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Pressemappe Hausdurchsuchung 05.12.2017

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Graffiti an der Stadthalle "Göttinger Polizisten schützen die Faschisten"

Am 12.11.2016 wurden AntifaschistInnen von Neonazis angriffen, die durch die Göttinger Polizei geschützt wurden

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Broschüre zum internationalen Frauenkampftag, dem 8. März 2005

"Kleine Reiseführerin durch den Geschlechterdschungel"

Die 16-seitige Broschüre "Kleine Reiseführerin durch den Geschlechterdschungel" veröffentlichte die A.L.I. zum 8. März 2005, dem internationalen Frauenkampftag. Begleitet wurde diese Publikation durch ein AgtiProp-Theaterstück, eine Veranstaltung und Party.

Zum 8. März 2007 erschien eine überarbeitete Neuauflage. Diese kann kann hier auch als PDF-Datei (3,9 MB) runtergeladen werden.

Die Broschüre gibt es kostenlos links unten im Roten Buchladen, Nikolaikirchhof 7 in Göttingen. Oder beim red stuff Antifaversand.

Inhaltsverzeichnis

Warum Männer nicht einparken und Frauen nicht zuhören können | Kapitalismus und Patriarchat | Wie alles begann... | Sag' mir, mit wem du schläfst.. oder Wie viel Ordnung muss sein? | Was heißt hier queer? | Abends um halb zehn bei der Antifa | linkszwodreivier... Wo gehts hier bitte zur Frauenbefreiung weltweit?


Warum Männer nicht einparken und Frauen nicht zuhören können...

Eigentlich wussten wir das ja schon immer: "Männer bzw. Frauen sind einfach so". Und jetzt gibt es dafür eine ganz einfache Erklärung: Weil die einen Jahrtausende lang gejagt und die anderen Jahrtausende lang gekocht haben, haben sie jetzt eben ganz andere Gehirne. Dass diese Erklärung ungefähr so schlüssig ist wie eine Abhandlung über Ufos in Nevada, interessiert die Bestsellerlisten nicht. Uns aber!
Gewalt und Unterdrückung gegen Frauen und alle, die nicht in das normale Bild von "Mann und Frau" passen, sind weltweit an der Tagesordnung. Soweit so schlecht und eigentlich ein Allgemeinplatz. Allerdings scheint ein Großteil der Menschen hier in der BRD zu glauben, das wäre ein Problem der "arabischen Welt" oder "irgendwo in Afrika". Und da, wo sich Unterdrückung und Gewalt auch hier nicht ignorieren lassen, sind entweder die Täter "krank" oder das Ganze wird verharmlosend "geschlechtsspezifisches" Verhalten genannt und da kommen wieder die Gehirne ins Spiel...
Aber zurück zum Anfang: Kennt ihr jemanden, der nicht, zumindest insgeheim, irgendwo Probleme mit diesem ganzen "seinen Mann stehen" oder "einfach Frau sein" hat? Wie erklärt ihr das? Hat da vielleicht früher doch einer gekocht oder eine gejagt? Und, wie ist das mit Leuten, die gar keine Lust haben zu sein, was sie sein sollen, seit die erste Frage ihres Lebens war: "Ist es ein Junge oder ein Mädchen?" Was soll "Frau" oder "Mann" eigentlich heißen?
Sind wir eigentlich nie zufrieden? Nein, sind wir nicht! Zwar steht fest, dass die Kämpfe der letzten Jahrhunderte eine Menge erreicht haben und heute vieles machbar ist, was vor ein paar Jahrzehnten noch nicht einmal denkbar war, aber dennoch ist es für uns nicht der Weisheit letzter Schluss, dass Frauen jetzt auch zur Bundeswehr dürfen und einige sogar nach Herzenslust andere Frauen oder Männer unterdrücken dürfen. Wir wollen nicht nur einen "Rollentausch" oder eine gleichmäßige Verteilung der Gewalt. Auch deswegen meinen wir, dass Sexismus niemals getrennt von anderen Sauereien wie z.B. Rassismus oder Kapitalismus betrachtet werden kann. Denn gerade die Mischung machts! Bei manchem, was heute so zu Geschlechtern und Sexualität vom Stapel gelassen wird, liegt der Teufel nämlich im Detail: Sei es einerseits das Gerede von grundsätzlich sexistischen Muslimen, sei es andererseits die Vorstellung vieler Menschen, dass die Frau "natürlich" im Zweifelsfall das Haus hütet... Aber dazu später mehr, nur soviel: Wir wollen die Befreiung aller Menschen, egal wer, egal wo!
Wahrscheinlich klingt das jetzt alles ein wenig abenteuerlich und seltsam. Das Schöne ist, es wird noch viel wilder. Wir möchten euch in dieser wundervollen Broschüre zum internationalen Frauenkampftag, dem 8. März, Theorien und Ansätze vorstellen, die nicht in der Bravo stehen und die wirklich Sinn machen. Weil sie gerade nicht das Produkt von JägerInnen und SammlerInnen sind, sondern, ganz praktisch, von Menschen entwickelt wurden, die Probleme lösen und den ganzen Mist bekämpfen wollen, statt alles, was ist, immer gleich zu "Naturgesetzen" zu machen. Wer "Geschlechter" sagt meint immer auch sich selbst. Auch dazu haben wir uns Gedanken gemacht und auch das haben wir hier aufgeschrieben, damit nicht jedeR das Rad von neuem erfinden muss.

In diesem Sinne: Gegen Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus!Freiheit braucht Bewegung! Damit alle leben, lachen und lieben können wie es ihnen passt!


Darf ich vorstellen: einer meiner besten Freunde, das Patriarchat.

