1.2011

Skinheads erstechen Wehrdienstleistenden

Vor 20 Jahren: Nazis bringen Alex um

Vor 20 Jahren, in der Neujahrsnacht 1991, erstechen zwei Neonazis den 21-jährigen Alexander Selchow aus Rosdorf. Die Tat ist der Höhepunkt einer Reihe von Übergriffen von Neonazis gegenüber Linken und Ausländern in der Stadt Göttingen sowie den Landkreisen Göttingen und Northeim. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit einem immer stärker werdenden antifaschistischen Bündnis. Als Dreh- und Angelpunkt der rechten Szene erweist sich ab 1986 das Haus des aus Österreich stammenden Karl Polacek in Mackenrode. Hier schart der niedersächsische Landesvorsitzende der heute verbotenen, rechtsextremen Freiheitlichen Arbeiterpartei (FAP) gewaltbereite Gefolgsleute um sich.

Alex wäre jetzt so alt wie ich“, sagt Tom Schmidt. Auch 20 Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Alexander Selchow in der Neujahrsnacht 1991 kann Schmidt den Tod seines besten Freundes nicht verstehen. Auch heute noch frag ter sich oft in alltäglichen Situationen: „Was würde Alex denken? Aber Alex fehlt.“
In der Nacht seines Todes war Selchow mit einem Freund von einer Silvesterparty aufgebrochen und auf dem Weg nach Hause. In der Rosdorfer Friedensstraße treffen sie auf die beiden 17-jährigen, vermummten Nazi-Skinheads Oliver S. und Sven S., die mit dem Vorsatz von einer Neonazi-Party aufgebrochen waren, „herumschwirrende Linke durchzuklopfen“.

„Alex war Grufti“, sagt Tom Schmidt. Am liebsten habe er schwarz getragen. Gleichzeitig und fast im Widerspruch dazu beschreibt ihn Schmidt als „optimistisch und lebensfroh“. Politisch sei er schon „links“ gewesen, aber nicht „anti-nationalistisch“. So habe er sich nach dem Abitur an der Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule (IGS) bewusst für den Wehrdienst entschieden. Er tat seinen Dienst in der Zietenkaserne. Schmidt beschreibt Selchow als „gewaltscheu“. „Unsere Clique hat damals schon die Konfrontation mit den Glatzen gesucht“, erinnert sich Schmidt. „Alex war aber nie mit dabei. Er ist körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg gegangen.“

Als Selchow den beiden betrunkenen Neonazis auf der Straße entgegenkommt schlagen sie zu, ergreifen den jungen Mann, der nicht in ihr Weltbild passt und mit dem es zuvor am Abend bereits einen Streit wegen zu lauter Silvesterknallerei gab, am Arm. Selchows Begleiter flüchtet. Oliver S. zückt ein Messer und sticht auf den 21-Jährigen ein. Fünf Stiche treffen Selchow, einer geht direkt in den Bauch, so tief dass die untere Hohlvene durchtrennt und ein Wirbel verletzt wird. Der tödliche Treffer. Alexander Selchow stirbt am frühen Morgen am massiven Blutverlust.

