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Ausstellung und Begleitprogramm

Vom 2. April bis zum 8. Mai 2011 war die Ausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" in Göttingen zu sehen. Die Ausstellung sowie das gleichnamige Buch thematisieren die Rolle der Menschen in Asien, Afrika, Ozeanien und Südamerika während des Zweiten Weltkriegs, wie zum Beispiel deren Beiträge zur Befreiung vom Faschismus. Obwohl jede dieser Weltregionen involviert war, wird deren Rolle weder im wissenschaftlichen noch im allgemeinen Geschichtsbild wahrgenommen und gewürdigt. Dem zugrunde liegt ein vorherrschendes Welt- und Geschichtsbild, in dem sich Europa und Nordamerika selber zum Zentrum des Geschehens erklären und ihren ehemaligen Kolonien einen drittklassigen Platz zuweisen.

Die Ausstellung basiert auf zehnjährigen Forschungen und Reisen des Rheinischen JournalistInnenbüros und bietet nun umfangreiches Ton- und Bildmaterial, das die Menschen aus den entsprechenden Regionen selber zu Wort kommen lässt. Seit 2009 tourt die Ausstellung durch den deutschsprachigen Raum, wir freuen uns sehr, dass es gelungen ist, dieses wichtige Kapitel der Geschichte auch in Göttingen präsentiert zu haben.

In einem kulturellen und politischen Begleitprogramm setzten verschiedene Institutionen, Gruppen und Initiativen aus Göttingen eigene Schwerpunkte, um einzelne Themen genauer zu betrachten und in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

 

www.3www2-goettingen.de | Begleitprogramm als pdf | Veranstaltungsberichte | Aufruf Befreiung von Faschismus und Kolonialismus | Plakat | weitere geschichtspolitische Veranstaltungen | Medienberichte

 


Plakat

Veranstaltungen

In einem kulturellen und politischen Begleitprogramm setzen verschiedene Institutionen, Gruppen und Initiativen aus Göttingen eigene Schwerpunkte, um einzelne Themen genauer zu betrachten und in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Als linksradikale Gruppe mit antifaschistischem und internationalistischem Ansatz stellen wir zwei Schwerpunkte innerhalb der Ausstellung und des Begleitprogramms in den Vordergrund. Die weiteren Veranstaltungen findet ihr im Begleitprogramm der Ausstellung.


Hier findet Ihr Berichte und Fotos von bisher gelaufenen Veranstaltungen.


Weitere geschichtspolitische Veranstaltungen

Im letzten Jahr haben wir uns anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus mit der Geschichte der deutschen ArbeiterInnenbewegung und dem antifaschistischen Widerstand beschäftigt. Unsere Publikationen dazu könnt Ihr hier nachlesen.

Bereits zum 8. Mai 2005 haben wir Karl Rössel zu einer Lesung des damals neuen Buches "Unsere Opfer zählen nicht. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" eingeladen. Unseren Bericht zur damaligen Veranstaltung könnt ihr hier nachlesen.

 


Aufruf

In einem ausführlichen Aufruf setzt sich die A.L.I. mit verschiedenen Aspekten der Ausstellungsthemen auseinander. Den zwölfseitigen Aufruf könnt ihr hier als pdf-Datei runter laden (1,9 MB).

Befreiung von Faschismus und Kolonialismus

Aufruf Befreiung von Faschismus und Kolonialismus Seite 1Vom 2. April bis zum 8. Mai 2011 ist die Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ in Göttingen zu sehen. Die Ausstellung sowie das gleichnamige Buch thematisieren die Rolle der Menschen in Asien, Afrika, Ozeanien und Südamerika während des Zweiten Weltkriegs, wie zum Beispiel deren Beiträge zur Befreiung vom Faschismus. Obwohl jede dieser Weltregionen involviert war, wird deren Rolle weder im wissenschaftlichen noch im allgemeinen Geschichtsbild wahrgenommen und gewürdigt. Dem zugrunde liegt ein vorherrschendes Welt– und Geschichtsbild, in dem Europa und Nordamerika sich selbst zum Zentrum des Geschehens erklären und ihren ehemaligen Kolonien einen drittklassigen Platz zuweisen.

Die Ausstellung basiert auf zehnjährigen Forschungen und Reisen des Rheinischen JournalistInnenbüros und bietet nun umfangreiches Ton– und Bildmaterial, das die Menschen aus den entsprechenden Regionen selbst zu Wort kommen lässt. Seit 2009 tourt die Ausstellung durch den deutschsprachigen Raum, wir freuen uns sehr, dieses wichtige Kapitel der Geschichte nun auch in Göttingen präsentieren zu können.

In einem kulturellen und politischen Begleitprogramm setzen verschiedene Institutionen, Gruppen und Initiativen aus Göttingen eigene Schwerpunkte, um einzelne Themen genauer zu betrachten und in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Als linksradikale Gruppe mit antifaschistischem und internationalistischem Ansatz stellen wir zwei Schwerpunkte innerhalb der Ausstellung und des Begleitprogramms in den Vordergrund. Diese erscheinen uns besonders interessant und verweisen z.T. auf gegenwärtige Diskussionen. Der erste ist ein feministischer Schwerpunkt, der sich anhand der Geschichte des japanischen Faschismus und Koreas mit Entschädigungsforderungen beschäftigt. Der andere Schwerpunkt setzt sich mit dem Begriff der Befreiung auseinander und zeichnet anhand der Geschichte Frankreichs und Algeriens den Zusammenhang zwischen Kolonialismus, Zweitem Weltkrieg und antikolonialem Befreiungskampf nach. Unsere Absicht ist es, dem gängigen Geschichtsbild – auch innerhalb der Linken – weitere Dimensionen hinzuzufügen und unsere eigene historische antifaschistische Arbeit zu vertiefen. Im letzten Jahr haben wir uns anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung vom deutschen Faschismus mit der Geschichte der deutschen Arbeiter­Innenbewegung zwischen 1918 und 1945 beschäftigt. Dabei haben wir den Blickwinkel antifaschistischer WiderstandskämpferInnen, die in Deutsch­land aktiv waren, eingenommen. Diesen Standpunkt bereichern wir nun um eine internationalistische Perspektive.

„Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft, wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.“

(George Orwell, 1984)

Mit Geschichte wird Politik gemacht. Durch Auslassungen und Hervorhebungen geschichtlicher Ereignisse und Zusammenhänge, durch Deutungen und Verdrehungen wird ein historisches Bild von sich selbst und den anderen geschaffen, das eigenes Handeln rechtfertigen und dieses für zukünftige Interessen nutzbar machen soll. In Deutschland sind wir in den letzten Jahre ZeugInnen einer ganzen Reihe von nachhaltigen Begriffsumdeutungen in wichtigen historischen Kontexten geworden. Vormals tabuisierte Handlungsmöglichkeiten konnten zur Normalität erhoben werden. So führt Deutschland seit 1999 wieder Angriffskriege „nicht trotz, sondern wegen seiner Verantwortung für Auschwitz“ (Joseph Fischer Bündnis 90/Die Grünen). Wenn im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland von Opfern die Rede ist, sind heute vor allem die deutschen Opfer gemeint. Vom Zweiten Weltkrieg wird sodann massenmedial von der „großen Katastrophe“ gesprochen – als wäre eine Naturgewalt über die Menschen gekommen und nicht ein von Menschen gemachtes Verbrechen. Der deutsche Faschismus wird in Schulbüchern mit der DDR zu „den zwei Diktaturen“ vermengt – als wäre der industrielle Massenmord an 6 Millionen Jüdinnen und Juden mit der gesellschaftlichen Situation in der DDR vergleichbar. Die Kriegsschuld und das verbrecherische Handeln, der Zusammenhang von Ursache und Wirkung, werden in subjektiv eingefärbten Erzählungen vollkommen auf den Kopf gestellt und in politischen Kampagnen aufgegriffen.

Weniger empörend aber dennoch nachhaltig wirksam ist das hierzulande verbreitete Phänomen eines vielfach formalen Umgangs mit der Geschichte. Geschehenes wird v.a. anhand von Opferzahlen und markanten, für das eigene Erleben bedeutsamen Daten aufgezählt. Eine Auseinandersetzung mit Inhalten, das heißt mit Hintergründen und Motiven, bleibt meistens aus. Die Ausstellung und das Buch Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg machen deutlich, dass selbst dieses formale Geschichtsbild unvollständig oder gar falsch ist. Bspw. endete der Krieg zwar am 8. Mai 1945 in Europa, der Zweite Weltkrieg endete aber erst am 2. September 1945 mit der Kapitulation Japans. Die schätzungsweise 21 Millionen Menschen, die in China während des Zweiten Weltkriegs starben, fehlen in fast allen westlichen Statistiken.

Die Deutungshoheit über die Geschichte des Faschismus, der Shoa und des Zweiten Weltkriegs wird sich in den nächsten Jahren noch weiter zu Gunsten der Mächtigen dieser Welt verschieben. Denn von jenen, die authentisches Zeitzeugnis ihres antifaschistischen Widerstands, ihres Kampfes in den PartisanInnengruppen oder regulären Armeen der Befreier, ihrer Qualen in den Kerkern und Lagern der Faschisten abgeben könnten, leben immer weniger. Sie sind es, die uns bisher ihre Sichtweise der damaligen Verhältnisse weitergeben. Solange sie noch am Leben sind, sehen sich offizielle Institutionen mit der glaubwürdigen Perspektive von Opfern und WiderstandskämpferInnen konfrontiert. Sobald es in wenigen Jahren keine Überlebenden mehr gibt, wird die Geschichte nur noch von den Machthabenden geschrieben – und es ist an uns, für Blickwinkel v.a. aus dem Widerstand zu kämpfen. In Euro­pa und gerade in Deutschland stehen wir an dem wichtigen Punkt, die noch vorhandenen Informationen der Überlebenden in Zukunft zu bewahren und öffentlich wahrnehmbar zu halten.

Die Geschichtsvermittlung über die Rolle der Menschen aus dem Trikont und Ozeanien stellt sich allerdings gänzlich anders dar. Diese wurden bisher im Westen nur am Rande oder gar nicht gewürdigt. Da sie in Europa und den USA nur marginal in die Gedenk- und Geschichtsschreibung mit einbezogen wurden, muss ihrer Geschichte hier erst noch Gewicht verliehen werden. Die Methodik der Ausstellung Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, die Betroffene durch Tonbeispiele, Filme und Fotos selbst zu Wort kommen zu lassen, ist in diesem Zusammenhang als besonders positiv zu bewerten.

Das Ausblenden der Rolle Asiens, Afrikas, Lateinamerikas und Ozeaniens vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg ist nicht allein ein Phänomen der Mehrheitsgesellschaft, sondern trifft auch für die Linke zu.

Der Ausgangspunkt für diese Blindheit ist bereits in der deutschen ArbeiterInnenbewegung angelegt. Während wir heute einen geschichtlich distanzierten Blick auf den deutschen Kolonialismus Ende des 19. Jhds. werfen, befand sich die ArbeiterInnenbewegung in der Situation, mitten in dieser Zeit zu agieren. Die Sozialdemokratie zeichnete in dieser Frage leider eine teilweise sehr rassistische Haltung aus. Die Sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften waren zu keinem Protest bereit, als am 26.2.1885 auf der „Berlin Conference (1885)“ – in Deutschland die sog. „Kongo-Konferenz“ – der „Rest der Welt“ unter den westlichen Kolonialmächten aufgeteilt wurde. Für das deutsche Reich bedeutete diese Konferenz die Anerkennung als Kolonialmacht durch die Pioniere des Kolonialismus: Großbritannien, Frankreich, Holland usw. In einer Reichstagsrede am 4.3.1885 reagierte Wilhelm Liebknecht auf die Beschlüsse der „Berlin Conference“ zwar mit einer klaren Ablehnung, aber diese wurde nur mit den Interessen der deutschen Arbeiter begründet.