Meinen Freund, das Patriarchat kann man auch Geschlechterunterdrückung nennen. Meist trägt er den Spitznamen Frauenunterdrückung oder Männerherrschaft, was über nur einen Teil seiner Persönlichkeit verrät.
Aber bleiben wir erst mal bei der Frauenunterdrückung: Sie bedeutet weltweite politische, ökonomische, psychische, körperliche und sexuelle Gewalt gegen Frauen. Das zeigt sich z.B. darin, dass Frauen zu Sexualobjekten gemacht werden- sie müssen immer attraktiv und schön sein, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Mein Freund hat es gelernt, die Frauen zu kontrollieren, durch Geburtenkontrolle und den §218. Dieser kleine Paragraph spricht den Frauen ihr Entscheidungsrecht über ihren eigenen Körper ab. Solche Machenschaften funktionieren durch den grundlegenden Verdienst meines guten Freundes, sich biologische und soziale Unterschiede zwischen Männern und Frauen auszudenken. Dadurch konnten weitgehend unterschiedliche Arbeits- und Lebensbereiche aufgebaut werden. So ist nämlich die Frau für Hausarbeit und Kindererziehung zuständig und der Mann für die Erwerbsarbeit. Früher hieß das Kochen und Jagen, heute heißt das Reproduktions- und Produktionsarbeit. Bei den Frauen geht es dabei um Produktion und Reproduktion von Arbeitskraft, also um das Gebären von Kindern und das Aufpäppeln unserer fleißigen Lohnarbeiter. Diese verinnerlichten Bereiche sind nur möglich, weil das Patriarchat den Menschen immer wieder einbläut, sie seien für die Geschlechter „natürlich". Mein guter Freund bemüht sich schon bei Menschen im Kindesalter darum, dass sie auf diese Rollen vorbereitet werden. Dabei stehen ihm die Medien wohlwollend zur Seite, die in der Werbung stets Mädchen zeigen, die eifrig mit Puppen spielen und Jungs, die ganz aggressiv mit Autos oder Zeug zum Rumballern spielen. Diese Rollen verinnerlichen die Mädchen und Jungs so sehr, dass sie in der Schule denken, Textil oder Werken macht jeweils nur der einen Hälfte wirklich Spaß. Weitere Menschen, die in das dichte Netz des Patriarchats eingebunden sind, sind die LehrerInnen, die genau solche Ansichten fördern. Das sind Beispiele wie mein Freund, das Patriarchat die Welt im Griff hat.
Für die Frauen und Mädchen bedeutet solch ein Leben täglich hübsch aussehende Kleidung tragen, nett sein, Kinder lieben und später Kinder hüten- und dazu putzen, kochen, Bewunderung zeigen, Orgasmen vortäuschen- tagtäglich, ein Leben lang, in ständiger Monotonie.

Jetzt ich- der Kapitalismus- und warum wir uns so gut verstehen.

Nun komme ich, der Kapitalismus ins Spiel. Das Patriarchat mag ich so gerne, weil ich mir seine Strukturen in vielfältiger Weise zunutze mache, auf ihnen aufbaue und sie weiterentwickele. Ein wesentliches Beispiel dafür ist die gesellschaftlich errichtete Kleinfamilie. Damit dieses Konstrukt gut funktionieren kann, wird es eben schon im Kindesalter propagiert, das wissen wir ja jetzt schon. Am meisten macht es mir Spaß, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung so nicht nur festzuschreiben, sondern sie auch zu bewerten: Die Arbeit von Frauen schätzen das Patriarchat und ich generell niedriger ein als die Arbeit von Männern. Die Frauen haben wir in den unsichtbaren privaten Bereich gedrängt, dadurch verlieren sie an gesellschaftlichem Einfluss und an Macht.
Ich möchte euch nun genauer erklären, wieso mir die geschlechtsspezifische Rollenverteilung und die Aufteilung der Arbeit in Produktions- und Reproduktionsbereich so gut gefällt: Ein zentrales Anliegen meinerseits ist die Schaffung von Mehrwert. Das bedeutet, dass ich am Ende des Tages mehr Geld haben will, als ich am Anfang eingesetzt habe. Dieses ziehe ich aus der Lohnarbeit. Also müssen meine Arbeiter mehr produzieren, als ich für sie bezahlen muss. Besonders gut funktioniert das, wenn die Arbeiter von ihren Müttern unentgeltlich produziert, also geboren und erzogen werden und von ihren Ehefrauen reproduziert, also bekocht und betuddelt, werden. Der Lohnarbeiter verkauft damit eine Ware, seine Arbeitskraft, die von Frauen Bezahlung geschaffen wird. Auf diesem Weg werden immense gesellschaftliche Reichtümer angehäuft, die zum allergrößten Teil in der Hand der Männer liegen. Das funktioniert doch super, oder?
Ein weiterer Verdienst von mir und meinem besten Freund, dem Patriarchat ist, dass wir es geschafft haben, den Frauen soviel von ihren „natürlichen" Aufgaben zu erzählen, dass sie zusätzlich noch die unentgeltliche Versorgung von Alten und Kranken freiwillig übernehmen was mir wiederum enorme Kosten erspart. Wenn die Frau doch aus ihrer Zuweisung zur Hausfrau, die von ihrem Mann ernährt wird und somit abhängig und verfügbar ist, raus will, kann sie gerne einen Zuverdienst in einem ungeschützten Arbeitsverhältnis erwerben. Meist in schlecht entlohnten Frauenberufen wie Kassiererin oder Putzfrau. Das Schöne für uns an diesen Arbeitsverhältnissen ist nämlich, dass wir bei unseren Umstrukturierungen, wie z.B. bei der Arbeitsmarktreform Hartz IV, die Frauen als erstes auf der Strecke lassen können. So bin ich halt... Läuft doch wie geschmiert, oder? Die Frauen, die einen Hauptverdienst erzielen müssen oder wollen, haben meist zum Glück begriffen, dass sie die Kindererziehung und Männer-Bekochung trotzdem noch zusätzlich leisten müssen.
Die geschlechtliche Arbeitsteilung ist für mich also durchaus profitabel, deshalb habe ich eine so enge Freundschaft mit dem Patriarchat geschlossen. Ihn gibt es übrigens schon mehrere tausend Jahre auf der ganzen Welt, nur mit wenigen Ausnahmen. Im Gegensatz zu mir ist er also schon ein echter Opa, hält sich aber immer noch sehr fit. Ach ja, eine Sache ist mir noch sehr wichtig:
Am schönsten ist, dass mein Freund, das Patriarchat bis jetzt kaum in einer seiner Wurzeln, nämlich der Konstruktion von Geschlecht, angegriffen wurde. Der Widerstand richtete sich hauptsächlich gegen die Trennung von materiellen und strukturellen Ressourcen wie Geld, Bildung, Prestige und Handlungsspielräumen von Männern und Frauen. Deshalb musste sich mein Freund schon oft zurückziehen oder verstecken, konnte jedoch kinderleicht immer weiter überleben. Die Kritik an den Schubladen von Mann und Frau wurde bisher noch nicht tiefgreifend in die Angriffe gegen meinen Freund aufgenommen. Ansatzweise wurde die Konstruktion der zwei Geschlechter in der Bewegung von Schwulen und Lesben kritisiert. Aber ich möchte lieber nicht zu viel verraten, sonst kommt ihr noch auf dumme Gedanken...


