Die Abschot­tung der europäis­chen Außen­gren­zen liegt nicht in der alleini­gen Ver­ant­wor­tung einzel­ner Staaten, son­dern wird durch eigens ein­gerichtete EU-​Institutionen koor­diniert und gefördert. Eine zen­trale Rolle spielt dabei die im Jahr 2004 ent­standene „Europäis­che Agen­tur für die oper­a­tive Zusam­me­nar­beit an den Außen­gren­zen der Mit­glied­staaten der Europäis­chen Union“, die in der Öffentlichkeit fast nur unter ihrem Kürzel „Fron­tex“ bekannt ist. Die zen­trale Auf­gabe von Fron­tex besteht darin, die Lage an den Außen­gren­zen zu analysieren und Abschot­tungs­maß­nah­men gezielt voranzutreiben. Die auf diese Weise inten­sivierte Schließung rel­a­tiv sicherer Zugangswege in die EU ist ein wesentlicher Fak­tor für die Ver­lagerung von Flucht­be­we­gun­gen auf immer gefährlichere Routen.

Dass sich Flüchtlinge über­haupt auf die hoch riskante Reise in Booten oder mar­o­den Schif­fen über das Meer begeben, liegt haupt­säch­lich daran, dass ihnen legale Möglichkeiten des Zugangs zur EU ver­wehrt wer­den. So kön­nte für viele Flüchtlinge die Ein­reise per Flugzeug oder Fähre eine sichere (und kostengün­stigere) Alter­na­tive bieten. Die EU weigert sich jedoch, Flüchtlin­gen die notwendi­gen Visa zu erteilen. Zusät­zlich verpflichtet sie die Beförderung­sun­ternehmen, die gesamten Kosten für den Rück­trans­port zu tra­gen, wenn Flüchtlinge nicht ins Ziel­land ein­reisen dür­fen. Auf­grund dieses finanziellen Risikos weigern sich Flu­gun­ternehmen und Fährge­sellschaften, Flüchtlinge über­haupt an Bord zu nehmen.

Neben solchen Regelun­gen setzt die EU auch darauf, bisher viel genutzte Routen zu zer­schla­gen, die zwar nicht legal, aber rel­a­tiv risikoarm waren. Beispiel­sweise war es bis vor kurzem für viele noch möglich, über die grüne Grenze auf dem Landweg aus der Türkei nach Griechen­land und Bul­gar­ien zu gelan­gen. Inzwis­chen haben aber beide EU-​Staaten ihre Gren­zan­la­gen durch meter­hohe Zäune und NATO-​Draht so stark aus­ge­baut, dass es zunehmend notwendig wird, gefährlichere Auswe­ichrouten wie den Seeweg über die Ägäis zu nutzen.

Ein anderes Beispiel ist die Meerenge von Gibral­tar, die nur wenige Kilo­me­ter breit ist und deshalb lange Zeit einen wichti­gen Fluchtweg nach Europa bildete. Durch den Auf­bau einer hochtech­nisierten und fast lück­en­losen Überwachung in diesem Bere­ich hat diese Route erhe­blich an Bedeu­tung ver­loren. Ein Teil der Flüchtlinge weicht nun auf wesentlich län­gere Wege über den Atlantik aus, um so weiter west­lich gele­gene Bere­iche des spanis­chen Fes­t­landes oder die Kanarischen Inseln zu erre­ichen. Ein anderer Teil ver­sucht die Flucht über das zen­trale Mit­telmeer, ins­beson­dere nach Lampe­dusa. Ger­ade in diesem Seege­biet sind in den ver­gan­genen Jahren tausende Men­schen ertrunken. Die Toten im Mit­telmeer sind eine direkte Kon­se­quenz der durch die Abschot­tungspoli­tik erzwun­genen Ver­lagerung von Fluchtrouten.