Tagtäglich ster­ben Men­schen beim Ver­such die europäis­chen Außen­gren­zen zu über­winden – die meis­ten weit­ge­hend unbeachtet und anonym, fernab medi­aler Aufmerk­samkeit. Nur, wenn katas­trophale Einzel­ereignisse der­ar­tige Aus­maße annehmen, dass sie sich auch medial nicht ignori­eren lassen, dringt die Sit­u­a­tion an der Grenze in das Bewusst­sein einer bre­it­eren Öffentlichkeit.

Die offizielle Poli­tik äußert zu solchen Anlässen gerne große Betrof­fen­heit, ohne dass jedoch auch nur ein Wort zur Rolle des europäis­chen Gren­zregimes fällt. Stattdessen sind die Schuldigen schnell aus­gemacht: „Krim­inelle Schlep­per­ban­den“, gegen die man im Zweifel sogar mil­itärisch vorge­hen sollte. Dieses Stich­wort wird gerne aufge­grif­fen, während die entschei­den­den Frage nicht gestellt wer­den: Warum wählen Flüchtlinge über­haupt so riskante Reisewege und begeben sich in die Hände der vehe­ment angeprangerten „skru­pel­losen Menschenhändler“?

Die Antwort auf diese Frage ist das Gren­zregime selbst: In den let­zten Jahrzehn­ten hat die EU fak­tisch alle Möglichkeiten einer legalen Ein­reise für Flüchtlinge abgeschafft und gle­ichzeitig Mil­liar­den für die mil­itärische Abschot­tung ihrer Außen­gren­zen aus­gegeben. Aber an der Notwendigkeit zu flüchten ändern diese Maß­nah­men selb­stver­ständlich nichts. Die Flucht­gründe der Men­schen, die in die europäis­chen Staaten gelan­gen wollen, bleiben beste­hen. Da die ver­hält­nis­mäßig sicheren Möglichkeiten des Gren­züber­tritts sys­tem­a­tisch ver­baut wer­den, müssen Flüchtlinge immer län­gere und gefährlichere Wege nutzen. Viele sind dadurch über mehrere Jahre auf der Flucht und müssen sich immer wieder in Lebens­ge­fahr begeben.

Durch ihre Abschot­tungspoli­tik hat die EU die wesentlichen Grund­la­gen für das Geschäfts­feld „Schlep­pen“ selbst geschaf­fen. Es ist fak­tisch unmöglich, in die „Fes­tung Europa“ einzu­drin­gen, ohne die Dien­ste von Schlepper_​innen in Anspruch zu nehmen. Das „Schlep­pen“ als solches ist daher zunächst auch alles andere als moralisch ver­w­er­flich, son­dern eine drin­gend benötigte Dien­stleis­tung, auf die Flüchtlinge unter den gegebe­nen Bedin­gun­gen zwin­gend angewiesen sind.

Auch die „Schlep­per“ sind keineswegs durchgängig fin­stere Gestal­ten, son­dern eine dur­chaus het­ero­gene Gruppe: Oft sind es z. B. ehe­ma­lige afrikanis­che Fischer_​innen, denen ihre bish­erige Exis­ten­z­grund­lage genom­men wurde, weil europäis­che Schiffe ihre Fangge­bi­ete leerge­fis­cht haben, oder Flüchtlinge, die an einem bes­timmten Ort hän­genge­blieben sind und sich auf diese Weise ihre Weit­er­reise finanzieren.

In vie­len Fällen haben die „Schlep­per“ auch selbst ein großes Inter­esse daran, dass ihre Kund_​innen so sicher wie möglich an den Zielort gelan­gen, da Infor­ma­tio­nen über die Qual­ität der Fluchthilfe unter Flüchtlin­gen zirkulieren und ein guter Ruf für das Geschäftsmod­ell wesentlich ist. Da sich mit dem „Schlep­pen“ ins­ge­samt viel Geld machen lässt und die Über­win­dung der abgeschot­teten Gren­zen eine immer kom­plexere Organ­i­sa­tion erfordert, kann man allerd­ings davon aus­ge­hen, dass mafiöse Struk­turen und Akteur_​innen, die die Not­lage der Flüchtlinge scham­los aus­nutzen, in diesem Geschäfts­feld inzwis­chen eine wichtige Rolle spielen.

Durch den „Kampf gegen die Schlep­per­ban­den“ wird dieses Prob­lem aber nicht behoben, son­dern ver­schärft: Mit dem Risiko für die im Ver­bor­ge­nen agieren­den Transportunternehmer_​innen steigen auch die Preise. Flüchtlinge, die diese nicht bezahlen kön­nen, müssen dann ver­stärkt auf Anbi­eter zurück­greifen, die weniger auf langfristige Geschäfts­beziehun­gen set­zen als auf schnelle Gewinne und dafür eine erhöhte Gefährdung der geschleusten Per­so­nen in Kauf nehmen.

Die Mobil­isierung gegen „Schlep­per“ kann daher nicht als human­itäre Maß­nahme gel­ten, son­dern vor allem als geschick­tes Ablenkungs­man­över von Politiker_​innen, die min­destens so skru­pel­los sind, wie die Schlimm­sten der von ihnen als Feind­bild auserko­re­nen Transportunternehmer_​innen. Wer die Leben von Flüchtlin­gen ret­ten will, kann nicht den Kampf gegen diejeni­gen unter­stützen, auf deren Dien­stleis­tun­gen diese aktuell zwin­gend angewiesen sind, son­dern muss für die Zer­schla­gung des Gren­zregimes und die Eröff­nung sicherer Pas­sagen und Ein­reisemöglichkeiten ein­treten. Richtig bleibt daher, was anti­ras­sis­tis­che Aktivist_​innen schon lange fordern: Fähren statt Frontex!