Wie alles begann...

Mit der Industrialisierung in Europa begann eine Neuordnung der Geschlechterollen. Auch wenn die Realität der Lohnarbeit ganz anders aussah, entwickelte das Bürgertum eine Ideologie, die sich in den nächsten hundert Jahren durchsetzte: Männer arbeiteten zumeist in der Fabrik und Frauen sorgten für Kinder, alte Menschen und den Haushalt. Als es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überall nach Revolution riecht, dachten viele Frauen, höchste Zeit, sich aus der Unterdrückung und Bevormundung durch die Männer zu befreien. Frauen organisierten sich, gründeten Vereine und Verbände, um ihre Forderungen an die Öffentlichkeit zu tragen und durchsetzen zu können. Frauen aus den bürgerlichen Schichten der Gesellschaft forderten mehr Zugang zu Bildung, Kultur und Einfluss. Frauen aus den unteren, lohnabhängigen Schichten kämpften für eine Verbesserung ihrer konkreten Lebensverhältnisse. Hierbei verbanden sie die Frauenbefreiung mit einer grundsätzlichen Kritik am kapitalistischen System. Mit der Novemberrevolution 1918 erreichten Frauen das Wahlrecht und einen leichteren Zugang zu Universitäten. Im deutschen Faschismus wurden viele der erkämpften Frauenrechte wieder gewaltsam zurückgedrängt.
Neue Bewegung kam in die feministischen Theorien und Kämpfe in den späten 1960ern. Vielen Frauen wurde ihre Unterdrückung und Benachteiligung im täglichen Leben erst bewusst als sie sahen, wie andere Frauen sich auflehnten. Zentral für ihre Theorien war der Ansatz der Geschlechterdifferenz, der davon ausgeht, dass Männer und Frauen von Natur aus (körperlich) unterschiedlich seien. Die Begründungen für die Unterdrückung der Frau aus Psychoanalyse, Biologie oder Religion wurden vehement kritisiert. Unterschiede im Verhalten sind bedingt durch Sozialisation: Erziehung, Medien, usw. Daher müssen sich alle Frauen der Welt gemeinsam gegen ihre Unterdrücker zur Wehr setzen. Das Patriarchat (Männerherrschaft) besteht in der Kleinfamilie wie in den Regierungsebenen der Staaten. Sogar über den Körper der Frauen bestimmen Männer, z.B. durch den damaligen §218, der Abtreibung generell unter Strafe stellte. Frauen erkämpften sich eigene Räume (Frauenhäuser, Frauenverlage, etc.) zum Schutz vor Gewalt, zur unabhängigen geistigen Entwicklung und zur gesellschaftlichen Teilhabe. Auch bewaffnet kämpfende Gruppen wie die „Rote Zora" vertraten diesen Ansatz.
In den 1970er und 1980er Jahren zeichneten sich verschiedene Strömungen in den feministischen Theorien ab: Die Essentialistinnen glauben, unveränderliche weibliche und männliche Eigenschaften zu erkennen, die den Körpern natürlicherweise anhaften und sich im Verhalten widerspiegeln. Umstritten ist hierbei, wieviel Bedeutung diese Unterschiede im Alltag haben sollen. Im Extremfall, vertreten durch die Ökofeministinnen, werden angeblich spezifisch weibliche Eigenschaften wie Emotionalität und Reproduktion durchweg positiv dargestellt und als weibliche Lebensaufgabe betrachtet. Die Ökofeministinnen befürworten eine einfache Umkehrung des Machtverhältnisses zum Matriarchat (Frauenherrschaft), um die Welt vor dem „zerstörerischen Einfluss" der Männer zu retten.
Vorwiegend von schwarzen Frauen aus den USA wurde ein Standpunkt eingebracht, nach dem nicht alle Frauen auf der Welt den gleichen Kampf führen können. Ihre Lebensrealitäten sind schließlich verschieden und das Patriarchat ist mit anderen Unterdrückungsverhältnissen wie Rassismus und Kapitalismus verschränkt. Eine weiße Frau aus der Oberschicht kann demnach durchaus eine schwarze Frau aus der Unterschicht unterdrücken.
Begrifflich geklärt wurde in den 1970ern die Unterscheidung von sex und gender. Dabei meint sex das biologische Geschlecht, welches nur für die Reproduktion wichtig ist. Gender hingegen bezeichnet und stellt die kulturell und sozial geprägten Geschlechterollen dar, die es aufzubrechen gilt. Aus der Schwulen- und Lesbenbewegung kam der Impuls, desire als weiteren Begriff einzuführen: Sexuelles Begehren ist nicht durch den Körper vorbestimmt, sondern individuell ausgeprägt und wird stark gesellschaftlich und medial beeinflusst. Erstmals in feministischen Theorien wurde hier auch von den Männern verlangt, ihre Geschlechterrolle zu hinterfragen. Was dann auch von einigen Männern versucht wurde...
Doch, wenn wir schon alles hinterfragen, warum sollen Menschen für die Reproduktion bestimmt sein? Dann wären diejenigen, die sich nicht vermehren können oder wollen, weniger wert? Die Denkrichtung, die alles hinterfragt heißt Konstruktivismus, ein philosophischer Ansatz, der Mitte der 1970er in den USA und seit den 1980ern auch in Deutschland aufkam. Demnach ist die Wirklichkeit in der wir leben von uns selbst konstruiert und wird von allen Menschen in ihren alltäglichen Handlungen reproduziert. Für das Geschlechtermodell heißt das: Männer und Frauen werden als Gedankenmodell konstruiert, um etwas eigentlich viel Komplexeres zu ordnen. Wenn das Modell irgendwo nicht passt, wird nachgebessert, am Modell oder schlimmer, an den Menschen. Die Behauptung, es gäbe (nur) zwei Geschlechter, ist aber historisch und aktuell nicht haltbar. Vielmehr werden kulturelle und soziale Praxen in die Körper eingeschrieben, d.h., von Geburt an wird ein Kind zu Mann oder Frau geformt. „Männliche" und „weibliche" Eigenschaften werden gezielt antrainiert oder medizinisch erzeugt. Haben wir diese Ordnung der Welt erstmal als etwas Menschengemachtes erkannt, so können wir sie auch verändern, doch dazu später mehr...


