Soziale Kämpfe heute – Zwis­chen Recht­sruck und linken Hoffnungen

Ein glob­aler Recht­sruck in Rich­tung Autori­taris­mus ist in aller Munde – nicht nur in Staaten wie den USA, Brasilien, der Türkei und Indien, son­dern auch in Europa und Deutsch­land. In der Über­legung, wie man diesem…

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Unsere Analyse der „EinProzent“-Kampagne könnt ihr hier finden: Analyse | Kam­pagne für den Menschenhass

Die Neue Rechte ver­netzt sich in der Ini­tia­tive „Ein Prozent“

Die Alter­na­tive für Deutsch­land (AfD) stre­itet nicht erst seit der „Denkmal der Schande“-Rede von Björn Höcke über…

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Göt­tinger Alarm­liste Raise your voice! Unterstützer*in der Alarm­liste werden
Gegen Über­griffe auf Geflüchtete und ihre Unterkün­fte aktiv werden!

Im Okto­ber let­zten Jahres haben wir gemein­sam mit Einzelper­so­nen,
anti­ras­sis­tis­chen Ini­tia­tiven und Organ­i­sa­tio­nen eine öffentliche
SMS-​Alarmliste gegen neon­azis­tis­che Über­griffe gegrün­det. Es geht darum,…

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Beset­zung in Göt­tin­gen ist die richtige Antwort

Am 5.11.2015 haben engagierte Göttinger_​innen das ehe­ma­lige DGB-​Haus in der Oberen Masch Straße 10 besetzt, um men­schen­würdi­gen Wohn­raum für Geflüchtete und andere von Woh­nungsnot betrof­fene Grup­pen zu schaf­fen. Die…

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Die neue Demon­tage! Demon­tage #7 erschienen!

Unsere neue Zeitung ist erschienen!

Ihr findet sie (in Kürze) hier auf der Home­page, an den bekan­nten Orten in Göt­tin­gen und online als…

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Manch­mal sind unsere Genoss*innen sind nicht nur in Göt­tin­gen unter­wegs, son­dern auch in anderen Län­dern. Die Erfahrun­gen, die sie dabei sam­meln, kön­nen uns unter Umstän­den auch als Inspi­ra­tion für hiesige Auseinan­der­set­zun­gen dienen. Der erste Bericht, den wir hier in mehreren Teilen veröf­fentlichen, beschreibt die Sit­u­a­tion in Chile.

Am 4. Sep­tem­ber 1970 wird Sal­vador Allende, Vor­sitzen­der der Unidad Pop­u­lar, einem Zusam­men­schluss kom­mu­nis­tis­cher und sozial­is­tis­cher Parteien, zum chilenis­chen Präsi­den­ten gewählt. Drei Jahre später putscht – unter­stützt von der CIA – das Mil­itär. Unter der Führung Augusto Pinochets folgt eine langjährige Mil­itärdik­tatur, die erst 1990 enden soll. Jahre, die geprägt sind von Mord, Folter und Ver­schwinden. Eine Dik­tatur, die – nicht nur durch die Ver­fas­sung — bis heute wirkt. Auch aber eine Zeit, in der in Chile ein aggres­siver Neolib­er­al­is­mus etabliert wurde. Heute beze­ich­nen viele Men­schen „ihr“ Land als ein Exper­i­ment des West­ens, ein Aus­loten des (Un)machbaren inner­halb einer mark­tlib­eralen Wirtschaft­sor­d­nung. In ganz Chile wer­den Malls aus dem Boden gestampft. Hin­ter den Kassen der gigan­tis­chen Einkauf­szen­tren warten Studierende. Mitunter zahlen sie dafür, Einkäufe in möglichst vie­len Plas­tik­tüten unter­brin­gen zu dür­fen. Ihr Ver­di­enst? Berech­net sich aus dem Trinkgeld, das die Kund­schaft zahlt. Doch die Men­schen sind wider­ständig. Wenige Wochen in San­ti­ago, der Haupt­stadt (beinahe die Hälfte aller Chilen*innen lebt hier) erlauben keine tief­greifenden Analy­sen. Wohl aber reicht die wenige Zeit, um Ein­drücke abzu­bilden: Von den sozialen Härten und denen, die sie zu Kämpfen machen.

No+AFP

No+AFP – no mas AFP, no more AFP: Diese kom­pakte Forderung ist wohl die mit Abstand präsen­teste, wenn man mit dem bloßen Auge auf die Suche nach sozialen Auseinan­der­set­zun­gen geht. Tausend­fach gesprüht und plakatiert, auf Schildern und Trans­par­enten bei zahlre­ichen Streiks oder Demon­stra­tio­nen. AFP steht für Admin­istradores de Fondo de Pen­siones und beschreibt das chilenis­che Renten­sys­tem, ein Relikt aus der Dik­tatur, das tat­säch­lich enormes Mobil­isierungspo­ten­tial besitzt. Seit 1981 ist Chile eines von weni­gen Län­dern, das sein Sozialver­sicherungssys­tem pri­vatisiert hat. Wie das funk­tion­iert? Es existieren ver­schiedene pri­vate Renten­fonds, die AFPs, nicht sel­ten in der Hand transna­tionaler Unternehmen. Wer nun arbeitet, zahlt über 10% seines Gehalts in einen solchen Fonds, der dann die spätere Rente garantieren soll. Die Kon­se­quen­zen aber sind mas­sive Alter­sar­mut und ein schier undurch­schaubares Netz von Schat­ten­wirtschaft. Ein­er­seits bilden sich riesige Finan­zoli­go­p­ole: Die sechs AFPs (es waren einst 20) erwirtschaften die größten ver­füg­baren Sum­men an Anlagekap­i­tal in ganz Chile und sind mit der Poli­tik eng ver­strickt. Auf der anderen Seite sprechen die Zahlen für sich: 90% aller Chilen*innen bekom­men bei Preisen mit­teleu­ropäis­chen Niveaus weniger als 200 € Rente. Die Hälfte lebt unter der Armutsgrenze. Ger­ade ein­mal durch­schnit­tliche 28% des ehe­ma­li­gen Lohns wer­den einer Frau aus­gezahlt. Das neolib­erale Vorzeige­pro­jekt treibt die Men­schen an den­Rand der Existenz.

