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Buchcover Anja FlachFrauen zwischen Tradition und Befreiung in Kurdistan

Am 1.12.2004 fand unsere Veranstaltung "Frauen zwischen Tradition und Befreiung in Kurdistan" mit der Referentin Anja Flach statt. Anja Flach lebte als Internationalistin mehrere Jahre bei der kurdischen Befreiungsbewegung und deren Guerilla in den Bergen Kurdistans lebte. Die dort gesammelten Erfahrungen veröffentlichte sie letztes Jahr in ihrem Buch "Jiyaneke din - ein anderes Leben". Wir dokumentieren unten unser Flugblatt zur damaligen Veranstaltung.

Das Flugblatt (als png-Datei 1,2 MB)

Zur Geschichte

Frauen in Kurdistan

Kurdischsprachige Gebiete liegen im Süden der Türkei, im Norden des Iran, des Irak und Syriens. Mit der Ausrufung des türkischen Nationalstaats unter Mustafa Kemal (Attatürk) 1923 beanspruchte der türkische Staat die kurdischen Gebiete für sich die Kurden als nationale Minderheit anzuerkennen. Seitdem leben kurdischstämmige Menschen in der Türkei mit Verfolgung und Ausgrenzung. In der chauvinistischen Sichtweise Attatürks und seiner Nachfolger existieren weder KurdInnen noch ArmenierInnen, sondern einzig und allein TürkInnen. So wurden den KurdInnen in der Türkei über viele Jahrzehnte hinweg elementare Rechte verweigert. Die kurdische Sprache wurde in der Öffentlichkeit verboten. Wer sich nicht anpassen wollte, wurde mit Gewalt unterdrückt. Dies hatte natürlich auch auf die soziale Stellung kurdischer Menschen innerhalb der türkischen Gesellschaft starke Auswirkungen.

Der kurdische Befreiungskampf unter Führung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) begann 1979 in der Türkei. Das Ziel der kommunistisch orientierten Partei war nicht nur die zukünftige Errichtung eines sozialistisch organisierten kurdischen Staates, sondern darüber hinaus eine tiefgreifende Veränderung der Gesellschaften in der gesamten Region bereits auf dem Weg dorthin. Dabei stellte die PKK die Lebensweise im Orient als auch die der westlichen Lebenskultur grundlegend in Frage und versuchte konkrete Alternativen während des Kampfes zu entwickeln. Dies unterschied die Bewegung von anderen auch linksorientierten Befreiungsbewegungen auf der Welt, und der kurdische Befreiungskampf wurde in den 90er Jahren auch für die Linke in den westlichen Metropolen attraktiv. Denn die PKK begann sich intensiv mit der Geschlechterfrage auseinander zu setzen, die Frauenorganisierung auch umzusetzen und der westlichen Individualisierung und Vereinzelung ein streng kollektives Lebensmodell entgegenzusetzen. Bei diesem Modell tauschten sich die KämpferInnen in den Bergen täglich gemeinsam aus, resümierten das Erlebte, und es wurde versucht, dass die jeweiligen Gruppen Teil am Leben eines jeden Einzelnen haben.
Im Gegensatz dazu sollten die alten autoritären Strukturen von Großfamilien und Clans der bisherigen Gesellschaft abgelegt werden, aber auch das Sektierertum in Kleingruppen oder eine Individualisierung durch Zweierbeziehungen verhindert werden. So entwickelte sich der Kampf der PKK in wenigen Jahren zu einer Massenbewegung von Millionen Menschen in Kurdistan und Westeuropa.