Die Sozialdemokraten vermuteten in der Bereitschaft der Bismarck–Regierung zum „Erwerb“ von Kolonien den Versuch, die in den kommenden Wirtschaftskrisen be­fürchteten Klassenaus­ein­andersetzungen zu entschärfen. Sie schrieben damit der deutschen Kolonialpolitik lediglich eine innenpolitische Ventilfunktion zu. Die 400-jährige Geschichte des Kolonialismus spielte in ihrem Weltbild und ihrem Politikverständnis kaum eine Rolle. Zudem zeichnete die sozialdemokratische Haltung eine wirkliche Unwissenheit aber auch Unklarheit zu Positionen des Imperialismus und des Kolonialismus aus. So verstanden sie neue kolonialistische Handelswege nach Übersee in die „nicht-zivilisierten“ Regionen bspw. als „Kulturträger“. Dieses Zivilisationsargument tauchte in der SPD hier erstmals auf und entsprach dem marxistischen evolutionistischen Schema der Gesellschaftsentwicklungen von Feudalismus über Kapitalismus hin zum Sozialismus bis zum Kommunismus. Von Friedrich Engels bis Rosa Luxemburg wurde – mal kulturalistischer, mal materialistischer argumentierend – eine Revolutionsmarschordnung propagiert, in der die industrialisierten Länder die Avantgarde und der „Rest der Welt“ ein bloßes Anhängsel sein würden. Auf dem Londoner Kongress der Zweiten Internationale 1896 wurden die kolonisierten Länder aufgefordert, in die Reihen der Internationale zu treten und ihren Kampf zu unterstützen, statt zu fragen, was die europäischen ArbeiterInnenbewegungen ihrerseits an praktischer Solidarität für die Kolonisierten leisten können.

„Wenn ihr den Kolonialismus nicht verdammt, wenn ihr euch nicht auf die Seite der kolonialisierten Völker schlagt, was für eine Art von Revolution führt ihr dann?“

Ho Chi Minh über seine Zeit bei der Sozialistischen Partei Frankreichs in Paris:

„(...) Was mich am meisten interessierte – bei den Treffen jedoch nie zur Sprache kam – war folgendes: Welche Internationale stand auf Seiten der Völker in den kolonialisierten Ländern? (...) Zuvor hatte ich bei den Versammlungen der Zelle den Diskussionen nur zugehört. Ich hatte das vage Gefühl, dass die Beiträge aller Redner eine gewisse Logik enthielten, und konnte nicht herausfinden, wer Recht hat und wer Unrecht. Doch von jetzt an beteiligte ich mich selbst an den Debatten, und zwar mit großer Leidenschaft ... Mein einziges Argument lautete: `Wenn ihr den Kolonialismus nicht verdammt, wenn ihr euch nicht auf die Seite der kolonialisierten Völker schlagt, was für eine Art von Revolution führt ihr dann?“

Dass es damals wie heute bei der Frage nach der internationalen Solidarität weniger um Mildtätigkeit oder „wer etwas für wen leisten könne“ geht, sondern um das Bewusstsein über die Zusammenhänge von weltweiten Macht– und Ausbeutungsverhältnissen, die Dynamiken kapitalistischer Krisen und die Antworten, die die Herrschenden darauf bereit halten, führte schon der Erste Weltkrieg vor Augen. Die fehlenden Begrifflichkeiten vom Wesen des deutschen Kolonialismus, vorherrschender Nationalismus und die Tendenz zur Korrumpierung mit den Mächtigen ließen nicht nur die deutsche Sozialdemokratie sehenden Auges in den Ersten Weltkrieg laufen. Dieser war ein Krieg der imperialistischen Staaten, der nicht zuletzt geführt wurde, weil die Kolonialreiche an die Grenzen der – 1885 noch einvernehmlich arrangierten – kolonialen Expansion gestoßen waren.

Diesen folgenschweren Fehlern der ArbeiterInnenbewegung steht die Tradition des „Proletarischen Internationalismus“ positiv entgegen. Anders als 25 Jahre später meuterten und streikten die ArbeiterInnen und Soldaten im November 1918 den Weltkrieg nieder. Das „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ stand dem Nationalismus entgegen und lieferte die Basis für wichtige weitere Kämpfe. Ausgangspunkt des Proletarischen Internationalismus war der Gedanke, dass die ArbeiterInnenklasse im internationalen Kapital einen gemeinsamen Klassenfeind hat und deshalb international vereinigt agieren muss.

In den 1930er Jahren folgten über 5.000 deutsche AntifaschistInnen in den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg dieser internationalistischen Idee: sie kämpften gegen den Faschismus, für die soziale Revolution oder für die Verteidigung der Republik gegen die putschenden Truppen des Generals Franco. Ihr Einsatz in Spanien war immer auch ein Kampf gegen den Faschismus in Deutschland. Im Spanischen Bürgerkrieg wurde bereits ab 1936 verhandelt und ausgekämpft, welche Seite sich in Europa zunächst durchsetzen würde. Sowohl italienische wie auch deutsche faschistische Truppen unterstützten Franco und machten den Spanischen Bürgerkrieg damit zum Testfeld für weitere militärische Aggressionen und Vernichtungskriege. In den 5 Internationalen Brigaden kämpften insgesamt 40.000 AntifaschistInnen aus mehr als 50 Nationen. Nach ihrer größten Niederlage, den Faschismus, die Shoa und den Zweiten Weltkrieg nicht aufgehalten zu haben, waren es nun v.a. deutsche AntifaschistInnen, die auf die internationale Solidarität ihrer GenossInnen angewiesen waren.

Zwischen den 1950er und 1990er Jahren schlossen die internationalistischen und antiimperialistischen Bewegungen im Westen vielfach die klaffenden Lücken klassischer linker Politik. Angefeuert von den antikolonialen Kämpfen und den nationalen Befreiungsbewegungen flocht die Neue Linke das Thema der weltweiten Ausbeutungsverhältnisse, der Kriege und der Perspektiven von Befreiung in ihre Theoriebildung, aber v.a. auch in ihre handfeste Praxis, ein. Doch selbst in diesen Hochphasen der internationalistischen Bewegungen wurde das Thema der Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ kaum wahrgenommen.

In Deutschland führte ab den 1990er Jahren eine kritische Reflexion der inhaltlichen Grenzen nationaler Befreiungsbewegungen, die Überidentifikation mit den Objekten der Solidarität und schlichtweg der Zusammenbruch der alten bipolaren Weltordnung zu einem weitgehenden Wegbrechen vom Verständnis globaler Zusammenhänge innerhalb breiter Teile der Linken. Dieser Mangel beraubt die Linke in einer Epoche der Weltneuordnungen und der Remilitarisierung deutscher Außenpolitik die Waffen ihrer Kritik und Intervention. Entstanden ist jedoch auch Neues: Bewegungen wie die Zapatistas in Chiapas/Mexiko entwickelten seit 1994 eine Befreiungsbewegung neuen Typs. Mit den gipfelorientierten Mobilisierungen seit dem WTO-Treffen in Seattle 1999 hat sich eine globale Bewegung mit neuem Selbstverständnis, zeitge­mäßen Kommunikationsformen und direktem Interventionsansatz aller AkteurInnen herausgebildet.