Oliver S. und Sven S. werden innerhalb der folgenden beiden Tage festgenommen. Im Dezember wird ihnen unter Auschluss der Prozess gemacht. Das Landgericht bleibt bei den Strafen aber unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Der Haupttäter Oliver S. wird zu sechs Jahren Jugendhaft verurteilt, Sven S. bekommt vier Wochen Dauerarrest. Der Richter sieht in der Tat Körperverletzung mit Todesfolge. Staatsanwalt Hans Hugo Heimgärtner hatte stattdessen in seinem Plädoyer auf sieben Jahre beziehungsweise ein Jahr sechs Monate Jugendhaft wegen Totschlags gefordert. Seiner Argumentation, die Täter hätten den Tod Selchows billigend in Kauf genommen, folgt das Gericht nicht. Strafmildernd wirkt sich das umfassende Geständnis aus, zudem habe der Haupttäter Oliver S. Reue gezeigt, erinnert sich Heimgärtner.
Das milde Urteil sorgt bei den Linken für Empörung, weniger aber bei Selchows Freundeskreis: „Das Urteil war nicht zu verstehen, es war aber auch nicht überraschend. Es hat in unsere damalige Erfahrung gepasst. Von uns hat niemand damit gerechnet, dass mehr dabei herauskommt“, sagt Schmidt und urteilt: „Für mich war es Mord.“
Der Tod von Alexander Selchow markiert einen traurigen Höhepunkt einer langen Reihen von Übergriffen durch Neonazis in Göttingen und der Region. Ab Mitte der 80er Jahre sind Nazi-Skinheads in Göttingen nicht selten. Offen treten sie in Diskotheken auf, prügeln auf Ausländer und Linke ein, basteln Bomben, verüben Brandanschläge und greifen das Jugendzentrum Innenstadt an. Mehrere Wehrsportgruppen sind aktiv. Zwischen 1987 und 1989 listet eine Chronik der Antifa mehr als 100 „Nazi-Aktivitäten“ in und um Göttingen auf. Allein für 1990 gebe es mehr als 100 Ermittlungsverfahren gegen Rechtsextreme. „Die fühlten sich stark“, sagt Oberstaatsanwalt Heimgärtner heute. Das Gewaltpotenzial der Neonazis sei hoch gewesen. „Wir waren erschrocken“, sagt Heimgärtner. Zum Waffenarsenal gehören bei den Nazis Schreckschusspistolen, Totschläger, Knüppel, Latten und Baseballschläger.
Die Bedrohung durch die rechtsextreme Szene wird lange nicht von offizieller Seite gesehen. So urteilt etwa der niedersächsische Verfassungsschutz 1987, dass sich die Szene „als Zirkelwesen überwiegend im stillen Kämmerlein“ abspiele. Auch blieben „die rechtsradikalen Aktivitäten im Raum Göttingen hinter dem Landesmaßstab“ zurück. 1988 schätzt die Polizei die „Skinszene in Göttingen“ auf vier bis fünf Personen. Für die Staatsanwaltschaft besteht die „rechtsradikale Skinhead-Szene nicht mehr, nachdem fünf Kahlköpfe wegen verschiedener Straftaten hinter Gitter gebracht wurden.“. Die Antifa hingegen schätzt die Zahl der „militanten Nazis“ auf rund 50 Personen. Erst nach Alexander Selchows Tod sagt Göttingens Polizeichef Lothar Will, dass ihm „vor allem die Gewalt, die von rechtsradikalen Gruppierungen ausgeht, im Moment am meisten Sorgen“ bereite.
Dreh- und Angelpunkt der südniedersächsischen Nazi-Szene ist ab 1986 das Haus des Österreichers Karl Polacek in Mackenrode. Der niedersächsische Landesvorsitzende der heute verbotenen Freiheitlichen Arbeiterpartei (FAP) schart hier in seinem zur Festung ausgebauten Holzhaus junge, gewaltbereite Neonazis um sich. Neben Thorsten Heise gehört auch Oliver S. dazu. Er wohnt bei Polacek. In einem Zeit-Bericht schildert Autor Heinrich Thies das Zimmer von Oliver: dekoriert mit Stahlhelm, Schlagkette, Dolchen und einem Hitler-Relief. Pressebilder zeigen den 17-Jährigen in Jeans, Springerstiefel, Kampfjacke und Reichskriegsflagge.

Der wenig medienscheue Polacek brüstet sich, dass seine Partei „das Radikalste ist, was es zur Zeit auf der Rechten gibt“. Den getöteten Wehrdienstleitenden Selchow verhöhnt er: „Wir nennen ihnnicht Soldat, sondern Gruftie.“ Selchow habe seinen Tod selbst verschuldet, weil er sich in der antifaschistischen Szene bewegt habe. „Wir üben die Abwehr feindlicher Angriffe. Die Gewaltspirale ist in Bewegung geraten. Heute geht nichts mehr Messer“, sagt Polacek der Zeit.

Heute wäre der von Oliver S. umgebrachte Alexander Selchow 41 Jahre alt. „Würde Alex noch leben, wäre er heute auf jeden Fall Familienvater“, sagt Schmidt. „Alex war Familienmensch. Einen Freund wie Alex würde sich jeder wünschen.“

Eine Gedenkkundgebung zum 20. Todestag von Alexander Selchow beginnt am heutigen Sonnabend, 15. Januar, um 15 Uhr am Gänseliesel vor dem Alten Rathaus in Göttingen.



GT, 15.1.2011

Situation in Südniedersachsen

Starke Antifa hält Rechte in Schach

Eine organisierte Nazi-Struktur wie vor 20 Jahren gibt es heute zumindest in der Stadt Göttingen nicht mehr. Hier sind sich die Göttinger Staatsanwaltschaft, die Antifaschistische Linke International (A.L.I.) und der niedersächsische Verfassungsschutz einig.