Sag mir, mit wem du schläfst... oder Wie viel Ordnung muss sein?

Dieser Mensch hier stählt offensichtlich seinen Körper um "ganz seinen Mann stehen zu können" und besser in das klischeehafte Bild vom "starken Mann" zu passen. Man könnte meinen, er versucht sein Geschlecht durch die Produktion von Muskelmasse an seinem Körper sichtbar zu machen. Ein Mann, der seinen Körper nicht derart künstlich aufpumpt, sieht eben nicht so herrlich männlich aus.

Doch irgendetwas irritiert an diesem Bild: Dieser doch so offensichtliche Mann hat gar keine männlichen Geschlechtsteile. Das liegt daran, dass "er" früher eine Frau war; im allgemeinen Sprachgebrauch heißt das "biologische Frau". Wie kommt es, dass es möglich ist, erst eine "natürliche Frau" zu sein und im Laufe des Lebens ein "perfekter Mann" zu werden? Solch ein Wandel verunsichert viele, weil er die Annahme untermauert, dass Geschlecht nicht biologisch gegeben oder angeboren ist, sondern gemacht wird. Das bedeutet, die gesellschaftlichen Verhältnisse, also die bestimmenden Regeln und Werte, üben Druck auf alle Menschen aus. Diese werden vermittelt durch Institutionen und Medien und werden im eigenen Zusammenleben alltäglich wiederholt. So verhält es sich auch in der Geschlechterfrage. Schon vor der Geburt wird die Frage gestellt, die alles entscheiden wird: "Ist es ein Junge oder ein Mädchen?" Von dem Moment an, in dem die Antwort darauf "klar" ist, wird das Kind von Eltern, Mit-Kindern, ErzieherInnen und LehrerInnen zu einem Mädchen oder einem Jungen "gemacht", also "konstruiert". Diese Grundeinstellung ist der Ansatz des (De-)Konstruktivismus. Er geht davon aus, dass Geschlecht sowohl sozial als auch körperlich nicht "natürlich" ist. Damit geht er wesentlich weiter als das sex-gender-Modell, denn auch in diesem Modell wird von "biologischen" Männern und Frauen ausgegangen.
Sozial wird das Geschlecht durch spezifische Kleidung und Verhaltensweisen konstruiert, die das Kind, und später der erwachsenen Mensch, annehmen sollen (Jungs sollen frech, Mädchen eher zurückhaltend sein, usw.). Damit einher geht eine ständige Selbstdarstellung als Junge oder Mädchen, Frau oder Mann. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber diese bestätigen ja bekanntlich die Regel.
Der auf dem Bild zu sehende Mensch zeigt, dass selbst dem Körper kein natürliches, biologisches Geschlecht innewohnt. Erst durch die sozialen und kulturellen Ideale werden die Körper gemacht. Sie erwecken den Eindruck des Natürlichen. In der ständigen Wiederholung von Körperkorrekturen wie dem Einsetzen von Brustimplantaten oder dem Aufpumpen von Muskelmasse, werden Körperausprägungen im Laufe des Lebens immer wieder naturalisiert. Noch deutlicher wird dieser Prozess bei Menschen, die mit uneindeutigen "Geschlechtsmerkmalen" geboren werden. Sie passen nicht in das Bild der zwei sich ausschließenden Geschlechter, deshalb werden diese Menschen brutal verstümmelt. Im Laufe des Lebens müssen diese operativen Resultate unzählige Male schmerzhaft korrigiert werden. Damit wird ihnen eine freie Entscheidung über ihren Körper und die Möglichkeit zu sexuell lustvollen Erfahrungen genommen. Den Menschen, die mit uneindeutigen "Geschlechtsmerkmalen" geboren werden, wird ein bestimmtes und damit bestimmendes Leben aufgezwungen.
Diese Menschen sind also ganz "natürlicherweise" ein drittes, viertes, oder was auch immer Geschlecht. Wie können demnach noch "Geschlechtsteile" für "männlich" oder "weiblich" stehen? Wie bezeichnen wir eine Person mit "Geschlechtmerkmalen", die halb "männlich", halb "weiblich" sind? Der Mensch hier auf dem Bild hat weibliche "Geschlechtsteile", sieht ansonsten aber aus wie ein Mann. Kann "weibliches Geschlechtssteil" dann noch für "Frau" stehen? Wie bezeichnen wir diese Person, die sich optisch dem entgegengesetzten Geschlecht durch Hormone und Operationen annähert, bis ein perfekt männlicher Köper geschmiedet wurde, die Genitalien aber nicht verändert wurden? Und welches Geschlecht besaß dieser Mensch vorher, als er sich im "falschen Körper" geboren fühlte? Wie verhält es sich hier mit den sexuellen Beziehungen dieser Person? Ist sie lesbisch, wenn sie sich jetzt zu Frauen hingezogen fühlt oder doch hetero? Es wird deutlich, Geschlecht und Geschlechterverhältnisse lassen sich nicht so einfach einteilen, wie es immer scheint. Wenn es so offensichtlich wäre, ob nun jemand eine Frau oder ein Mann ist, müsste man das ja nicht immer wieder tagtäglich durch z.B. Äußerlichkeiten betonen. Es scheint sinnvoller, nicht nur von zwei Geschlechtern auszugehen, sondern von einer Vielzahl von Möglichkeiten. In mehreren anderen Bevölkerungsgruppen auf der Welt ist dies‘ seit jeher der Fall: Die "Geschworenen Jungfrauen" in Albanien zum Beispiel, die als kettenrauchende Patriarchen über ihre Familien herrschten und ihre Männlichkeit bei blutigen Fehden unter Beweis stellten.
Wie kommt es, dass die westliche Welt nur von diesen beiden Geschlechtern ausgeht? Wir leben in einem Wertesystem, das generell von bipolaren, also von zwei gegensätzlichen, Strukturen ausgeht: Mann - Frau, Natur - Kultur, Körper - Geist, Heterosexuell - Homosexuell, usw. Davon ist immer eines das höher gestellte. Es geht also um Hierarchienbildung und Herrschaftsverhältnisse und gleichzeitig um deren Verschleierung. Gäbe es nicht die beiden Kategorien, also Schubladen von Mann und Frau, gäbe es kein Geschlecht, auf Grund dessen die Hälfte der Menschheit unterdrückt und ausgebeutet werden könnte. Die Einteilung in Mann und Frau stützt demnach das Patriarchat. Um die geschlechtliche Unterdrückung langfristig überwinden zu können ist es wichtig, dass alle Möglichkeiten von "Geschlecht" und geschlechtlichen Ausdrucksformen anerkannt werden. Geschlecht dürfte nicht mehr als "in-zwei-Pole-aufgeteilt" gesehen werden, sondern als Kontinuum. Ein Kontinuum bedeutet in diesem Fall, dass geschlechtliche Ausprägungen als fließende Übergänge gesehen werden und nicht mehr als zwei starre Kategorien. Solch ein Kontinuum stellt zur Zeit noch eine Utopie dar, es müsste sich aber langfristig in das Bewusstsein einschleichen. Hierbei ist besonders wichtig zu bedenken, dass dieses Gedankenmodell alleine auch nicht die Lösung sein kann, schließlich sind Gewaltverhältnisse gegen Frauen real und diese müssen ins Wanken gebracht werden. So kann die Politik der queer-communities, die durch ihre Identität bewusst oder unbewusst das zweigeschlechtliche System irritieren, also durch Menschen, die sich z.B. als "halb Frau", "halb Mann" fühlen oder auch sind, nicht alleine funktionieren. Frauenbezogene Politik und Projekte wie Frauenhäuser, Lesbentelefone, usw. sind demnach genauso nötig wie die Erkenntnis, dass das System der Zweigeschlechtlichkeit und die damit einhergehende Zwangsheterosexualität eine Basis des Patriarchats darstellen.