Selbstherrlich und siegesgewiss riefen die Herrscher der Welt vor 20 Jahren das „Ende der Geschichte“ aus. Vielfach schienen Resignation und reaktionäre gesellschaftliche Entwick­lungen den Apologeten der Macht Recht zu geben. Doch es gibt auch eine andere Geschichte, die zwar nicht von denselben AkteurInnen mit denselben Zielen zum gleichen Zeitpunkt gemacht wird – die aber dennoch Impulse der Hoffnung liefert. An vielen Orten zwingen die GipfelstürmerInnen die G8 in rote Zonen. Die Widerstände gegen den Neoliberalismus in Griechenland eskalieren. Die Revolte gegen autoritäre Regime in Nordafrika und Westasien lodert. Was morgen passieren wird und wohin es weist, wird auch von uns abhängen.

Die Ausstellung Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg kann innerhalb dieses großen Bogens wichtige Beiträge leisten. Sie kann dazu beitragen sich ein umfassendes und komplexes Bild von der Geschichte zu machen, Verständnis und Bezüge zwischen historischen und aktuellen Auseinandersetzungen herzustellen sowie einen reflektierten und selbstbewussten Internationalismus zu entwickeln.

 

Japanischer Faschismus – Korea

Sexuelle Versklavung und Entschädigungsforderungen

Neben Deutschland und Italien war Japan bedeutender Akteur des Zweiten Weltkriegs. Während der „Pazifikkrieg“ oder „Pearl Harbour“ bekannte Begriffe in der deutschen Geschichtsschreibung sind, so sind die Ideologie, die Japan verfolgte und das Ausmaß der japanischen Gräueltaten wenig bekannt und hierzulande nur schwer zu recherchieren.

Ausgangspunkt für eine Einordnung der damaligen Geschehnisse in Japan sind für uns Analysen von japanischen Antifaschisten, die vor und während des Zweiten Weltkriegs gelebt haben. Tosaka Jun beispielsweise, Mitglied der Kommunistischen Partei Japans; oder Maruyama Masao, ein japanischer antifaschistischer Christ, verfassten Texte über „japanischen Faschismus“ (fashizumu), um die Entwicklungen in Japan in einen weltweiten Zusammenhang zu stellen, anstatt eine japanische „Ausnahme“ zu suchen und die Verhältnisse damit zu entpolitisieren.

In Italien und Deutschland war der Beginn der faschistischen Systeme mit Mussolinis Machtantritt im Oktober 1922 und die Machtübergabe an Hitler im Januar 1933 genau auszumachen. In Japan hingegen gab es durch eine schrittweise Annäherung zum Faschismus keinen klaren Zeitpunkt, in dem die faschistische Bewegung durch die Übernahme der Staatsmacht eindeutig zur faschistischen Herrschaft gelangt. Der japanische Faschismus entstand während der Shôwa-Krisenkette in den 1920er Jahren. Diese hatte schwere soziale und ökonomische Verwerfungen und einen sich verschärfenden Klassenkampf zur Folge. Kapitalisten und Grundbesitzer sahen sich als Bewahrer des Tennô-Systems mit dem Kaiser an der Spitze der Gesellschaft, das sich den Krisen einer wachsenden Bedrohung ausgesetzt sah: durch eine sich radikalisierende Bauernschaft, Industrie–Streiks, eine sich emanzipierende Frauenbewegung und selbstbewusste StudentInnen. Die Oktoberrevolution von 1917 im benachbarten Russland tat ihr übriges, um den Kapitalismus auch in Japan als überwindbar erscheinen zu lassen.

Die japanischen Faschisten versprachen das Ende der Klassengesellschaft durch das Heraufbeschwören eines Staates und einer Nation, die durch „natürliche Blutsbande des Volkes“ geeint würden. Während für die italienischen Faschisten der Staat als Mittelpunkt aller Maßstäbe galt und die deutschen Nazis der „Volksgemeinschaft“ die Vorrangstellung gewährten, betrachteten die japanischen Faschisten den Tennô als Urquelle aller Ideen und Normen sowie als „Inkarnation höchster Tugend“. Staat und „Volksgemeinschaft“ wurden in Japan lediglich als Vollstrecker der Werte des Kaisers angesehen. Sein Wille war absolut und total.

Soziale Basis des sich entwickelnden japanischen Faschismus stellten die Mittelklassen dar. Ihnen war es – entgegen den ArbeiterInnenklassen – auf Grund ihrer organisatorischen Schwächen unmöglich, eigene Interessen und soziale Positionen mittels eines Klassenkampfes durchzusetzen. Die Kontrolle über das Monopolkapital und die Garantie von „Sicherheit und Ordnung“ in der Gesellschaft durch einen starken Staat, erschien den Mittelklassen für die Bewahrung ihrer erworbenen Rechte und ihrer Position als „Zentrum der Gesellschaft“ notwendig.

Seit den 1920er Jahren schlossen sich die bis dahin zerstreut operierenden, elitären rechten Bewegungen von Zivilisten mit rechten Teilen des Militärs zusammen. Die Militärs übernahmen von nun an die Führung der faschistischen Bewegung und setzen sich mit ihrer militärisch-faschistischen Politik im Staat durch. Innenpolitisch hatte das Militär seit den 1870er Jahren verfassungsmäßig garantierte Rechte durch eine direkte Verbindung zum Tennô.

Im faschistischen Deutschland und Italien wurde zunächst innerhalb der Bevölkerung die Herrschaft stabilisiert und danach die militärische Invasion im Ausland als Vollstreckung der ideologischen Ansprüche auf Erweiterung des „Lebensraums“ propagiert. In Japan ging die äußere Expansion der inneren Stabilisierung des faschistischen Systems voraus. Militärische Aktionen nach außen waren in Japan unmittelbar mit der inneren Stabilisierung des Herrschaftssystems verbunden. Die totale Mobilisierung der Massen im Sinne des Faschismus, die die Militärs beabsichtigten, wurde nur dann möglich, als die „große Illusion“ für die Verwirklichung einer neuen Verteilung der Machtsphäre der Welt zugunsten Japans im Bewusstsein der japanischen Massen fest verankert war.