Cocina Com­mu­ni­taria

Die Ernährung kann in Chile als ein soziales Prob­lem begrif­fen wer­den. Das zumin­d­est tut die Cocina Com­mu­ni­taria und ver­wan­delt die Prob­lematik in ein kollek­tives poli­tis­ches Pro­jekt. Viele Men­schen haben sehr lange Arbeit­stage. Nicht sel­ten nehmen die Wege zum und vom Arbeit­splatz oder der Uni­ver­sität in der Metro­pole mehrere Stun­den in Anspruch. Die Kon­se­quenz: Gemein­sam gekocht wird in vie­len Haushal­ten kaum, dementsprechend riesig ist das Ange­bot an unge­sun­den Fer­tig­gerichten. Die Getränkere­gale der Super­märkte wer­den dominiert von Getränken, die den Ein­druck erwecken, nur aus Wasser und Zucker zu beste­hen. Das Konzept der europäis­chen „Soliküchen“ lässt sich nicht über­tra­gen, eben weil die Zeit fehlt, wöchentlich gemein­sam zu kochen. Den­noch sind sie Inspi­ra­tion für die Cocina Com­mu­ni­taria, die vor allem eins anders macht: Nicht die Men­schen bewe­gen sich hin zum Essen. Nein, das Gekochte wird bis vor die Haustür geliefert. Jede Woche wird ein­mal gekocht. Es fallen dabei vier Schichten an: Erstens der Einkauf auf San­ti­a­gos großem Obst– und Gemüse­markt, der Vega Cen­tral. Zweit­ens das Kochen selbst, stets vegan. Drit­tens die Aus­liefer­ung des fer­ti­gen Gerichts, natür­lich mit dem Fahrrad. Viertens das Putzen der Küche, die sich (noch) in der Casa Vol­nitza befindet, einem sozialen Zen­trum, das nach zehn Jahren lei­der seine Räum­lichkeiten ver­lassen muss. Wer im Monat eine einzige dieser Schichten übern­immt, bekommt wöchentlich bis zu vier Por­tio­nen geliefert. Der Preis ist ver­schwindend ger­ing. Findet in der Vol­nitza eine Party statt, backt die Cocina (wirk­lich leckere) Pizza, um ihr Tun zu refi­nanzieren. Die Cocina Com­mu­ni­taria scheint es nicht nur geschafft zu haben, eine Antwort zu geben auf dieFrage der Ernährung. Sie nutzt das Mobil­isierungspo­ten­tial eben dieser sozialen Frage aus, um zugle­ich einen Moment der Poli­tisierung und Radikalisierung zu schaf­fen – am Ende ist es viel mehr als die bloße Ernährung. So ist ein großes Net­zw­erk ent­standen, nicht ohne Zukun­ftsvi­sio­nen: Derzeit wird eine App pro­gram­miert, die den organ­isatorischen wie logis­tis­chen Aufwand reduzieren soll.

Ni una menos

Gewalt gegen Frauen in allen Facetten ihres Erscheinens gibt es über­all. In Lateinamerika jedoch äußert sich das Patri­ar­chat allzu häu­fig in seiner bru­tal­sten Form. Vor weni­gen Monaten wird in Argen­tinien eine Sechzehn­jährige unter Dro­gen gesetzt und verge­waltigt. Der Fall ist alles andere als ein Einzelfall, an kaum einem anderen Ort gibt es so viele femi­ci­dos (Mord an einer Frau auf Grund ihres Frau­seins) wie in den Län­dern Lateinamerikas. Der Angriff auf die Sechzehn­jährige ist von solcher Bru­tal­ität, dass er zum Aus­löser mas­siver fem­i­nis­tis­cher Proteste wurde: Ni una menos – nicht Eine weniger. Unter diesem Aufruf gehen Frauen seit­dem auf die Straße, erst in Argen­tinien, später in unzäh­li­gen Städten Lateinamerikas. In Buenos Aires wur­den Frauen dazu aufgerufen, ihre Arbeit vor der ersten Großdemon­stra­tion zu bestreiken, es wird schwarz getragen.

Zumin­d­est in San­ti­ago sind es riesige Demon­stra­tio­nen ohne Rede­beiträge, mit einer Vielzahl schaus­pielerischer Aktio­nen und einer Vielzahl pro­fes­sionell anmu­ten­der Trüp­pchen, die Routen und Seit­en­straßen plakatieren. Es sind kämpferische Demon­stra­tio­nen, klassenkämpferisch – ver­schwindend ger­ing ist die Anzahl vio­let­ter Fah­nen ver­glichen mit dem Rot Schwarz der gue­varis­tis­chen Revolution.

Der zweite Teil des Berichts erscheint in der näch­sten Aus­gabe unserer Zeitung und befasst sich mit den sozialen Auseinan­der­set­zun­gen im ländlichen Raum.

Die gesamte Demon­tage #7 gibt es hier zum Download.