 


 

Wie definieren wir Menschen, deren Identität oder soziale Rolle nicht ihrem biologischen Geschlecht entspricht? Weibliche Ehemänner in Afrika zum Beispiel, die so viele junge Frauen heiraten können, wie ihr Wohlstand zulässt? Wie bezeichnet man Personen, die ihren Körper so weit manipulieren, dass sie sich optisch dem entgegengesetzten Geschlecht annähern, wie die brasilianischen "travestis", die sich mit Hilfe von Hormonen und Silikon einen perfekten weiblichen Körper schmieden, aber niemals eine Entfernung der männlichen Genitale in Erwägung ziehen würden? Welches Geschlecht besitzen Menschen, die sich im weiblichen Körper geboren fühlen? In welchem Stadium einer möglichen Geschlechtsumwandlung sind sie Männer oder Frauen und wie teilen wir ihre sexuellen Beziehungen ein? Ist ein erotischer Akt zwischen einer Frau und einer nicht- operierten Mann-zu-Frau-Transsexuellen eine lesbische oder eine heterosexuelle Handlung? Ist ein Inuit-Mädchen, das von den Eltern anstelle eines fehlenden Ss als Junge erzogen wird und später eine Männerrolle einnimmt, sozial ein Mann oder eine Frau in einem Männerberuf? Wir sehen, Geschlecht ist ein unsicheres Konzept mit schillernden Grenzen, die an ihren Rändern beständig zu verwischen scheinen...


Was heißt hier queer?