Ab 1928 wurden Möglichkeiten der Meinungsäußerungen eingeschränkt und Linke inhaftiert. Der Marxismus war dabei nicht das einzige Angriffsziel. Die Kampagnen richteten sich auch gegen vermeintlich europäisches Gedankengut wie Individualismus, entgegen des asiatischen Konzeptes des kommunitaristischen Kollektivismus. Ab 1937 war es der Regierung neben der Bekämpfung linker Ideen daran gelegen, Verständnis für die „großasiatische Neuordnung“ (Daitôa shintaisei) zu verstärken. Gemäß dieser außenpolitischen Zielsetzung richtete sich die Erziehungspolitik auf zwei Aufgaben: die Ausbildung von kaiserlichen Untertanen, um die Eskalation des Krieges gegen China ideologisch zu unterstützen sowie die Ausbildung einer „großen Nation“ als künftigem „Führer in Ostasien“. Mit der weiteren Eskalation des Weltkrieges spitzten sich auch Ideologie und Organisationsform des japanischen Faschismus zu: 1940 wurden alle verbliebenen Parteien Japans von der faschistischen Bewegung „Abgeordnetenbund zur Durchführung des heiligen Krieges“ (Seisen kantetsu giin renmei) verboten. Die ersten Kriegserfolge der deutschen Wehrmacht in Europa waren unmittelbare Ursache für die schnelle Entwicklung zur Auflösung der Parteien und zur „Neuordnungs-Bewegung“ in Japan.

Der rechte Zusammenschluss aus Militärs und Faschisten vertrat die „Asiatische Monroe–Doktrin“, die darauf zielte dass Japan die Weltordnung von England und den USA zumindest in Asien durch kompromisslose militärische Konfrontation durchbricht. Die Angelegenheiten in Asien sollten so von AsiatInnen selbst gesteuert werden. Mit der Vorstellung „Asien den Asiaten“ sahen die japanischen Faschisten einem Großasiatischen Reich entgegen, mit JapanerInnen als „Herrenrasse“ an der Spitze. Zur Mobilisierung von Bündnispartnern in der Weltregion wurde diese Ideologie mit einer Rhetorik der „Befreiung der asiatischen Völker von der Kolonialherrschaft“ verknüpft. Diese vorgebliche antikoloniale Befreiung war unmittelbar mit dem Machtanspruch auf die ost- und südost­asiatischen Territorien verschränkt und diente in der späteren Besatzung als ideologische Rechtfertigung für den imperialistischen Krieg gegen China und die anderen asiatischen Staaten. Bereits seit 1910 hielt Japan Korea besetzt, 1931 begann mit dem „Mandschurischen-Zwischenfall“ der Krieg gegen China. Kriegsführung und Besatzung waren vielerorts als Vernichtungskrieg gegen die chinesische Bevölkerung zu bezeichnen: Mit Massakern an der Zivilbevölkerung, systematischen medizinischen Menschenversuchen und sexueller Versklavung von Frauen überzogen die Japaner bis August 1945 große Teile Ost-/Südostasiens und Ozeaniens.


„Ich persönlich entschied mich, Freiheitskämpfer zu werden.“

Chin Peng schloss sich mit 15 Jahren der Malayan People´s Anti–Japanese Army MPAJA an. Als späterer Generalsekretär der Kommunistischen Partei Malaysias schrieb er in seinen Memoiren My side of History:

„Jeder von uns hat die Wahl – wir können standhaft sein oder Kompromisse eingehen, wir können Geld sparen oder aus dem Fenster werfen, wir können jemanden kritisieren oder einfach wegschauen, wir können vergessen oder erinnern. Ich persönlich entschied mich, Freiheitskämpfer zu werden. (...) Ich konnte keinerlei Kompromisse mit den Japanern schließen. Ebensowenig hätte ich mich jemals mit einem System arrangieren können, das einzig auf dem Fortbestand des britischen Kolonialismus baute“.


Die japanische Armee betrieb zwischen 1932 und 1945 in den besetzten Ländern ein System von Militärbordellen. Etwa 200.000 Mädchen und Frauen wurden in diese Vergewaltigungshäuser verschleppt oder gelockt. Neben 80.000 bis 120.000 Koreanerinnen gehörten dazu auch Frauen aus China, den Philippinen, Malaya, Burma, Osttimor und Indonesien. Die verharmlosenden Begrifflichkeiten „jungshindae“ (koreanisch: „den Körper freiwillig für die Arbeit einsetzen“), „comfort stations“, oder „Trostfrauen“ sollen darüber hinwegtäuschen, dass Japan im Zweiten Weltkrieg systematische sexuelle Sklaverei betrieb.

Nach der Befreiung vom japanischen Faschismus und der Rückkehr in ihre Herkunftsländer schwiegen die meisten Frauen aus Scham und Angst vor familiärer und gesellschaftlicher Ächtung über die an ihnen verübten Verbrechen. Erst der Auftritt einer Leidensgenossin im koreanischen Fernsehen rüttelte viele Frauen nach 46 Jahren auf. Kim Hak–Sun sprach 1991 über ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg und forderte Frauen, denen ähnliches angetan wurde, auf, gemeinsam aktiv zu werden. Der Koreanische Rat für den sexuellen Missbrauch durch das japanische Militär zwangsrekrutierter Frauen ermutigte viele ehemalige Zwangsprostituierte dazu, an die Öffentlichkeit zu treten und von der japanischen Regierung ein Schuldeingeständnis, Abbitte und Entschädigung zu fordern: „Wir erwarten, dass die japanische Regierung die Wahrheit enthüllt, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht, sich offiziell für diese Verbrechen entschuldigt, die Opfer (...) entschädigt, die Geschichtsbücher korrigiert und ein Mahnmal errichtet“. Seit Januar 1992 demonstrieren die Frauen mit UnterstützerInnen wöchentlich vor der japanischen Botschaft in Seoul, im Frühjahr 2011 wird die eintausendste Kundgebung stattfinden. Japan ist bisher nicht auf die Forderungen der Frauen eingegangen.

Im Dezember 2000 veranstalteten Frauen aus verschiedenen Ländern in Tokio ein Internationales Kriegsverbrechertribunal über sexuelle Versklavung durch die japanische Armee 1932 bis 1945. Nach der bewegenden Anhörung von Zeuginnen bewertete das Tribunal das System der Zwangsprostitution im Zweiten Weltkrieg als integralen Bestandteil der Kriegsstrategie des japanischen Staates. Den alliierten Siegermächten des Zweiten Weltkrieges legte das Tribunal zur Last, die Verbrechen nach Kriegsende nicht verfolgt und die Täter so unbelangt gelassen zu haben.

