{"id":2178,"date":"2014-06-13T11:41:54","date_gmt":"2014-06-13T11:41:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.inventati.org\/leipzig\/?p=2178"},"modified":"2014-12-23T13:59:47","modified_gmt":"2014-12-23T13:59:47","slug":"sachsens-vs-chef-ist-burschenschafter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.inventati.org\/leipzig\/?p=2178","title":{"rendered":"Sachsens VS-Chef ist Burschenschafter"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr nicht weniger als \u201eEhre, Freiheit, Vaterland\u201c streitet die Burschenschaft Marchia Bonn. Ihr zweiter Wahlspruch \u201eFest, Treu, Wahr\u201c gilt aber nicht immer. Denn mit der Wahrheit r\u00fcckte ein Marche erst nach aktuellen Presserecherchen heraus: Der Pr\u00e4sident des Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz (LfV) Sachsen, Gordian Meyer-Plath, ist in der schlagenden Verbindung aktiv. Der Medi\u00e4vist hatte 1987 bis 1993 unter anderem an der Universit\u00e4t Bonn studiert, war dort zur Marchia gesto\u00dfen.<!--more--><\/p>\n<p>Bis heute ist er als \u201eAlter Herr\u201c aktiv, wie die heutige Ausgabe der TAZ berichtet. Der Geheimdienstler bezeichnet sein Engagement als \u201ereine Privatsache\u201c.<\/p>\n<h4>Bonner Burschen fordern \u201eLebensraum\u201c<\/h4>\n<p>Die Marchia machte Ende 2011 durch den Austritt aus dem Dachverband \u201eDeutsche Burschenschaft\u201c (DB) von sich reden. Hintergrund war der schon l\u00e4nger schwelende und weiter anhaltende Rechtsruck der DB. Auch die Reihen der Marchia blieben davon nicht verschont: Im Jahr 2007 hat sie Matthias Brauer ausgeschlossen, nachdem er auf dem Marchia-Gel\u00e4nde ein Holzkreuz im Ku-Klux-Klan-Stil verbrannt und \u201eHeil White Power!\u201c gerufen hatte.<\/p>\n<p>Der Zwischenfall wurde erst sp\u00e4ter und wiederum durch Medienrecherchen bekannt. Der DB-Funktion\u00e4r Brauer wechselte kurzerhand zu den einschl\u00e4gigen Bonner Raczeks, die mit ihrer Forderung nach Einf\u00fchrung eines \u201eAriernachweises\u201c ein stramm-rechter Protagonist der DB-Entwicklung ist.<\/p>\n<p>Den Austritt aus dem Dachverband begr\u00fcndete die Marchia mit in der DB verbreiteten Standpunkten, die \u201emit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unseres Staates und mit den Prinzipien unserer Marchia unvereinbar\u201c seien. Allerdings fordert die Marchia selbst ein \u201eEuropa der Vaterl\u00e4nder\u201c sowie die \u201eSicherung kultureller Eigenarten\u201c und Traditionen der \u201eV\u00f6lker in ihren jeweiligen Regionen und Lebensr\u00e4umen\u201c.<\/p>\n<h4>NSU-Skandal als Karrieresprung<\/h4>\n<p>Man verpflichte sich, so hei\u00dft es im Selbstverst\u00e4ndnis der Burschenschaft weiter, zur \u201eAbwehr aller \u00e4u\u00dferen und inneren Bedrohungen von Staat und Gesellschaft\u201c. Dieser Verpflichtung ist Meyer-Plath treu geblieben. Ab 1994 arbeitete er f\u00fcr den brandenburgischen \u201eVerfassungsschutz\u201c, zwischendrin f\u00fcr eine CDU-Bundestagsabgeordnete und heute als Pr\u00e4sident des LfV Sachsen.<\/p>\n<p>Er folgte damit Reinhard Boos nach, der vor knapp zwei Jahren um Versetzung gebeten hatte. Hintergrund war das \u201ezuf\u00e4llige\u201c Auffinden von Geheimdienst-Unterlagen im \u201etoten Winkel\u201c eines Aktenspindes beim LfV Sachsen. Die Dokumente waren nicht registriert \u2013 und wiesen direkte Bez\u00fcge zum NSU-Trio B\u00f6hnhardt, Mundlos und Zsch\u00e4pe auf. Zuvor hatte Boos mehreren Gremien versichert, alle zur Aufkl\u00e4rung n\u00f6tigen Akten \u201evollst\u00e4ndig\u201c vorgelegt zu haben.<\/p>\n<h4>V-Mann zu Rechtsterroristen chauffiert<\/h4>\n<p>Meyer-Plath k\u00fcndigte nach dem F\u00fchrungs- einen \u201ePhilosophiewechsel\u201c an. Allerdings ist er in den NSU-Skandal selbst verwickelt. Denn zu seiner Zeit beim brandenburgischen \u201eVerfassungsschutz\u201c war er f\u00fcr die Quelle Carsten Szczepanski zust\u00e4ndig, besser bekannt als V-Mann \u201ePiatto\u201c. Der \u201eKu Klux Klan\u201c-Anh\u00e4nger Szczepanski war 1995 wegen versuchten Totschlags an einem Nigerianer zu acht Jahren Haft verurteilt worden, genoss durch seine Spitzeldienste jedoch zahlreiche Verg\u00fcnstigungen. So konnte Szczepanski aus dem Gef\u00e4ngnis heraus Nazi-Fanzines wie \u201eDer Wei\u00dfe Wolf\u201c und \u201eUnited Skins\u201c produzieren, bekam rasch Freigang.