"To queer" meint, jemanden "irreführen" oder etwas "verderben". Die queer community als eine Gemeinschaft von Komikern zu bezeichnen, die aus bloßer Langeweile und "null Bock-Mentalität" lustig verkleidet herumhüpfen, ist allerdings etwas mehr als daneben. Auch wenn der öffentliche Sprachgebrauch anderes vermuten läßt, steckt hinter queer mehr als nur ein Modewort für lesbisch oder schwul. In diesem Sinne verstehen sich die queers als eine kritische Masse von Individuen, welche sich neue Strategien zur Aufdeckung und Verwirrung (be)herrschender Ordnungen zur Aufgabe gemacht hat. Hierzu veranstalten sie nicht nur große Paraden, bei denen sie allein durch ihr Äußeres der Gemeinbevölkerung aufstoßen, Unruhe wird vor allem durch politisch unmissverständliche Aktionen gestiftet. Mit gezielten Angriffen gegen Behörden, die Anti-Schwulen Gesetze ausführten, rückten die queers die diskriminierende Politik von staatlichen Institutionen ins Licht der Öffentlichkeit.
Obwohl sie eine soziale Theorie und eine tiefgreifende Gesellschaftskritik (queer theorie/politics) entwickelten, braucht es kein jahrelanges "Queer-Studium" um die Grundsätze zu begreifen.
Eines ihrer dringlichsten Anliegen ist, die problematischen und diskriminierenden Typisierungen von Menschen anzugreifen: Für sie ist der einzelne Mensch nicht nur ein fertiges Produkt aus der angeblich natürlichen Palette: "Frau oder Mann", "schwarz oder weiß" und "stammt aus Entwicklungsland oder Industrienation". Keine Identität, also angenommenes Geschlecht und die damit verbundene Lebensweise, und Sexualität ist natürlicher oder authentischer als eine andere. Denn, was in dieser Gesellschaft als "natürlich" deklariert wird, ist vom Menschen selbst erschaffen wie etwa der "durchsetzungsstarke Mann", die "verständnisvolle Frau", der "sensible Schwule" oder die "herrische Lesbe". Alles Kopien, alles nur nachgemacht. Eine wie auch immer ausgeprägte Lebensart steht nicht fest, sondern ist ein andauernder Prozess, in dem man oder frau ist, was man oder frau ist, weil sie etwas anderes nicht sind! Und das wird in jedem Moment neu geschaffen!
KeineR von uns ist einfach eine Frau oder ein Mann, vielmehr müssen wir das im Alltag ständig neu festigen und bestätigen, indem wir uns immer wieder bestimmten Geschlechtervorgaben angleichen oder uns von ihnen abgrenzen. Völlig unterschlagen werden diejenigen, die darunter leiden in vorbestimmten Rollen zu leben. Menschen, denen es keinen Spaß macht mit Püppchen zu spielen, sich in Kleidchen zu quetschen und Kinder zu gebären, nur weil sie biologisch eine Frau zu sein scheinen. Gleiches gilt für Menschen, die keinen Sinn in einem Leben entdecken können, in dem sie von klein auf hart und niemals ein Weichei sein dürfen, sich mit Muskeltraining quälen sollen und in dem der Rest der Zeit dazu bestimmt ist, die Familie durchzubringen, da sie die "Geschlechtsmerkmale" für Mann besitzen.Darum beabsichtigen die queers unterschiedlichste Gruppen von Menschen zu vereinen, die mit ihrer Lebensart und ihren sexuellen Vorlieben gegen gesellschaftliche Normen verstoßen (wollen). Mit dem Ziel, den Zwang zur ausschließlich hetero- oder homosexuellen Lebensweise aufzubrechen. Erlaubt ist, was (allen Beteiligten!) gefällt. Die queere Identität läßt fast unbegrenzte Möglichkeiten zu: von der Lesbe oder dem Schwulen über Bisexuelle und Transgendered zu sissis, heterosexual cross-dressers, butches, femmes, schwulen Mädchen usw. Versteht zwar keineR, aber ist auch unwichtig - nicht körperzentriert denken und handeln, sondern soziale Perspektiven entwickeln ist die Devise. Den queers geht es um die Provokation an sich. Feste Rollen und Grenzen werden aufgehoben und schließlich ins Absurde gezogen. Die butches leben z.B. ein Zerrbild patriarchaler Spießigkeit vor, wogegen eine femme typisches Unterwürfigkeitsgehabe karikiert.
Wie sinnleer und beliebig das Anpassen an Geschlechterbilder ist, wird an den unterschiedlichen Idealbildern sichtbar, die im Laufe der Zeit das Leben der Menschen beeinflussen. Wäre vor hundert Jahren die sogenannte "Karrierefrau" noch undenkbar gewesen, scheint sich in Zeiten, in denen ein Beckham öffentlich seine "weibliche Seite" entdeckt, doch etwas verschoben zu haben?
Angesichts der immer noch vorhandenen Misshandlungen und Vergewaltigungen besonders gegen Frauen, können wir allerdings nur von neuen Zwangskategorien sprechen.
Geschlecht und Sexualität sind niemals "natürlich", sondern immer gesellschaftspolitische und kulturelle Schubladen. Sexualität und sexuelle Vorlieben entstehen nicht, wie uns gerne vorgemacht wird, aus einfacher biologischer Notwendigkeit und einer gehörigen Portion Trieb; sie sind vielmehr Nachahmungen und nicht angeboren. Mit Hilfe dieser Kategorien werden Existenzen selektiert und kontrolliert - nach dem Schema: was nicht passt, wird passend gemacht.
Niemand wird also die perfekte Frau oder den perfekten Mann abgeben können, wir sind nur Kopien eines "Originals", das es nie gab und niemals geben wird. Warum also Zeit und Kraft verschwenden mit der Unterwerfung unter so beschränkende wie unnötige Kategorien, anstatt das eigentliche Problem endlich an der Wurzel zu packen...
Es kann durchaus spannend sein, sich öfter mal gegen den Zwang zur Anpassung zu wehren und immer öfter mal nicht normal zu sein. Die vorgegebenen Rollen sind hin ausgereizt und das Muster "Frau" oder "Mann" ist irgendwie ganz schön schnarchig.