In Japan werden die koreanischen Frauen von feministischen Initiativen und MenschenrechtsaktivistInnen unterstützt. Sie sammeln Informationen, leisten Öffentlichkeitsarbeit oder übergeben gemeinsam mit den ehemaligen Zwangsprostituierten gesammelte Unterschriften. Seit Oktober 2009 hat eine neue japanische Regierung immerhin eine „Arbeitsgruppe zur Vergangenheitsbewältigung“ eingerichtet. Doch auch diese erste Reaktion ist ein zynisches Spiel auf Zeit. Der Nachfolgestaat des japanischen Faschismus spekuliert darauf, dass die Frauen irgendwann zu alt und zu wenige sein werden, um ihre Stimme zu erheben.

Die Erfahrungen, die die Frauen bei der Suche nach internationaler Unterstützung gemacht haben, verdeutlichen die heiklen Bezüge der Themen „Entschädigungsforderungen, Krieg und sexualisierte Gewalt gegen Frauen“ zur Gegenwart. Einerseits haben die Koreanerinnen wichtige Erfolge erzielt: Sie erwirkten Resolutionen in den Parlamenten der USA und Kanadas. Auch vor dem Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages wurden sie im Dezember 2010 empfangen. Tatsächlichen diplomatischen Druck gegen Japan werden diese Verbündeten allerdings kaum folgen lassen. Deutschland hat genug eigenen Dreck unter dem Teppich: Im Zweiten Weltkrieg wurden sowohl für die deutsche Wehrmacht aber auch in den Konzentrationslagern Zwangsbordelle betrieben. Frauen wurden mit Gewalt aus den besetzten Gebieten oder Konzentrationslagern verschleppt und zur Pros­titution gezwungen. Als Opfergruppe sind sie bis heute nicht anerkannt. Anfang des Jahrtausends hat Deutschland unter der rot–grünen Bundesregierung die Entschädigungsforderungen ehemaliger ZwangsarbeiterInnen mit einem Almosen abgespeist und die deutschen Konzerne so vor internationalen Klagen bewahrt. Und Krieg – das wissen die USA, Kanada, Deutschland und Japan gemeinsam – ist das staatlich organisierte und legitimierte Morden durch Männer, bei dem Gewalt und Vergewaltigung gegen Frauen dazu gehören. Die lange Liste der öffentlich skandalisierten Ausbildungspraxen bei der Bundeswehr lassen erahnen, worauf sich Soldaten für ihre Kampfeinsätze vorbereiten. Dazu gehören auch eingeübte Scheinerschießungen, Folterpraktiken, Kreuzigungen und Vergewaltigungen. Im Frühjahr 1996 hielten Soldaten der Bundeswehr diese Vorbereitungen auf ihren Einsatz in Bosnien auf dem Truppenübungsplatz der Infanterieschule im bayerischen Hammelburg auf Fotos und Videos fest. In Regionen mit erhöhter Militärpräsenz, wie beispielsweise dem Kosovo, floriert das Geschäft mit der sexualisierten Gewalt.

Der Kampf der koreanischen Frauen für Würde und Entschädigung kann weitergehende Impulse liefern: Das bewegende Schicksal der Frauen kratzt an der zunehmenden Enthemmung des Militärischen und offenbart das bestialische Wesen des imperialistischen Krieges.


Algerien - Frankreich

Befreiung von Faschismus und Kolonialismus


8. Mai 1945: Tag der Befreiung vom Faschismus in Europa. Tag des Sieges der Alliierten. Tag des Beginns einer gewalttätigen Repression gegen diejenigen, die als Kanonenfutter wesentlich dazu beigetragen haben, Frankreich einen Platz unter den „Siegermächten“ zu verschaffen. Im Zweiten Weltkrieg hatte das „Freie Frankreich“ unter de Gaulle in seinen Kolonien 136.000 Algerier als Soldaten eingezogen. Viele Algerier meldeten sich auch freiwillig in der Hoffnung, dass das Ende des Krieges auch ihnen selber Freiheit bringen würde. So jedenfalls hatte es Frankreich versprochen. Etwa 12.000 Algerier starben für die Befreiung Europas vom Faschismus. Am 8. Mai 1945 fanden überall in Algerien Siegesfeiern statt, auch um de Gaulle an sein Versprechen zu erinnern. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen, bei denen französische Kolonialisten, Milizen und das Militär in die Mengen schossen. Es folgten grausame Massaker an der algerischen Bevölkerung. Französischen Quellen zufolge starben an diesem Tag 6–8000 AlgerierInnen, algerischen Quellen zufolge aber starben 45.000 Menschen. So erlebten die AlgerierInnen nach dem Ende des Faschismus abermals die Barbarei des Kolonialismus in brutalster Form. Der 8. Mai ist in Frankreich ein nationaler Feiertag, in Algerien jedoch ein Tag der Trauer.

Die Massaker vom 8. Mai 1945 hatten wesentlichen Einfluss auf die Entstehung einer bewaffneten Befreiungsbewegung in Algerien. Die algerische Befreiungsbewegung FLN (Front de Libération Nationale) musste acht Jahre lang von 1954 bis 1962 für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpfen. Während dieses Befreiungskrieges töteten die Franzosen eineinhalb Millionen Menschen, ein sechstel der algerischen Bevölkerung. Für die grausamsten Verbrechen setzte Frankreich in seinen Kolonien Algerien und Vietnam ehemalige deutsche Wehrmachtssoldaten ein, die nach dem Sieg über Deutschland in die französische Fremdenlegion geworben wurden.

Das bildreiche Beispiel des 8. Mai 1945 in Europa und in Algerien verdeut­licht die doppelte Herausforderung, vor der wir uns als AntifaschistInnen in Deutschland sehen: Auf der einen Seite – innerhalb des Kontextes der deutschen Mehrheitsgesellschaft – feiern wir den 8. Mai als Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus und würdigen die Leistungen der Alliierten. Auf der anderen Seite – im Kontext der fortschreitenden Weltaufteilung – handelt es sich bei den alliierten westlichen Befreiern um imperialistische Staaten, die gleich nach dem militärischen Sieg über die deutschen, italienischen und japanischen Faschisten, ihren Antikommunismus und die Aufrechterhaltung ihrer kolonialen Herrschaft in den Vordergrund stellten.