<\/p>\n<p>Das war Voraussetzung, um ihn sp\u00e4testens 1998 auf die Chemnitzer \u201eBlood &#038; Honour\u201c-Szene anzusetzen. Meyer-Plath chauffierte ihn dorthin, angeblich ohne den bis heute unklaren Auftrag gekannt zu haben und ohne sich an Details der Gespr\u00e4che mit dem Rassisten im Staatsdienst erinnern zu k\u00f6nnen. Hier tut Aufkl\u00e4rung not, denn \u201ePiatto\u201c tauchte just in Chemnitz auf, als sich das NSU-Trio dort mithilfe von B&#038;H-Mitgliedern h\u00e4uslich eingerichtet hatte.<\/p>\n<h4>Erfolgreiche Geheimniskr\u00e4merei<\/h4>\n<p>Der Einsatz war aus Geheimdienst-Sicht durchaus erfolgreich. Tats\u00e4chlich berichtete der V-Mann im Sp\u00e4tsommer und Herbst 1998 mehrfach ausf\u00fchrlich \u00fcber das untergetauchte Trio, \u00fcber namhafte s\u00e4chsische Unterst\u00fctzer wie Jan Werner und Antje Probst (heute hei\u00dft sie B\u00f6hm) sowie deren Versuche, Waffen, Geld und Ausweisdokumente zu beschaffen. Nur die Handschellen klickten nicht.<\/p>\n<p>Grund: Die klaren Hinweise auf Rechtsterrorismus wurden dem s\u00e4chsischen \u201eVerfassungsschutz\u201c mitgeteilt, der eigentlich zust\u00e4ndigen Polizei jedoch absichtlich vorenthalten. Zielfahndern des Th\u00fcringer LKA fiel bei einer Telefon\u00fcberwachung zwar selber auf, dass der s\u00e4chsische B&#038;H-Anf\u00fchrer Jan Werner Kontakt zu einem Handyanschluss hielt, das auf das brandenburgische Innenministerium registriert war. Meyer-Plath und Kollegen erfuhren das aber sofort vom Gro\u00dfen Bruder, dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz (BfV). Szczepanski erhielt einen neuen Apparat, diesmal auf einen ordentlichen Decknamen, und schon war die frische Spur der Polizei dahin.<\/p>\n<p>Bei kritischen Nachfragen vor Untersuchungsaussch\u00fcssen beharrte Meyer-Plath darauf, mit solchen Entscheidungen nichts zu tun gehabt, sondern nur \u201eV-Mann-Fahrer\u201c gewesen zu sein. Das ist eine sehr gef\u00e4llige Interpretation und alles andere als \u201efest, treu, wahr\u201c. Wahr ist vielmehr: Der Top-Geheimdienstler und sein Top-Spitzel waren per Du. Und mehrere der brisanten Treffberichte mit \u201ePiatto\u201c aus dem Jahr 1998 tragen unverkennbar die Unterschrift des V-Mann-F\u00fchrers. Es war Meyer-Plath.<\/p>\n<h4>Keine Privatsache<\/h4>\n<p>Der Wert dieser Unterschrift ist nicht zu untersch\u00e4tzen, heute n\u00e4mlich verantwortet Meyer-Plath den \u201eVerfassungsschutzbericht\u201c f\u00fcr Sachsen. Die aktuelle Ausgabe enth\u00e4lt \u00fcber Burschenschaften \u2013 gar nichts.<\/p>\n<p>Das ist \u00fcberraschend, weil es \u00fcber die Verbindungsszene im Freistaat einiges zu berichten g\u00e4be: Anfang des Jahres hat die Aachen-Dresdner Burschenschaft Cheruscia den Vorsitz der DB \u00fcbernommen. Neuer Schriftleiter des Verbandsmagazins \u201eBurschenschaftliche Bl\u00e4tter\u201c ist Dirk Taphorn, Mitarbeiter des \u201eIdentit\u00e4ren Zentrums\u201c in Dresden. F\u00fcr die so genannten Identit\u00e4ren interessiert sich auch die extrem rechte Leipziger Burschenschaft Germania, sie veranstaltete Anfang des Jahres gar einen Stammtisch mit der \u201eIdentit\u00e4ren Bewegung\u201c, zu der ein Leipziger AfD-Mitglied geh\u00f6rt. Am Germania-Stammtisch nahmen wiederum mehrere NPD-Mitglieder teil.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber zu schweigen kann  einer dieser branchentypischen Zuf\u00e4lle sein. Oder schlicht die \u201ealte Burschenherrlichkeit\u201c, die man in Verbindungskreisen gern besingt. Sie ist nun keine Privatsache mehr \u2013 LINKE und Gr\u00fcne im Landtag forderten heute personelle Konsequenzen.<\/p>\n<hr>\n<p>Nachtrag: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Saechsischer-Verfassungsschutzchef\/!140267\/\">Bericht im Online-Angebot der TAZ.<\/a><\/p>\n<hr>\n<p><i>Text zugesandt von: anonym.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr nicht weniger als \u201eEhre, Freiheit, Vaterland\u201c streitet die Burschenschaft Marchia Bonn. 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