Abends um halb zehn bei der Antifa

"Das Schöne an der Antifa ist", so dachte ich mir, "dass man einfach so gegen alles sein kann. Mal die ganzen Sachzwänge, konstruktive Verbesserungsvorschläge. Dass man erst einmal alles kritisieren kann. Die ganzen Schweinereien, die so abgehen. Rassismus und Sexismus, autoritäres Verhalten und so weiter. Alles, was die Gesellschaft hervorbringt und was sie so unliebenswert macht."
"Prima!", hieß es da auf meinem ersten Gruppentreffen, "dann fangen wir doch gleich bei uns an. Punkt eins: sexistische Strukturen in unserer Gruppe...". "Wie bitte?", platzte es aus mir raus, "ich bin doch hier, um was gegen Nazis und Burschis, Bullen und autoritäre Lehrer, Macker und Tussis zu machen gegen die anderen halt... Wir sind doch schon fortschrittlich, naja, wenn wer Kritik hat, das kann man doch zu Hause klären. Wie ich meine Liebesbeziehung gestalte und so, das ist doch meine Privatsache!", ereiferte ich mich. Mein Nachbar nickte heftig und setzte an, um mir hoffentlich beizupflichten. "Nee, nee", fiel ihm die Redeleitung ins Wort. "Wir haben eine quotierte Redeliste. Damit nicht immer die Schnellsten und Lautesten sprechen, nehme ich Wortmeldungen dran". "Hä?". "Na, Frauen werden in vielen Lebensbereichen benachteiligt behandelt. Frauen wird zumeist weniger Raum und Einflussmöglichkeiten gelassen. Das drückt sich zum Beispiel auch oft im Redeverhalten aus. Während viele Männer glauben, sie hätten der Welt ständig etwas mitzuteilen und einfach das Maul aufreißen, sind viele Frauen da zurückhaltender und kommen daher auch weniger zu Wort. Das drehen wir hier um und schaffen einen strukturellen Machtzuwachs für die Frauen. Nach jedem Beitrag von einem Mann kommt daher eine Frau an die Reihe. Darum ist jetzt erst einmal sie dran"."Genau", bekräftigt sie diese Regelung und geht noch einmal auf mich ein: "Also, deine Trennung von Privatem und Politischen kommt doch so nicht hin. Das Patriarchat ist ein Herrschaftsverhältnis, das sich auch in den alltäglichen Handlungen jedes und jeder Einzelnen darstellt. Wenn ein Mann morgens eine Rede über den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung hält und abends seine Frau herum kommandiert, weil das Essen noch nicht auf dem Tisch steht - ist das eine dann politisch und das andere seine Privatsache? Oder du selbst: Wenn du hier fünf Minuten lang redest, deine Stimme erhebst und jedes Wort betonst, als wäre es das Amen in der Kirche. Ist das deine persönliche Eigenart oder ist das männliches Imponier- und Dominanzgehabe?".
"Boa, jetzt stell dich doch nicht so an, so schlimm war das doch nicht", brummel ich vor mich hin. "Moment mal", erwidert sie mit ernstem Blick, "was ich als unangenehm empfinde, bestimme ich selbst und nicht du. Die Definition dessen, was ein Mensch als Aufdringlichkeit, Übergriff oder Gewalt erlebt, kann nur die Person festlegen, gegen die diese gerichtet sind. Und da diese verschiedenen Grenzüberschreitungen zumeist zum Nachteil von Frauen gerichtet sind, liegt das Definitionsrecht und die Macht, über Konsequenzen zu entscheiden hier bei den Frauen. O.K.?". "Ja, ist o.k.", denke ich mir und kann diese Bedingung akzeptieren. "Aber", frage ich zögerlich nach, denn nun bin ich doch reichlich verunsichert, "wenn ich gar nicht weiß, was andere als Überschreitung ihrer persönlichen Grenzen empfinden, woran soll ich mich dann orientieren?". "Eben darüber sollten wir auch miteinander reden, damit wir eine genauere Vorstellung davon haben. Schließlich sind doch alle Menschen vollgestopft mit billigen Klischees, was vermeintliche Männer oder Frauen angeblich wirklich wollen". "Uargh!", schütteln sich alle und lachen schließlich erleichtert.
"Ich hab da noch eine ganz andere Sache, die jetzt gar nichts hiermit zu tun hat. Aber wir müssen noch dringend ein Plakatmotiv für die Demo nächste Woche beschließen und verabreden, wer bei der Mobilisierungsveranstaltung die Eröffnungsrede hält". Schweigen im Walde. "Naja, wenn sonst niemand will, würde ich es machen", meldet sich schließlich einer. "Also, ich finde das nicht so gut", widerspricht jemand, "du bist schon die letzten Male für uns öffentlich aufgetreten, da sollten verschiedene Leute mal Verantwortung übernehmen. Und außerdem sollte das, finde ich, eine Frau machen. Schließlich sind Frauen in der Gesellschaft meistens öffentlich unterrepräsentiert. Da sollten wir ganz gezielt gegenteilige Signale setzen". Zustimmendes Gemurmel, als sich schließlich eine meldet.
"Und das Plakatmotiv? Wir schlagen dieses Bild hier vor. Ist doch echt cool: Die zwei Jungs stehen an der brennenden Barrikade und zünden sich lässig eine Zigarette an...". "Ja, echt cool die beiden Cowboys. Ich kann mich aber mit keinem der beiden identifizieren und ich finde, wir sollten unsere Politik auch nicht in solchen Geschlechterklischees öffentlich ausdrücken. Mein Alternativvorschlag ist dieses Bild: Bei diesem Menschen vor einem Feuer ist es eher uneindeutig, ob das jetzt ein Mann oder eine Frau oder egal was ist, das regt eher zum Hingucken und Nachdenken an."Drei Stunden später, wir sind nach dem Plenum noch auf eine Party gegangen. Die Musik dröhnt, ich singe begeistert mit, als sie zu mir rüberkommt und mich anspricht: "Diese blöde Sau...". "Was? Ich jetzt?", frage ich verwirrt. "Nein, so ein ekliger Typ, der hat die ganze Zeit schon so aufdringlich gegafft und mich dann auch noch beim Tanzen angegrabbelt. Aber den habe ich eben mit meiner Freundin an die frische Luft gesetzt. Jetzt guck nicht so betroffen. Los, tanzen Kleiner!", lacht sie mich an. "Ich weiß nicht", druckse ich unentschlossen rum und drehe mich suchend um. "Oho, erst deinen Schatzi um Erlaubnis fragen, was?", blödelt sie. Jetzt sehe ich meinen Freund, gut sieht er aus. Er zwinkert mir zu, ich werfe ihm eine Kußhand rüber. "Ja!", rufe ich begeistert und stürze mit ihr auf die Tanzfläche. Zusammen gehört uns die Nacht!


linkszwodreivier... Wo gehts hier bitte zur Frauenbefreiung weltweit?