Für alle Überlebenden der Konzentrationslager, für alle AntifaschistInnen und KriegsgegnerInnen war der 8. Mai in Deutschland ihre Befreiung vom Faschismus. Wir nehmen die Perspektive dieser Menschen in den heutigen Diskussionen ein und machen sie innerhalb der deutschen Gesellschaft zu unserem Standpunkt.

Zugleich aber ist uns bewusst, dass die westlichen Alliierten nach dem Sieg über die Nazis kein ernsthaftes Interesse daran hatten, die alten faschistischen Eliten zu entmachten oder einen tieferliegenderen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Die USA, Großbritannien und Frankreich setzten hierzulande in ihren Besatzungszonen auf Restauration. In ihren Kolonien setzten sie auf blanken Terror, um ihre Einflusssphären zu sichern und die beginnende Dekolonisierung zu verzögern.


Der Zweite Weltkrieg als Ausgangspunkt antikolonialer Befreiungskämpfe

Der Zweite Weltkrieg hatte unmittelbare Auswirkungen auf die kolonisierten Länder, in denen sich nun antikoloniale Befreiungsbewegungen entwickelten. Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg übernahmen im algerischen Befreiungskampf führende Rollen.

Die Franzosen beschworen die Menschenrechte und die Werte der Aufklärung, aber Soldaten des Freien Frankreich, wie bspw. Frantz Fanon, bekam en in der französischen Armee zugleich zu spüren, wie es einer unterdrückten Minderheit erging. Als Soldat aus Martinique wurde er besser behandelt als jene aus den afrikanischen Kolonien. Doch auch Fanon war täglich mit Rassismus in der Armee konfrontiert. Die Europäer benutzten die Afrikaner als Kanonenfutter und duldeten „Schwarze“ höchstens als Übersetzer neben sich. Seite an Seite mit den eigenen Kolonialherren kämpfend und dieselben Schmerzen erleidend erkannten die Kolonisierten, dass sie eigentlich nichts voneinander trennt. Die „weißen“ französischen Soldaten bezogen sich stattdessen aber eher positiv auf deutsche Soldaten als auf ihre „schwarzen Kameraden“. Diese Erfahrungen haben das Bewusstsein der Kolonisierten verändert, die ihr Leben für ihr „Mutterland“ gaben oder riskierten und gleichzeitig als Menschen dritter Klasse behandelt wurden.

Kurz vor dem Sieg der Alliierten ordnete de Gaulle an, „schwarze“ afrikanische Soldaten durch „weiße“ Franzosen zu ersetzen, um junge Franzosen an der Befreiung Frankreichs und dem militärischen Sieg teilhaben zu lassen. Nachdem afrikanische Soldaten maßgeblich zum Sieg beigetragen hatten, wurden sie von ihren Frontpositionen abgezogen, wobei sie ihre Waffen und Uniformen abgeben mussten. Dem Sieg zum Greifen nahe, wurde ihnen erklärt, dass ihre Dienste nun nicht länger benötigt würden und sie auf ihren Rücktransport nach Afrika zu warten haben.

Auch der Einsatz afrikanischer Soldaten in Süd– und Südostasien brachte festgefügte Vorstellungen ins Wanken. Sie konnten erkennen wie die britischen Kolonialisten die verschiedenen Bevölkerungsgruppen gezielt gegeneinander ausspielten oder benutzten. Die Aufenthalte als Soldaten in den verschiedenen Weltregionen führten zu Diskussionen mit Menschen anderer kolonisierter Länder über Unabhängigkeit und Freiheit.

Das Image der Überlegenheit der Europäer, mit dem der Kolonialismus unter anderem legitimiert wurde, war durch die Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die westlichen Imperien waren zunächst nicht in der Lage, den deutschen, italienischen und japanischen Angriffen zu widerstehen. Der Mythos von den unbesiegbaren Kolonialherren war zerbrochen. Auch kümmerten sich die USA, Großbritannien oder Frankreich nicht um das Schicksal der Zivilbevölkerungen in ihren Kolonien. Diese standen dem faschis­tischen Terror alleine gegenüber und organisierten häufig einen opferreichen aber erfolgreichen Guerillawiderstand gegen die faschistischen Besatzer. Das so gewonnene Selbstbewusstsein, die gesammelten Erfahrungen und die militärische Ausrüstung legten es vielerorts Nahe, eine Neuauflage des alten Kolonialismus nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zu akzeptieren.

„Los, meine Kampfgefährten!“

Frantz Fanon 1961, Die Verdammten dieser Erde:

„Los, meine Kampfgefährten, es ist besser, wenn wir uns sofort entschließen den Kurs zu ändern. Die große Nacht, in der wir versunken waren, müssen wir abschütteln und hinter uns lassen. Der neue Tag, der sich schon am Horizont zeigt, muss uns standhaft, aufgeweckt und entschlossen antreffen. (...) Los Genossen, Europa hat endgültig ausgespielt, es muss etwas anderes gefunden werden. Wir können heute alles tun, vorausgesetzt, dass wir nicht Europa nachäffen, vorausgesetzt, dass wir nicht von der Begierde besessen sind, Europa einzuholen“.

1962 erlangte Algerien die nationale Unabhängigkeit. Zuvor hatten Frankreich und die Milizen der „colons“ – der weißen Siedler – ihre Grausamkeiten maßlos gesteigert und auch ins „Mutterland“ heim geholt. Im Oktober 1961 massakrierten französische Polizisten hunderte algerische Demonstranten mitten in Paris. Die Leichen wurden teils in die Seine geworfen und trieben durch die Stadt.