Vielmehr, so ein Sprecher der A.L.I., seien viele Leute der rechten Szene in das Umland ausgewichen. Dass es in Göttingen kaum noch Nazi-Aktivitäten gibt, habe neben der strafrechtlichen Verfolgung auch die Präsenz einer starken antifaschistischen Szene bewirkt, sagt Oberstaatsanwalt Hans Hugo Heimgärtner. Politisch motivierte Gewalt gebe es fast gar nicht mehr, wohl aber vereinzelte Hakenkreuzschmierereien oder Veranstaltungen, auf denen rechte Musik gespielt wird. Die rechten Aktivitäten hätten sich stattdessen nach Einbeck, Northeim, in den Südharz oder ins Eichsfeld verschoben, so die Beobachtungen der A.L.I. Besonders in Teilen des Südharzes gebe es zahlreiche Nazi-Aktivitäten.

Auch wenn die Szene kaum organisiert ist, gebe es durchaus „durchgedrehte Leute mit Gewaltpotenzial“, sagt der A.L.I.-Sprecher. Als Beleg führt er die Funde scharfer Waffen bei Neonazis an, die bei Hausdurchsuchungen im Zusammenhang mit der Schießerei im Göttinger Nachtlokal Strip in 2008 gefunden wurden.

Im Landkreis Northeim hat es, nach Auskunft von Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU), seit 2007 13 Hausdurchsuchungen gegeben, die durch „rechtsextremistische motivierte Straftaten oder Gefahrenlagen“ veranlasst wurden – darunter auch Durchsuchungen in Hardegsen und Nörten-Hardenberg. Nach Angaben des Verfassungsschutzes ist die „Kameradschaftsszene im Kreis Northeim diffus und politisch nicht straff organisiert“, sagt Sprecherin Maren Brandenburger auf Anfrage. Viele Aktivitäten seien nicht „zielgerichtet“.

Nach Schünemanns Ausführungen im Landtag im April 2010 gebe es mit dem Wegzug von Thorsten Heise „kaum strukturierte Aktivitäten der Neonaziszene im Wirkungsbereich der ehemaligen Kameradschaft Northeim“. Mit der Inhaftierung des Führers der Kameradschaft Einbeck seien auch dort „keine Aktivitäten“ festzustellen.“ Gleichwohl gebe es Verbindungen zur Szene in Northeim und Bad Lauterberg und zur NPD. Das Mobilisierungspotenzial der Einbecker Kameradschaft schätzt Schünemann auf etwa 20 Personen. „Das Rekrutierungspotenzial von Thorsten Heise liegt inklusive der Neonazi-Szene im Raum Northeim bei rund 40 Personen.“ Nach Brandenburgers Angaben verfügen die rechtsextremen Parteien NPD und DVU in Göttingen und Northeim keine „nennenswerten Strukturen“.

Allerdings verzeichnet der Verfassungsschutz wiederkehrende Veranstaltungen im Kreis Northeim, zu denen teilweise bis zu 100 Rechtsextremisten kommen. Aufgeführt werden von den Verfassungsschützern Wintersonnenwendfeiern, Balladen- und Liederabende sowie Vatertagswanderungen.



Stadtradio Göttingen, 14.1.2011

Bündnis gegen Rechts veranstaltet Gedenkkundgebung

Das Göttinger Bündnis gegen Rechts hat für morgen Nachmittag eine Gedenkkundgebung vor dem Alten Rathaus angemeldet. Anlass ist der 20. Jahrestag der Ermordung von Alexander Selchow in Rosdorf. Der 21-jährige Bundeswehrsoldat war in der Silvesternacht 1990/1991 von zwei Rechtsextremen erstochen worden. Eine Sprecherin der Antifaschistischen Linken International A.L.I. forderte die Göttinger Polizei auf, bei der morgigen Kundgebung auf Provokationen oder Angriffe zu verzichten. Sie verwies auf die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten bei einer Demonstration zum Gedenken an Conny Wessmann im November 2009 und bezeichnete das damalige Einsatzkonzept der Polizei als „pietätlos“. Die Gedenkkundgebung für Alexander Selchow beginnt morgen um 15 Uhr am Gänseliesel vor dem Alten Rathaus.
Bottom Line