Wenn wir uns im Jahr 2005 mit Fragen nach der Geschlechterordnung auseinandersetzen, antworten viele mit einem Schulterzucken: "Frauenunterdrückung, Patriarchat? Das sind doch Probleme von denen in Afrika, hier sind doch alle gleich berechtigt!" An der Oberfläche betrachtet, und im Verhältnis zu "früher" oder zur gegenwärtigen Situation von Frauen etwa in Afghanistan oder Iran, ist dieser "gedankliche Schluss" nicht falsch. Zahlreiche Lebensbereiche wurden seit den 1960er Jahren von Feministinnen und der Lesben- und Schwulenbewegung zum Positiven verändert. Viele Mädchen und Frauen erleben sich heute subjektiv als gleichwertig.
Zum "intellektuellen Kurzschluss" entwickelt sich diese Wahrnehmung, wenn sie derart vereinfachend und oberflächlich bleibt oder gar aufgeladen mit einer gehörigen Portion Rassismus, Konsequenzen für die deutsche Außenpolitik entdeckt: "Wenn hier alles so toll ist, dann haben wir die Verantwortung, auch anderen Frauen auf der Welt die Segnungen der Zivilisation zu bringen!". Kurz nach dem 11. September 2001 waren die Frauenrechte in Afghanistan, neben der Bestrafung der vermeintlich schuldigen Taliban, eines der Hauptargumente für rot/grüne Feministinnen der Regierungsparteien, für eine deutsche Kriegsbeteiligung zu werben.
Die obige Sichtweise verkennt, dass gesellschaftliche Fortschritte durch soziale Bewegungen erreicht werden. Die historische und neue Frauenbewegung, die Schwulen-/Lesben- und Queerbewegungen haben das Maß an Freiheit erkämpft, das uns heute umgibt. Dort, wo Menschen das Bewusstsein für diese Errungenschaften verlieren oder nicht mehr bereit sind, sich diese sowohl in ihrem persönlichen wie auch im öffentlichen Raum zu nehmen, gehen erkämpfte Rechte wieder verloren. An vielen Stellen ist dieser Rollback in der Geschlechterordnung in der deutschen Gesellschaft festzustellen. Etwa wenn Frauen heute wieder zu mehr freiwilligem Engagement in Schulen und Kindergärten aufgefordert werden oder wenn sie durch die Hartz IV-Gesetze in die verstärkte finanzielle Abhängigkeit von ihren Ehemännern getrieben werden.
Ebenso ist es eine naive und zynische Vorstellung, dass das Militär industrialisierter Staaten ein Mittel zur Frauenbefreiung sei. In der militärischen Auseinandersetzung gehört die Vergewaltigung von Frauen "des Gegners" zum Ritual einer jeden Kriegsführung. In Regionen mit starker Militärpräsenz, wie etwa dem Kosovo, boomen zudem Zwangsprostitution und Frauenhandel.
Das linke Gegenmodell zu solchen ideologischen Schulterschlüssen von feministischen Ansprüchen mit realpolitischer deutscher Außenpolitik ist ein internationalistischer Politikansatz. Ebenso, wie wir hier die Kämpfe gegen Ausbeutung und Ungleichheit führen müssen, fühlen wir uns mit den fortschrittlichen Kämpfen überall auf der Erde verbunden. Dabei ist eine Perspektive auf die Widerstände von unten wichtig. Für nachhaltige soziale Veränderungen, die auch die persönlichen Lebensbereiche erreichen sollen, braucht es fortschrittliche Kräfte und Bewegungen innerhalb der Gesellschaft. Fortschritt, der die Situation von Mädchen und Frauen verbessert, speist sich nicht aus westlichen "Menschenrechtsbombardierungen", sondern entwickelt sich aus sozialen Widerständen, die durch internationale Solidarität der Linken gestärkt werden können.
Beispielhaft ist die kurdische Bewegung um die ehemalige PKK in der Türkei. Ihr Hauptanliegen, kulturelle und politische Rechte für die kurdische Bevölkerung in der Türkei und in der gesamten Region zu erkämpfen, verbindet die Massenorganisation zentral mit der Frauenbefreiung und dem Aufbrechen der feudalen, patriarchalen Geschlechterrollen. Dafür wurden eigens eine eigenständige Frauenpartei und -armee gegründet. Kurdische Mädchen und Frauen haben die Möglichkeit, ihre traditionellen Familienstrukturen zu verlassen, Erfahrungen und Selbstvertrauen zu sammeln und die Geschlechterordnung öffentlich zu diskutieren und zu verändern.Einen ähnlichen Weg geht auch die zapatistische Bewegung im mexikanischen Chiapas. Die EZLN kämpft gegen die Auswirkungen des Neoliberalismus und für die Rechte der indigenen Bevölkerungsgruppen. Aus ihrem Begriff der Befreiung leitet die Bewegung auch einen feministischen Anspruch ab. Am bewaffneten Aufstand der EZLN seit 1994 beteiligen sich gerade auch viele Frauen, da sie innerhalb der zapatistischen Bewegung mehr Rechte und Freiheiten verwirklichen können als andere indigene Frauen. Ausdruck dessen ist das "Revolutionäre Frauengesetz", das Frauen sich selber erkämpft haben und das ihnen die gleichen Rechte zuschreibt wie den Männern.
Innerhalb des solidarischen Verhältnisses, das wir zu diesen Bewegungen einnehmen, gibt es auch widersprüchliche Punkte. In der Gechlechterfrage leiten viele Befreiungsbewegungen ihre Analyse biologistisch her, d.h. Frauen und Männern werden natürliche Eigenschaften und Aufgaben zugeschrieben und angestrebt werden Verbesserungen innerhalb diesen Modells. Eine Sichtweise, wie sie auch unter vielen deutschen Feministinnen weit verbreitet ist. Auch wenn wir die biologistischen Ausgangspunkte für falsch halten, so unterstützen wir doch, dass hiervon innerhalb der kurdischen oder zapatistischen Gesellschaften zunächst deutliche Fortschritte und Verbesserungen für die Lebenssituation von Mädchen und Frauen ausgehen. Hierzulande fallen diese Analysen hingegen nicht nur weit hinter den Diskussionsstand innerhalb der Linken zurück, sondern führen auch praktisch nicht weiter und enden in der Sackgasse.
Bottom Line