BRD und Solidaritätsbewegung

In der BRD war die PKK Mitte der 90er Jahre mit mehr als 500 000 AnhängerInnen eine der stärksten linken Organisation. Von ExilantInnen und UnterstützerInnen wurden bundesweit hunderte politisch-kulturelle Vereine gegründet und die Organisierung in der BRD vorangetrieben. Massendemonstrationen mit bis zu 150 000 Menschen machten in vielen Städten auf den Befreiungskampf aufmerksam.Die deutsche Regierung reagierte mit einer Kriminalisierungskampagne, welche 1993 im PKK-Verbot ihren Höhepunkt fand. AktivistInnen kamen ins Gefängnis und viele Vereine wurden durch die Polizei geschlossen. In diesem Moment solidarisierten sich viele Linke in der BRD mit der kurdischen Bewegung. So entstand eine bundesweite Solidaritätsbewegung, welche einzelne Gefangene betreute und versuchte mittels Öffentlichkeitsarbeit und Demonstrationen der Kriminalisierung entgegenzutreten.In Kurdistan wurden deutsche Militärberater aktiv, die von der Bundesregierung geschickt, die türkischen Truppen unterstützten. Neben den USA war die BRD der Hauptlieferant von Panzern und anderen schweren Waffen, um den kurdischen Aufstand im NATO-Land Türkei niederzuschlagen. Mit dieser politischen und militärischen Unterstützung der BRD konnte die türkische Armee über 3 500 kurdische Dörfer zerstören und zehntausende Menschen töten, während die Aufklärungs- und Solidaritätsarbeit in der BRD gleichzeitig behindert wurde. In den kurdischen Gebieten kämpften zeitweise hundertausende türkische Soldaten und betrieben dort eine Politik der verbrannten Erde. So wurde die kurdische Guerilla unter Führung der PKK letztlich militärisch unter Druck gesetzt.
Mitte der 90er Jahre befand sich die radikale Linke in Deutschland zunehmend in einer Krise und wurde zahlenmäßig immer kleiner. Anstatt sich in gesellschaftspolitische Konflikte einzumischen, bevorzugten große Teile der Linken, sich in Theoriedebatten zu verlieren. Ausdruck dieser Ignoranz war auch die Annäherung an den kulturellen Mainstream. Demzufolge erschien die kommunistisch ausgerichtete Massenorganisation der PKK mit ihrer konkreten Politik für einige Linke als eine ernsthafte Alternative. Die PKK der 90er Jahre stellte in ihrem Sozialismusverständnis die bisherigen realsozialistischen Modelle stark in Frage und kritisierte ihren staatskapitalistischen Charakter. Darüber hinaus kritisierte sie das nach wie vor traditionelle Frauenbild innerhalb der realsozialistischen Gesellschaften.

Zur Veranstaltung

Die Identifikation mit der kurdischen Bewegung ging für einige Linke in der BRD so weit, dass sie bereit waren sich der PKK mit allen Konsequenzen anzuschließen. Die Referentin Anja Flach war eine von ihnen. Sie lebte und kämpfte mehrere Jahre in der Frauenarmee der Guerilla in Kurdistan. Dabei lernte sie die Selbstorganisierung der Frauen in der Guerilla kennen und deren Auswirkungen auf die patriarchal geprägte kurdische Feudalgesellschaft.
Anja Flach wird aus ihrem Buch vortragen und von ihren Erfahrungen bei der Guerilla erzählen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht die Frage inwieweit eine Befreiung der Frau durch die PKK in der traditionellen kurdischen Gesellschaft wirklich stattgefunden hat. Hat sich das Bild des "Mannes" und der "Frau" im heutigen Kurdistan gewandelt? Haben die Impulse aus der Guerilla und dem Kaderapparat die breite Bevölkerung der Region erreicht?
Aber auch die Funktion Abdullah Öcalans, dem Parteivorsitzenden und Hauptorganisator des Kampfes der Frauen in Kurdistan soll näher hinterfragt werden. War die PKK durch ihre Verordnungen von oben nicht doch ein in sich autoritär geprägtes System? Und natürlich ist für uns interessant was heute eigentlich aus der PKK und ihrer Frauenpolitik geworden ist.
Vor fünf Jahren wurde Abdullah Öcalan von Geheimdiensten entführt und ist seitdem auf der Gefängnisinsel Imrali in der Türkei inhaftiert. Die PKK löste sich vor einiger Zeit auf und gründete sich unter dem Namen Kongra-Gel neu. Ein Wechsel in den Zielen hat stattgefunden, die kurdische Bewegung kämpft nicht mehr für einen unabhängigen sozialistischen Staat. Was hat sich noch geändert?


"Kämpfend befreien wir uns; befreiend verändern wir uns; verändert lernen wir neu zu lieben..."