Zu einem Einlenken waren die französischen Kolonialherren gegenüber den AlgerierInnen nur bereit, wenn ihnen die Ausbeutung der Bodenschätze weiterhin garantiert würde. Französische Konzerne konnten weitere Extraprofite realisieren. Als das unabhängige Algerien 1971 die Nationalisierung der Erdöl- und Erdgasindustrie vorantrieb, verhängte Frankreich einen Wirtschaftsboykott. Der Befreiungskrieg prägte das nationale antikoloniale Bewusstsein vieler – vor allem älterer – AlgerierInnen: diese haben sehr wohl wahrgenommen, dass Frankreich mit ihnen gänzlich anders verfuhr, als mit den einstigen deutschen Kriegsgegnern. Das junge unabhängige Algerien hatte die seit 1830 währenden ökonomischen und sozialen Folgen der Ausbeutung des Landes, die Lasten des Weltkrieges und die Zerstörungen des Unabhängigkeitskrieges als Hypotheken alleine zu bewältigen. Und das innerhalb eines kapitalistischen Weltmarktes, in dem die sogenannten industrialisierten Länder ihren ehemaligen Kolonien die Spielregeln aufzwingen. Die deutschen Verantwortlichen für Weltkrieg und Massenvernichtung wurden hingegen mit Aufbauplänen und Westintegration gepäppelt und in die Reihen der imperialistischen Militär– und Wirtschaftsbündnisse aufgenommen.

Die Nachbarstaaten Marokko und Tunesien wurden nicht zuletzt wegen des Algerienkrieges in die Unabhängigkeit „entlassen“. Wie in vielen anderen Weltregionen auch wurde eine regionale rechte Elite fortan mit der Herrschaft über die einstigen Kolonien betraut. Mit diesen postkolonialen Staaten modernisierte der Westen die Form seiner Herrschaft und erhielt so vielerorts das Wesen der imperialistischen Ausbeutung und Einflussnahme bis heute.

Während dieses Befreiungskrieges entstanden in Algerien wichtige Impulse für die Diskussionen v.a. in Afrika. Der internationale Sprecher der FLN Frantz Fanon schrieb sein Werk Die Verdammten dieser Erde, das als „Kommunistisches Manifest der antikolonialen Revolution“ Verbreitung fand. „Das ist es, was Fanon seinen afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Brüdern auseinandersetzt: Entweder wir verwirklichen alle gemeinsam und überall den revolutionären Sozialismus, oder wir werden einer nach dem anderen durch unsere ehemaligen Tyrannen geschlagen werden“, schrieb Jean–Paul Sartre in seinem Vorwort des Buches. An die europäischen LeserInnen gewandt fuhr er fort: „Bisher waren wir Subjekte der Geschichte, jetzt sind wir die Objekte. Das Kräfteverhältnis hat sich umgekehrt, die Dekolonisation hat begonnen. Alles, was unsere Söldner tun können, ist, deren Vollendung zu verzögern.

Die Algerien-Solidarität der 1950er Jahre war eine der ersten internationalistischen Solidaritätsbewegungen innerhalb der westdeutschen Linken nach dem Faschismus. Die überschaubare Anzahl von etwa 300 AktivistInnen leistete Öffentlichkeitsarbeit, transportierte Geld, Personen oder Materialien für die FLN und verhalf 4.000 kriegsmüden Deutschen in der französischen Fremdenlegion zur Flucht. Durch Sabotage versuchte die FLN-Solidarität zudem „im Herzen der Bestie“ die französische Wirtschaft zu destabilisieren. Die Hoffnungen der InternationalistInnen bauten auf den emanzipatorischen Charakter, den Teile des nationalen Befreiungskampfes in sich trugen. 1956 wurde auf einem FLN-Kongress die soziale Revolution diskutiert und beschlossen. Selbstreflektierend hielten die Solidaritäts-AktivistInnen später fest, dass die Verlagerung der Hoffnung auf ein Objekt der Befreiung in anderen Ländern auch ein Reflex auf die Resignation nach dem KPD-Verbot 1956 und die Stagnation von Klassenkämpfen hierzulande waren. In Algerien blieb nach der nationalen Befreiung von der sozialen Revolution allerdings nicht viel übrig. Schon 1965 stellten deutsche InternationalistInnen fest, dass sich ihre fortschrittlichen GenossInnen, die mit ihnen über Sozialismus und die Emanzipation von Frauen diskutiert hatten, innerhalb der neuen Situation nicht durchsetzen konnten und „plötzlich weg vom Fenster“ waren. Trotz sozialistischer Elemente im neuen Algerien dominierten Militär, Bürokratismus und Korruption. „Wir mussten feststellen, dass es leichter ist sich mit Unterdrückten zu solidarisieren als mit den Verhältnissen nach einer Befreiung“, resümierten InternationalistInnen ihre enttäuschte Erwartungshaltung.

Diese Erfahrungen der postkolonialen Zeit nahm Frantz Fanon in seinem Werk bereits vorweg, indem er zugleich anstachelnd und mahnend schreibt: „Los Genossen, Europa hat endgültig ausgespielt, es muss etwas anderes gefunden werden. Wir können heute alles tun, vorausgesetzt, dass wir nicht Eu­ropa nachäffen, vorausgesetzt, dass wir nicht von der Begierde besessen sind, Europa einzuholen“.



Plakat

Plakat Befreiung von Faschismus und Kolonialismus

Bei der Gestaltung unseres Plakates zum Bgeleitprogramm der Ausstellung haben wir uns an den Künstlerinnen und Künstlern der Gruppe OSPAAL aus Cuba orientiert. OSPAAL ist eine Solidaritätsorganisation für die Menschen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Seit Jahrzehnten begleiten die Künstlerinnen und Künstler die antikolonialen und antiimperialistischen Kämpfe mit ihren Plakatmotiven.

Vorlage unseres Plakates Befreiung von Faschismus und Kolonialismus ist das OSPAAL-Motiv Asia von 1960. Ausgetauscht haben wir den Inhalt der Schrift ebenso wie die Hintergrundmotive in der stilisierten Weltkugel. Im oberen Bildteil befinden sich 2011 ein Guerillero und eine Guerillera der Malayan Peoples Anti-Japanese Army MPAJA. Rechts im Bild ist die ehemalige Kämpferin Xiu Ning (2009) zu sehen. Sie verließ als ein der Letzten 1989 den Regenwald. In der Bildmitte ist das Denkmal für die gestorbenen Genossinnen und Genossen der MPAJA in Südthailand zu sehen. Unten im Bild befindet sich eine bewaffnete Kämpferin der vietnamnesichen FNL.

 

Das Plakat könnt ihr hier als pdf-Datei runter laden (3,7 MB).

Auf Wunsch senden wir das Plakat gegen Versandkosten gerne per Post zu. Das Motiv gibt es auch als T-Shirt bzw. girls-cut-Shirt. Aber seht selbst.
Bottom Line