1993 begann die YAJK (Yeketiya Azadiye Jinen Kurdistan, Union zur Befreiung der Frauen Kurdistans) an, eine unabhängige Armee innerhalb der kurdischen Guerilla, der ARGK (Volksbefreiungsarmee Kurdistans) aufzubauen. Das stellt vor dem Hintergrund der Situation der Frauen in Kurdistan eine bemerkenswerte Entwicklung dar.
Die patriarchale kurdische Gesellschaft hatte die Frauen völlig an den Rand gedrängt. Eine Auseinandersetzung mit der Frauen- und Geschlechterfrage gab es nicht. Die meisten kurdischen Frauen durften nie ihr Dorf verlassen, keine Schule besuchen und wurden wie Leibeigene in der Familie gehalten. In einem autoritär fixierten Familiensystem unter absoluter Führung des ältesten Mannes galt ihr persönlicher Wille und ihre Individualität nichts. Dies äußerte sich besonders krass in der Praxis der Zwangsverheiratung.
Demnach waren in der Anfangsphase der PKK nur wenige Frauen in der Armee. Die wenigen kämpfenden Frauen wurden als "Fremdkörper" in der Guerilla gesehen. Das harte Guerillaleben wurde den meisten nicht zugetraut. Entweder wurden sie für Logistik-Aufgaben eingeteilt oder wieder nach Hause geschickt - die militärischen Auseinandersetzungen sollten ihnen vorbehalten bleiben. Unter diesen Bedingungen wurde bald deutlich, dass sich die Frauen speziell organisieren müssen, um einen eigenen Raum zu erkämpfen, fernab von Konkurrenz zu und Unterdrückung von Männern.

Anfang der 1990er Jahre fanden in vielen nordkurdischen Städten zahlreiche Volksaufstände statt, die hauptsächlich von Frauen angeführt wurden. Damit waren die Frauen nicht mehr von der politischen Bühne zu verdrängen, und viele schlossen sich der Guerilla an. Für die meisten Frauen bedeutete die Guerilla, sich aus den patriarchalen Familienstrukturen und ihrer Willkür befreien zu können und erstmals respektiert und als selbständig denkendes menschliches Wesen wahrgenommen zu werden. Frauen innerhalb der Guerilla waren aber keinesfalls selbstverständlich. So entwickelte sich durch die Konfrontation mit den Männern in der Guerilla erstmalig das Bewusstsein, dass die Befreiung der kurdischen Gesellschaft untrennbar mit der Befreiung der Frau zusammenhängt.
Der Aufbau der Frauenarmee begann 1993 mit der Initiative des Parteivorsitzenden Abdullah Öcalan. Durch die Autorität des Parteivorsitzenden erlangte die Existenz von Frauen in der Guerilla auch in Führungspositionen eine breite Akzeptanz innerhalb der kurdischen Bewegung. Die Frauenarmee sollte "befreites Gebiet" darstellen, in dem Frauen sich unabhängig von Männern entwickeln und Stärke erlangen können.Fraueneinheiten und ein YAJK-Zenralkommitee wurden gegründet. Vielen Frauen war die politische Tragweite der Frauenarmee jedoch nicht bewusst, Frauenbefreiung war für sie eine individuelle Frage. Regelmäßige Kritik- und Selbstkritikplattformen, dessen fester Bestandteil die Geschlechterfrage war, trugen dazu bei, "geschlechtsspezifisches" Verhalten regelmäßig zu reflektieren: alle sind verpflichtet daran teilzunehmen, dadurch sind auch alle dazu angehalten, die eigene Sozialisation zu überdenken und sich weiter zu entwickeln.
1995 organisierten viele Frauen eine Konferenz im Kampfgebiet, an der mehr als 350 Frauen aus allen Teilen Kurdistans teilnahmen. Diese Konferenz stellten einen weiteren Aufbruch dar, Ergebnisse wurden ausgewertet, Erfolge und Misserfolge der YAJK diskutiert. Die Notwendigkeit der Frauenorganisierung vor dem Hintergrund der kurdischen Gesellschaft wurde analysiert und betont.
Vier Jahre später wurde die erste kurdische Frauenpartei, die PJKK (Partiya Jinen Karkeren Kurdistan) gegründet. Damit zeigten die Frauen ihre Entschlossenheit, auch nach der Entführung Öcalans im Februar 1999 den Frauenbefreiungskampf weiterzuführen. Die Organisierung sollte ausgeweitet werden, um eine kontinuierliche Arbeit zu gewährleisten. Die Frauen der kurdischen Bewegung wollten nicht wieder in ein unmündiges Leben im patriarchalischen Alltag zurückkehren.
Mittlerweile hat sich die kurdische Frauenbewegung einen anderen organisatorischen Rahmen gegeben. Aufgrund interner Diskussionen gab sich die Bewegung im Juli 2004 ein mehr basisdemokratisches Modell und betonte die Wichtigkeit der Frauenorganisierung als Vorbedingung des Kampfes gegen sexistische Unterdrückung, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung.

Bottom Line